Claudia Perren, geboren 1973, wuchs in Ost-Berlin auf. Sie ist Architekturtheoretikerin und Kuratorin. Von 2006 bis 2014 lehrte sie an der Universität Sydney. Seitdem ist sie Direktorin und Vorstand der Stiftung Bauhaus Dessau. Zum Interview über die Diskussion um das Bauhaus und seinen Umgang mit der Punkband Feine Sahne Fischfilet kam sie in die Redaktionsräume von ZEIT ONLINE.


ZEIT ONLINE: Frau Perren, als Direktorin des Dessauer Bauhauses stehen Sie gerade im Zentrum einer Debatte um Rechts- und Linksextremismus, um Kunstfreiheit und Zensur. Wie konnte das passieren?

Claudia Perren: Wir haben dem ZDF den Auftritt der Band Feine Sahne Fischfilet in der Konzertreihe zdf@bauhaus auf der Bauhaus-Bühne abgesagt. Das hatte zwei Gründe: Erstens haben wir von einer Mobilmachung Rechtsradikaler im Zusammenhang mit diesem Konzert gehört. Wir wollten den Rechtsradikalen vor dem Bauhaus keine Plattform bieten. So wie wir bisher immer versucht haben, sie von den symbolträchtigen Orten in der Stadt fernzuhalten, damit sie diese nicht für sich vereinnahmen können. Zweitens ist das Bauhaus-Gebäude eine Unesco-Weltkulturerbestätte, die eines ganz besonderen Schutzes bedarf, auch rein physisch. Die Strategie, die Rechten fernzuhalten, eine Eskalation zu vermeiden und gleichzeitig die Substanz zu schützen, ist uns diesmal auf die Füße gefallen.

ZEIT ONLINE: Das lag vor allem daran, dass Sie diese Strategie nicht kommuniziert haben. Als Gründe für die Konzertabsage haben Sie stattdessen angegeben, das Bauhaus sei ein unpolitischer Ort und "politische extreme Positionen, ob von rechts, links oder andere, finden am Bauhaus Dessau keine Plattform".

Perren: Wir hätten sehr viel direkter kommunizieren müssen, was die zwei Gründe für diese Absage sind. Es ging in meiner Entscheidung um Rechtsradikale, das ist aber in dem Pressestatement so nicht rübergekommen. Das würde ich auch so nicht wieder machen.

ZEIT ONLINE: Viele Leute haben in der tatsächlichen Formulierung etwas gelesen, was im Diskurs über politischen Extremismus besonders in Ostdeutschland mitschwingt: eine vereinfachende Lesart der Extremismustheorie des Chemnitzer Politikwissenschaftlers Eckhard Jesse. Demnach könne man sich die politische Gesellschaft wie ein Hufeisen vorstellen. Es gebe eine ausgeprägte Mitte und die Extreme – rechts und links – näherten sich in ihrer Gefährlichkeit einander an. Verkürzt gesagt: Antifaschismus sei genauso schlimm wie Faschismus. Sie haben sich, so liest man Ihre erste Pressemitteilung, in die Nähe dieser Theorie gerückt. Sollte das so sein?

Perren: Nein, das sollte nicht so sein. Ich kann es nur noch mal bedauern, dass es zu dieser Schieflage gekommen ist. Uns ist es völlig bewusst, dass wir uns in dieser aktuellen Situation stärker positionieren müssen. Wir haben im Moment eine ganz intensive Diskussion unter den Mitarbeitern in der Stiftung, wie wir zukünftig mit diesem Zwiespalt umgehen wollen: sich gesellschaftspolitisch zu positionieren und gleichzeitig ein Haus wie das Unesco-Weltkulturerbe zu schützen.

ZEIT ONLINE: Sie möchten also gern politisch Position beziehen. Ihre Pressemitteilungen betonen hingegen, dass das Bauhaus immer schon eine politisch neutrale Institution gewesen sei. Aus der Geschichte des Bauhauses ist doch aber bekannt, dass es immer eher dem linken Spektrum zugeordnet war. Dass es unter den Nazis gelitten hat. Dass es ihm eher als Vorwand in Zeiten der Bedrängnis diente, wenn es sich als politisch neutral dargestellt hat.

Perren: Das Bauhaus ist nicht parteipolitisch. Es ist aber sehr wohl gesellschaftlich politisch aktiv. Das sind wir auch, durch unsere Stiftungsarbeit. Wir arbeiten in Dessau zum Beispiel bildungspolitisch mit 14 Schulen zusammen, mit Kindern und Jugendlichen. Wir wissen um den Lehrermangel, wir wissen um die soziale Situation in Dessau. Wir arbeiten international sehr aktiv an den Ansätzen des Bauhauses, um die Welt nicht immer aus einer westlichen Perspektive zu beschreiben, sondern auch ganz andere Kontexte miteinzubeziehen, ganz andere Erklärungen zur Gestaltung.

