Der Künstler Jonathan Meese macht es einem leicht, ihn nicht zu mögen. Er ist meistens lauter als angemessen. Seine Thesen und Begriffe sind so klotzig und riesengroß wie viele seiner Bilder und Installationen. Und dann spielt er auch noch mit Nazisymbolik herum. Wer er eigentlich ist, hat er jahrelang verborgen. Aber das ändert sich gerade: Ab 15. November zeigt die Münchner Pinakothek der Moderne eine Retrospektive mit dem Titel "Die Irrfahrten des Meese", soeben ist seine Biografie erschienen. Will Meese nun verstanden werden? Und wenn ja, warum? Zum Interview ist er mit seiner Mutter Brigitte erschienen.

ZEIT ONLINE: Herr Meese, Ihre Biografie hat gut 500 Seiten – stimmt denn alles, was darin steht?

Jonathan Meese: Das meiste ist wahr. Vieles ist über- oder untertrieben, das geht nicht anders. Aber das Biografische ist auch nicht das Wichtigste.

ZEIT ONLINE: Ach nein?

Jonathan Meese: Das dient nur dazu, den Stoff geschmeidiger zu machen. Das Buch soll ein Standardwerk sein, ein Nachweis, was ich alles gemacht habe. Die Erinnerung betrügt einen ja manchmal, und vielleicht habe ich das Wesentliche auch für mich selbst noch nicht herausgeschält. Aber es ist keine Fiktion.

ZEIT ONLINE: Sie wollen jetzt, mit 48 Jahren, alles dokumentiert wissen, was Sie bisher gemacht haben. Geht es Ihnen gut?

Jonathan Meese: Die Arbeit an der Biografie hat fünf Jahre gedauert, es ist kein aktuelles Buch. Aber es stimmt, wir wollten ein Archivbuch machen, eine Dokumentation dessen, was passiert ist, in der Kunst und im Leben. Die Kritiken und Begleiterscheinungen darin sind fast noch wichtiger. Am Ende muss da stehen: Die Kunst ist nicht der Künstler. Das muss ja endlich in die Köpfe der Menschen hineingemeißelt werden (er wird laut): Ich verlange, dass nach der Pinakothek-Ausstellung niemand mehr die Kunst mit dem Künstler Meese verwechselt. Das verlange ich! Und wer das nicht kann, der geht, der fliegt! Kultur ist nicht Kunst, Horst Tappert ist nicht Derrick.

ZEIT ONLINE: Das heißt, Jonathan Meese ist nicht Jonathan Meese?

Jonathan Meese: So ist es.

ZEIT ONLINE: Wer soll das verstehen?

Jonathan Meese: Ich verstehe nicht, wie man das nicht verstehen kann.  

ZEIT ONLINE: Bislang waren Sie ein großer Freund des Uneindeutigen. Wenn man jetzt all die Details Ihres Werdegangs lesen kann: Haben Sie keine Angst, dass die Performance, zu der Sie Ihr Leben erklärt haben, durch zu viel Eindeutigkeit vorschnell enden muss?

Jonathan Meese: Nee, die geht gerade erst los. Und in einem Punkt ist das Buch auch sehr geheimnisvoll. Das, was der Typ in dem Buch alles gemacht hat, geht nicht, einen anderen Schluss kann man nicht ziehen: An einem Tag eine Performance in Japan, am nächsten eine in London, parallel eine Ausstellung in Wien. Jeder wird sagen, das muss ausgedacht sein, war das ein einziger Mensch?

ZEIT ONLINE: Was würden Sie sagen? Wie viele Jonathan Meeses sind Sie?

Jonathan Meese: Tausend! Tausend ist eine gute Zahl. Es können aber auch tausendmal tausend sein, wie man will. 

ZEIT ONLINE: Das Buch setzt an bei Ihrem Vater, Reginald Meese, ein walisischer Bankier, der in Tokio lebte. Sie sagen, Sie haben an ihn rein grafische Erinnerungen. Was war er für ein Mann? 

Jonathan Meese: Mein Vater war ein Schauspieler, ein Vaterdarsteller. Daddy Cool. Er sah super aus, war supercharmant, superwitzig, ich fand ihn großartig und bin ihm unendlich dankbar. Aber ich hatte eine große Distanz zu ihm.

Brigitte Meese: Das lag auch an der Sprache – mein Mann sprach nur Englisch und Japanisch, und Jonathan, der mit drei Jahren nach Deutschland kam, fing erst mit zehn, elf Jahren an, Englisch ein bisschen besser zu verstehen. Sodass er immer etwas bewundernd neben dem Stuhl meines Mannes stand, wenn der hier zu Besuch kam. Aber er hat nicht gewagt, zu sprechen.

Jonathan Meese: Ich habe ihn überhaupt nicht verstanden. Und ich hatte riesige Angst – ich war so damit beschäftigt, ihn sprachlich zu verstehen, dass ich am Ende gar nicht so richtig zugehört habe. Ich habe mir ihn als Figur angeguckt. Er rauschte rein bei uns, gab seine Geschenke ab und ging. Und das war's. Er kam aus einer anderen Welt, trug komische Morgenmäntel und ein Haarnetz. Er war für mich Hercule Poirot.

ZEIT ONLINE: Frau Meese, was hat Ihr Sohn von Ihrem Mann?

Brigitte Meese: Er sieht ihm sehr ähnlich. Und er hat diesen englischen Humor von ihm geerbt, wie seine Geschwister. Johnny hat ja zwei ältere Geschwister, die sind acht und neun Jahre älter als er. Die hatten natürlich ein ganz anderes Verhältnis zu meinem Mann, sie kannten ihn als echten Daddy, als Teil unseres Hauses. Jonathan hat ihn gekannt, wie man jemanden kennen kann, wenn man drei Jahre alt ist. Dann ging ich mit den Kindern zurück nach Deutschland – und mein Mann kam nur zu Besuch.

ZEIT ONLINE: Ihre Kindheit, Herr Meese, liest sich kurios: in Palermo geboren, nach Tokio umgezogen, in Ahrensburg bei Hamburg aufgewachsen …

Jonathan Meese: Palermo ist natürlich eine Lüge. Ich war noch nie in Palermo.

ZEIT ONLINE: Aber Ahrensburg stimmt.

Jonathan Meese: Ich wurde da als Dreijähriger reingeworfen, anfangs rannte ich durch die Straßen und brüllte "I hate you! I hate you!", weil ich fast nur Japanisch konnte. Ich habe mich sehr schnell eingewöhnt, aber schon als Kind gemerkt: Ich gehöre nirgends dazu. Das wird einem ja immer als Schwäche eingeredet: Man muss doch dazugehören, immer mitspielen. Aber ich wollte keiner Gruppe angehören, ich wollte zu Hause sein, und das will ich auch heute noch.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie heute von "zu Hause" sprechen, meinen Sie damit Ahrensburg?