Der Kunsthistoriker Eike Schmidt, geboren 1968 in Freiburg, leitet seit 2015 die Uffizien in Florenz, eine der berühmtesten und ältesten Kunstgalerien der Welt. Im Sommer wird er Direktor des Kunsthistorischen Museums in Wien. Anfang des Jahres hat Schmidt große Aufmerksamkeit auf die Uffizien gelenkt, als er die Rückgabe eines von Nationalsozialisten gestohlenen Gemäldes forderte. Hier erklärt er die Hintergründe und was seitdem passiert ist.

ZEIT ONLINE: Herr Schmidt, Sie haben Anfang Januar öffentlich gemacht, dass sich Italien seit fast 30 Jahren um die Rückgabe des Gemäldes Vaso di Fiori – zu Deutsch: Blumenvase – des Holländers Jan van Huysum bemüht, das Wehrmachtssoldaten wenige Monate vor Kriegsende geraubt haben. Hat die deutsche Familie, die es nun hat, eingelenkt?

Eike Schmidt: Es gibt bislang keine neuen Entwicklungen. Allerdings hat unsere Pressemitteilung weltweites Echo gefunden. Wir hatten Anfragen von Medien aus den USA und China. Genau das war unsere Absicht. Wir wollten ein Signal senden: Seht her, es gibt da diesen Fall, der seit Jahrzehnten ungelöst ist. Das Werk muss zurück in die Uffizien. Es gehört den Italienern und darf nicht irgendwo anders hin verkauft werden.

ZEIT ONLINE: Wie verhält sich die Bundesregierung?

Schmidt: Auch sie ist davon überzeugt, dass das Gemälde nach Florenz gehört, wie aus ihrer Antwort auf die Anfrage eines Bundestagsabgeordneten der Linken hervorgeht. In allererster Linie ist der Appell aber an die Familie gerichtet, die das Bild noch nicht zurückgegeben hat. Wir hoffen sehr, dass sie ihre Position überdenkt und das Bild wieder an seinem angestammten Platz der Allgemeinheit zugänglich macht. Auch Hunderttausende Deutsche, die jährlich die Uffizien besuchen, würden es dann wiedersehen. 

ZEIT ONLINE: Wie könnte eine Lösung aussehen? 

Schmidt: Hier kann es jenseits der rechtlichen Lage, nach der das Werk ganz eindeutig Italien gehört, nicht um Geld gehen. Das Beste für alle wäre eine freiwillige Rückgabe, denn dann würde die deutsche Familie zu Rettern eines Kunstgutes von unermesslichem geschichtlichem Wert werden, das sie anderenfalls der Öffentlichkeit und dem rechtmäßigen Eigentümer schuldhaft entzogen hätte.

ZEIT ONLINE: Gibt es weitere offene Restitutionsfälle aus den Florentiner Sammlungen?   

Schmidt: Keine, deren derzeitigen Aufbewahrungsort wir kennen. Das meiste wurde unmittelbar nach Kriegsende und insbesondere nach dem deutsch-italienischen Abkommen von 1953 zurückgegeben. 1973 tauchten noch fünf Bilder bei einem Metzger in München auf, die an die Uffizien zurückgegeben wurden. Heute fehlen aus Florenz 60 bis 70 Werke, die von der Wehrmacht verschleppt worden sind. Wir haben keine Ahnung, wo sie sind und ob sie noch existieren.

ZEIT ONLINE: Wie ging die deutsche Armee vor?

Schmidt: Man muss von systematischen Raubzügen der Wehrmacht sprechen. In mehreren Aktionen – vor allem in den letzten Monaten der deutschen Besatzung Italiens – wurde versucht, so viel wie möglich in Richtung Norden zu schaffen. Es waren so viele Kisten, dass sie teilweise zurückgelassen werden mussten und dann mitunter aufgebrochen und einige Werke mitgenommen wurden.

ZEIT ONLINE: Handelt es sich bei den bis heute verschollenen Werken eher um weniger wichtige Stücke oder sind darunter Objekte höchster Bedeutung?

Schmidt: Zahlreiche bedeutende Skulpturen und Gemälde waren in die Burg von Poppi östlich von Florenz ausgelagert worden. Im August 1944 hat die 305. Infanteriedivision Werke aus dem Kastell verschleppt. Zu ihnen gehört der Marmorkopf eines Fauns, der dem jungen Michelangelo zugeschrieben wird. Nach den Aufzeichnungen Giorgio Vasaris wurde Lorenzo de' Medici durch die Skulptur auf Michelangelo aufmerksam. Genauso gezielt war ein Marmorrelief von Leonardos Neffen Pierino da Vinci aus Poppi geraubt worden. Über den Verbleib ist uns nichts bekannt.