ZEIT ONLINE: Können Sie uns noch mal erklären, wie es zu solchen Pressemitteilungen kommt, wenn Ihr Anliegen ein ganz anderes ist?

Perren: Ich übernehme dafür die Verantwortung. Wie gesagt, wir haben in der Kommunikation Fehler gemacht. 

ZEIT ONLINE: Wie war der zeitliche Ablauf?

Perren: zdf@bauhaus ist eine Konzertreihe, die das ZDF eigenverantwortlich durchführt. Da haben wir kein Mitspracherecht. Das Programm wird uns vorgelegt, wenn die Veranstaltungen in den Vorverkauf gehen. Wir haben gesehen, dass Feine Sahne Fischfilet spielen. Das ist so weit ja auch gar kein Problem. Als wir dann aber erfahren haben, dass sich die Situation in den sozialen Medien aufheizt, dass Rechtsradikale am Konzertabend zur Versammlung vor dem Bauhaus aufrufen und dass Feine Sahne Fischfilet darauf auch reagiert haben, mussten wir das Risiko bewerten.

ZEIT ONLINE: Es heißt, Sie hätten erst am 17. Oktober von dem Konzert erfahren. Das ist also falsch.

Perren: Ich wusste seit dem Morgen des 15. Oktober davon und habe mich, nachdem ich von der Mobilmachung erfahren habe, mit Rainer Robra, dem Stiftungsratsvorsitzenden und Kulturminister von Sachsen-Anhalt, besprochen. Er hat dann beim Programmleiter des ZDF angerufen und die Situation geschildert. Ich habe dem ZDF auch vorgeschlagen, dass wir doch einen anderen Ort für Feine Sahne Fischfilet finden können, das wollte das ZDF aber so nicht mit uns machen.

ZEIT ONLINE: Sie haben dann am 17. Oktober im Stadtrat Dessau-Roßlau gesprochen. Was ist dort passiert?

Perren: Da war die Entscheidung, das Konzert im Bauhaus abzusagen, schon getroffen. Ich war am späten Nachmittag im Stadtrat, um das Programm zum Bauhaus-Jubiläum 2019 vorzustellen. Es gab anschließend zwei Wortmeldungen, eine von den Linken, die das Programm sehr gelobt haben. Und eine vom örtlichen AfD-Abgeordneten, der gar nichts zum Programm gesagt hat, sondern nur eine Frage zu Feine Sahne Fischfilet hatte: Wie es denn sein könne, dass die Band am Bauhaus auftreten solle? Ich habe klargestellt, dass ich mit dem ZDF und dem Land in Abstimmung bin, dass das Konzert nicht auf der Bauhaus-Bühne stattfinden kann. Ich weiß, dass die AfD danach auf diese Aussage aufgesprungen ist. Meine Entscheidung hatte aber nichts mit der AfD zu tun.

ZEIT ONLINE: Woher stammt die Formulierung, dass Feine Sahne Fischfilet eine linksextreme oder politisch extreme Band sei?

Perren: Das habe ich nie gesagt.

ZEIT ONLINE: In Ihrem ersten Pressestatement geht es aber um politische Extreme, von links oder von rechts.

Perren: Ich wollte nur den Rechten, die gegen das Konzert mobilisiert haben, kein Forum bieten. Das hat mit der Art und Weise von Feine Sahne Fischfilet gar nichts zu tun.

ZEIT ONLINE: Haben Sie die Band mal gehört?

"Da darf kein Nagel in die Wand"

Perren: Ich kannte die Musik, ehrlich gesagt, gar nicht.

ZEIT ONLINE: Sprechen wir über die politische Situation in Dessau. Sie erwähnten einen AfD-Abgeordneten im Stadtrat, der Ihre Aussage im Nachhinein so dargestellt hat, als habe er Sie zu der Konzertabsage gebracht. Da könnte man denken, er habe Sie bewusst instrumentalisiert.

Perren: Der Abgeordnete hat hier etwas behauptet, was einfach nicht der Wahrheit entspricht.

ZEIT ONLINE: Das Bundesland Sachsen-Anhalt spielt im Zusammenhang mit der AfD und politischem Extremismus eine besondere Rolle. Der AfD-Abgeordnete André Poggenburg leitet hier seit Mai eine Kommission zur Untersuchung von Linksextremismus. Kritiker warnten von Anfang an vor Diffamierungen. Es gehe der AfD nur darum, Vereine und zivilgesellschaftliche Akteure zu verunglimpfen und in die Nähe von Linksextremismus zu rücken. Ist Ihnen genau das jetzt passiert?

