Unter den 6.398.276 vollkommen berechtigten Kriterien für Kunst gibt es zwei, die schlagend sind in der Beurteilung, ob dieses blinkende, schiefe, zirpende, bunte oder komplett durchsichtige Ding, das man da vor sich hat, auch wirklich Kunst ist:
Die Idee hatte ein Mensch.
Es wird auf dem Markt als Kunst verkauft.

Alle Christophers und Gabbys, die in Berliner Souterrains sitzen, ihren Flat White schlürfen, und überlegen, ob sie Zitronen aus Gips nachgießen oder lieber Pulswärmer aus Stacheldraht stricken, müssen jetzt ganz tapfer sein: Die Idee sollte gut und originell sein. Darin unterscheidet sich Kunst von Gerümpel. Allerdings braucht es manchmal nur ein wenig gute PR, um Gerümpel zur Kunst zu erklären und es zum Preis einer vergoldeten Gartenlaube zu versteigern. Es ist kompliziert.

Fernab der Datschen und Kellerwohnungen, nämlich bei Christie’s in New York, bezahlte jetzt jemand 432.500 US-Dollar für das Bild eines Mannes, den man nicht erkennen kann. Das Porträt des Edmond de Belamy besteht aus kaum mehr als einem grob gepinselten Torso mit dem Fragment eines Gesichts, very 19th century. Vielleicht konnte der Künstler das Bild nicht beenden, weil er vor Liebeskummer verging? Musste er etwa frieren und hungern in seiner Pariser Dachkammer, sich – Gott, wie romantisch – die Farben vom Munde absparen?

Nein, verehrte Seerosenteich-Liebhaber. Der Urheber des besagten Gemäldes ist eine Maschine alias künstliche Intelligenz, oder ganz postromantisch: ein Algorithmus. Drei Pariser IT-Studenten haben ein Programm mit 15.000 Porträts aus dem traditionellen Kunstkanon gefüttert und es dann auf dieser Datenbasis selbst Porträts malen lassen. Klassische Kunstschulmethodik. Ein zweites Programm musste bewerten, ob die Bilder so gut geworden sind, das sie, aus Sicht des Algorithmus, nicht mehr vom traditionellen Kunstkanon unterscheidbar sind. Zwei Maschinen spielen also den Turing-Test durch, und finden sich beide ziemlich super. Nun ja, sie hätten einen Menschen befragen sollen.

Was sie produzieren, ist von Monet- wie von Dalí-Fans eindeutig als nichtmenschlich identifizierbar: Die Bilder sind grobpixelig und schlierig, Konturen verschwimmen, Körper nehmen verzerrte Formen an. Und das hat ja erst mal etwas sehr Beruhigendes: Auch wenn der Algorithmus 15.000 Kunstwerke analysiert, kommt er nicht dahinter, was einen Menschen und dessen Abbild wirklich ausmacht. Übrigens ein Superargument für alle Schüler der 11b, die sich vor dem nächsten Museumsbesuch mit Frau Dr. Drönburg-Hüsterich drücken wollen: Bringt eh nix.

Zurück zur Frage, ob das eigentlich Kunst ist. Das Porträt des Edmond de Belamy an sich könnte man gut und gern als Gerümpel bezeichnen. Aber es wurde als Kunst zu einem horrenden Preis verkauft, weil die IT-Studenten den Leuten bei Christie’s weismachen konnten, dass es ein Meilenstein in der Kunstgeschichte sei, ein von Maschinen geschaffenes Werk zu versteigern. Das ist schon mal eine recht kluge Idee. Kunstmarkt: check. Der andere gute Einfall war das Vorhaben an sich, die bisherigen Grenzen des Maschinenlernens öffentlich vorzuführen. Menschen haben hier, wie seit Jahrtausenden, Geräte benutzt, um ihre Idee umzusetzen. Urheberin ist also nicht die künstliche Intelligenz, sondern die humane. Originalität: check.

Christopher und Gabby hat das Ganze immerhin auf neue Gedanken gebracht. Sie wollen jetzt zwei Hamster dressieren, die sich gegenseitig Mini-Burritos zubereiten und diese dann in einem Mini-Foodtruck am Berliner Alexanderplatz verkaufen. Weltkulturerbe!