Klaus vom Bruch, geboren 1952, war von 1992 an Professor für Medienkunst, zunächst an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, von 1999 bis zu seiner Emeritierung im Sommer 2018 an der Akademie der Bildenden Künste in München. Im Rahmen unseres Schwerpunkts #MeToo – Ein Jahr danach haben wir mit ihm über Sexismus an deutschen Kunsthochschulen gesprochen.

ZEIT ONLINE: Herr vom Bruch, wo beginnt Ihrer Meinung nach Sexismus?

Klaus vom Bruch: Sexismus fängt dort an, wo du dir mehr Rechte rausnimmst, als du dem anderen Geschlecht zugestehst. Oft schon im Straßenverkehr, wenn du sagst: "Die Olle kann nicht einparken."

ZEIT ONLINE: Als vergangenen Herbst die #MeToo-Bewegung entstand, waren Sie noch an der Akademie der Bildenden Künste in München tätig. Wie würden Sie die Stimmung unter der Professorenschaft rückblickend beschreiben? 

Vom Bruch: Ach, die meisten dachten, das ginge an ihnen vorbei und #MeToo sei eine dekadente Hollywood-Erscheinung – außerdem, ich zitiere: "Das gehört in der Kunst halt dazu." Wir lehren schließlich auch Aktmalerei. 

ZEIT ONLINE: Und was waren Ihre Gedanken? 

Vom Bruch: Ich fand, dass die Debatte und die Bewegung ein bisschen spät kamen, und war überrascht, dass es tatsächlich so lange gedauert hat, bis wir uns dieser Thematik – also Sexismus und Machtmissbrauch – stellen. Schon in den Siebzigerjahren ging die Entwicklung des Feminismus in eine ganz ähnliche Richtung. "Nein heißt Nein" gab es auch damals.

ZEIT ONLINE: Warum hat es trotzdem so lange gedauert? 

Vom Bruch: Damals waren feministische genau wie homosexuelle Positionen gerade in der Kunst sehr geschäftsschädigend und bedeuteten das Ende einer Karriere. Die Kunst war ja noch fest in der Hand des besitzenden Patriarchats. Eine Auseinandersetzung mit #MeToo wäre ökonomisch völlig undenkbar gewesen. Die Ökonomie von Themen spielt ja immer eine Rolle. Jetzt ist es sozusagen gerade en vogue, sich auf breiterer Ebene damit zu beschäftigen. 

ZEIT ONLINE: Das heißt, im deutschen Kunstbetrieb findet teilweise schon ein Umdenken und eine Auseinandersetzung mit Sexismus und Machtmissbrauch statt? 

Vom Bruch: Ja. Zumindest sind viele männliche Kollegen vorsichtiger geworden. Allerdings nicht, weil sie tatsächlich einsichtig geworden sind, sondern weil sie wissen, dass ihnen ihr sexistisches Benehmen auf die Füße fallen könnte. Viel hat sich aber auch durch die zunehmende Berufung von Professorinnen verändert. Das ist jedenfalls mein Eindruck. Es gab schließlich mal eine Zeit, da konnte ich abends nicht mehr mit den Kollegen essen gehen.

Hätte ich mich damals drauf eingelassen, wäre ich wahrscheinlich an Aids gestorben.

ZEIT ONLINE: Wieso nicht?

Vom Bruch: Weil sie spätestens um neun Uhr sturzbetrunken waren und nur noch sexistische Sprüche abließen. Das war ein unerträglicher Chauvinismus, der, und da sind wir direkt beim zweiten Thema, durch die Durchalkoholisierung der Lehrenden noch verstärkt wurde. Alkohol triggert ja sexistisches Benehmen.

ZEIT ONLINE: Können Sie Beispiele nennen?

Vom Bruch: Das war das übliche Geschwätz: "Studentin XY ist aber eine geile Maus." Halt so verwahrloste Texte.

ZEIT ONLINE: Fällt es Ihnen leicht, sich in solchen Situationen in die Rolle einer Frau zu versetzen?

Vom Bruch: Wissen Sie, ich bin zwischen 20 und 30 selbst massiv sexuell belästigt worden, und wie ich von jüngeren Künstlern erfahren habe, passiert das bis heute. Es gibt eine Verbindung zwischen der Möglichkeit des Ausstellens und sexueller Gefügigkeit. Hätte ich mich damals drauf eingelassen, wäre ich wahrscheinlich an Aids gestorben – wie alle, die mich damals belästigt haben. Ich finde es übrigens ein bisschen komisch, dass wir damals wie heute nur über sexuelle Belästigung von heterosexueller Seite sprechen. Sexuelle Belästigung gibt es auch in homosexuellen Kreisen. Dieses Thema bleibt jedoch ein Tabu. Irgendwo verstehe ich das allerdings auch, weil es natürlich meistens um den alten Mann mit der jungen Frau geht.

ZEIT ONLINE: Was beschäftigt Sie an dem Thema?

Vom Bruch: Ich muss dieser Tage immer wieder an Michel Foucaults Überwachen und Strafen denken. Jemanden an den Pranger zu stellen ist – folgt man Foucault – eine veraltete Strafmethode. Er plädiert für Isolation und Bestrafung von innen, also für Reue. Wenn nun sexuelle Übergriffe – zu Recht – verfolgt werden, müsste man dann nicht auch im Umkehrschluss die Karrieren jener Frauen, jener Künstlerinnen neu betrachten, die durch sexuelle Gefälligkeiten entstanden sind? An der Akademie ist es tabu, als Professor ein Verhältnis mit einer Studentin anzufangen. Aber was passiert eigentlich, wenn der Professor die Studentin heiratet? Ist es dann okay? Allein an unserer Akademie in München gab es eine Handvoll Professoren, die ihre Studentinnen geheiratet haben.