Perren: Nein, das ist uns nicht passiert. Die Arbeit der Untersuchungskommission hatte bisher keinen Einfluss auf unser Haus und ist auch nicht an uns herangekommen.

ZEIT ONLINE: Was treibt die Leute in Dessau um?

Perren: Man hält zusammen. Dessau ist allerdings vom Altersdurchschnitt her eine der ältesten Städte, hat sehr viel Abwanderung erfahren, hat zwar kulturelle Hochburgen wie das Wörlitzer Gartenreich, das Bauhaus, dann das Umweltbundesamt, aber wenig Industrie. Die Stadt hat es schon schwer. Das ist auch ein Grund, warum wir mit dem neuen Museum, das im nächsten Jahr eröffnet wird, nicht am Bauhaus bleiben und dort eine schöne Museumsinsel schaffen, sondern wirklich in die Stadt gehen. Dahin, wo es schwierig ist, wo man ein kultureller Ort für die Stadt sein kann und nicht nur für die internationalen Touristen, die wir natürlich auch sehr gerne bei uns haben.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet es in Dessau, wenn etwas schwierig ist, und wie geht man dann dahin?

Perren: Die Stimmung ist manchmal nicht so gut. Die Hochzeiten dieser Stadt liegen in der Vergangenheit. Sie hat kein sehr starkes Selbstverständnis. Wir wollen dazu beitragen, dass die Stadt eine neue kulturelle Identität findet. Angebote machen, Orte schaffen, an denen man sich treffen und über Dinge diskutieren kann.

ZEIT ONLINE: Man könnte auch über Gleichberechtigung, Gender Studies oder Islamwissenschaft diskutieren und müsste künftig fürchten, dass Rechtsradikale lediglich ihren Besuch androhen müssen und schon würden Sie die Veranstaltung absagen – aus Angst vor Schaden am Gebäude.

Perren: Wir und andere Partner sind den Rechtsradikalen in Dessau öfter ausgesetzt. Welche Strategien entwickeln wir in nächster Zeit, wie wollen wir uns positionieren? Dafür suchen wir jetzt die Antworten.

ZEIT ONLINE: Man würde eigentlich erwarten, dass der Staat und seine Behörden die Aufgabe übernehmen, seine Bürger und Institutionen vor Störungen durch Rechtsradikale zu schützen.

Perren: Natürlich unterstützt uns die Polizei, ich stelle deren Arbeit überhaupt nicht infrage.

ZEIT ONLINE: Warum kann das Anhaltische Theater Dessau mit der Bedrohung umgehen und Sie nicht? Die Theaterleitung hat die Band nun nach einer ersten Absage wieder eingeladen.

Perren: Wir sind natürlich im ständigen Austausch mit dem Theater und der Stadt und haben ja auch gemeinsam überlegt, welche anderen Auftrittsorte wir der Band anbieten können.

ZEIT ONLINE: Man könnte aber meinen, Sie wollten verhindern, dass es von Ihnen eine öffentliche Aussage gibt, in der Sie Feine Sahne Fischfilet in Dessau willkommen heißen.

Perren: Nein, ich freue mich, dass sie einen anderen Ort gefunden haben. Ein Grund für die Absage war, dass ich eine Eskalation verhindern wollte, um das Bauhaus als Unesco-Weltkulturerbe zu schützen. Dafür gibt es sehr strenge Richtlinien. Sie dürfen über unsere Bauhaus-Bühne nicht mal mit kratzigen Schuhen gehen, da darf kein Nagel in die Wand, ohne dass wir das mit der Denkmalschutzbehörde abgesprochen haben. Wenn man das nicht will, dann kann man den Welterbestatus nicht beibehalten. Dazu kann man sich ja auch entscheiden. Das ist aber im Moment nicht die Diskussion.

ZEIT ONLINE: Mit dem CDU-Landesminister Rainer Robra haben Sie ja frühzeitig diese Gründe besprochen. Er kommentierte die Absage öffentlich nicht mit Denkmalschutzgründen, sondern mit politischen und ästhetischen Argumenten. Ist das nicht merkwürdig?

"Es war nie mein Anliegen, die Freiheit der Kunst einzuschränken"

Claudia Perren während des Gesprächs mit ZEIT ONLINE © Andreas Prost für ZEIT ONLINE

Perren: Es ist nicht ungewöhnlich, dass man in einer solchen Situation unterschiedliche Blickwinkel hat.

ZEIT ONLINE: Inwiefern werden Ihre Entscheidungen mit dem Stiftungsrat besprochen?

Perren: Weil wir eine Landesstiftung sind, ist Rainer Robra der Stiftungsratsvorsitzende. Der Stiftungsrat ist dazu da, die wesentlichen Richtungen der Stiftung zu beschließen und den Haushalt zu verabschieden. Gleichzeitig stehen wir bei bestimmten Fragen auch so im Austausch. Und ich habe diese Entscheidung mit dem Land und der Stadt abgestimmt. Auch mit Rainer Robra. Ich habe die Entscheidung aus den Gründen getroffen, die ich bereits dargelegt habe, und ich verantworte auch die Stiftung. Wenn es einen Stiftungsratsbeschluss gegeben hätte, hätte ich mich dem fügen müssen, egal welche Haltung ich habe. So ist es aber nicht.

ZEIT ONLINE: Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat Ihre Entscheidung ebenfalls kritisiert. Sie hat die Bedeutung der Kunstfreiheit betont und gesagt, es sei ein fatales Zeichen, wenn der Druck der rechten Szene kulturelle Angebote unterbinde. Wie kann man das in Dessau verhindern?

Perren: Es tut mir leid, dass das in der Öffentlichkeit so angekommen ist. Es war nie mein Anliegen, die Freiheit der Kunst einzuschränken. Natürlich bin ich mit Kollegen in Kontakt, um gemeinsam Strategien zu entwickeln. Wir sind ja nicht das einzige Haus, das diese Probleme hat.

ZEIT ONLINE: Im Januar beginnt das große Bauhaus-Jubiläum, wahrscheinlich sind schon alle Programme gedruckt. Es heißt, das Bauhaus wolle sich "experimentell, vielgestaltig, transnational und radikal zeitgemäß" zeigen. Nun stehen Sie gerade eher als radikal unzeitgemäß im Licht der Öffentlichkeit. Wie beeinflusst die aktuelle Debatte Ihr Programm fürs nächste Jahr?

Perren: Nun, man kann auch immer Sachen machen, die nicht bereits in Programmen gedruckt sind. Wir arbeiten mit 15 hochkarätigen Wissenschaftlern zusammen und überlegen, was wir jetzt dazumischen. Ein Anfang werden Debatten sein, die wir bereits in diesem Jahr auch öffentlich führen wollen, intern tun wir das ja schon längst. Ich kann natürlich noch nicht sagen, was dabei konkret herauskommt.

ZEIT ONLINE: Darf das auch provokant werden oder gilt weiter die oberste Maßgabe, dass die Tapete heile bleibt? Müsste man jetzt nicht, im Sinne der Freiheit von Kunst und Wissenschaft, genau solche Situationen herbeiführen, an denen sich die Leute reiben?

Perren: Indem wir die Debatte öffnen, müssen wir mit sehr vielen Leuten kommunizieren. Wir würden Gruppen wie das Netzwerk Gelebte Demokratie einladen, die sich stark gegen Neonazis engagieren, und viele andere, die in dem Feld aktiv sind. Ich würde auch unsere Kritiker einladen und sie fragen: Wie geht man mit so einer Situation um?

ZEIT ONLINE: Was haben Sie über den Umgang mit Rechtsextremen und ihren Methoden gelernt?

Perren: Wir müssen Position beziehen, wir müssen uns zeigen. Das haben wir in meinen Augen auch immer getan. Wir haben uns immer gegen Rechtsextreme gestellt, haben Gegendemonstrationen von der Stiftung aus organisiert oder mitgetragen. Und wir haben eben nicht zugelassen, dass sie das Bauhaus für sich vereinnahmen. Ich muss nun einsehen, dass das nicht genug war. Dass man nicht nur reagieren kann, sondern noch aktiver vor Ort auf die Gesellschaft einwirken muss.

ZEIT ONLINE: Kann es wieder zu Situationen kommen, in denen Sie das Bauhaus-Erbe ideell gefährden müssen, um es physisch zu erhalten? Ist der Schutz des Teppichs wichtiger, als polarisierende Kunst zu ermöglichen?

Perren: Die Person, die das verantwortet, muss es auch entscheiden. Ich habe beim geplanten Auftritt von Feine Sahne Fischfilet auf die eine Art entschieden. Mit einer anderen Strategie ist zukünftig auch eine andere Entscheidung möglich. Doch zwischen diesen beiden Faktoren, Schutz des Ortes und Schutz der Idee, gilt es immer abzuwägen.