Als Darryl McCray im Jahr 1971 aus der Zeitung erfuhr, dass er vom Mitglied einer kriminellen Gang erschossen worden war, kletterte er ins Elefantengehege des Zoos von Philadelphia und packte seine Sprühdose aus. Eine Botschaft, aufgesprüht auf die Flanke eines leibhaftigen Elefanten: Dieser Stunt, so hoffte der damals 18-jährige McCray, würde ihn von den Toten auferstehen lassen in den Augen der Menschen von Philadelphia. Die kannten seinen bürgerlichen Namen und sein Gesicht nicht. Dafür aber sein Pseudonym, im Jargon des Graffiti tag genannt, das McCray auf Fassaden und Wänden überall im Stadtbild hinterlassen hatte.

Und so schrieb der junge Mann, der fälschlich für tot gehalten wurde, nun eben gut sichtbar sein Lebenszeichen auf die dicke Haut eines der Elefanten: "Cornbread lebt!" Darryl McCray war und ist Cornbread. Und Cornbread lebt, er tut es auch fast vier Jahrzehnte später noch – der, so geht die Legende, erste writer der Geschichte, der erste echte Graffitikünstler also.

"Ich habe damals etwas unternehmen müssen, etwas Riesiges, etwas Bizarres", sagt der mittlerweile 65-Jährige heute. Drei Tage hatte McCray die Elefanten in ihrem Gehege beobachtet, bevor er zuschlug: "Ich wusste, die Medien würden sofort anbeißen." Und tatsächlich erschien nach der waghalsigen Aktion ein Zeitungsbericht über diese. Jahrzehnte, bevor Banksy, der heute berühmteste Street-Art-Künstler der Welt, sein Spiel mit den Medien begann (und diese ihre bis heute vergebliche Suche nach dessen Identität starteten), ließ Darryl McCray die Lokalpresse von Philadelphia und ihre Falschmeldung dumm dastehen.

Nur war McCray schon damals nicht so geschickt im Verbergen seiner Identität wie heute Banksy. Vor den Toren des Zoos von Philadelphia wartete die Besatzung eines Streifenwagens auf McCray, ein Augenzeuge hatte ihn dabei beobachtet, wie er nach dem Elefanten auch noch Bäume und Bänke im Zoo mit seinem tag beschrieben hatte. Während seines erzwungenen Aufenthalts auf der Polizeiwache über Nacht besuchten ihn dann Polizisten in seine Zelle. Was sie wollten? Sein Autogramm. "Das war wie im Zirkus. Die behandelten mich wie einen echten Prominenten. Es war das erste Mal, dass sich jemand von der Straße auf diese Weise einen Namen gemacht hatte."

Angefangen mit dem Sprühen hat McCray schon 1965, im Alter von zwölf Jahren. "Der einzige Grund, meinen Namen an die Wände zu schreiben, bestand darin, mir einen Ruf zu erarbeiten", sagt er. "Das hatte zuvor kein anderer auf der Welt getan. Die Leute fragten sich: Wer ist dieser Cornbread?"

Eine frühe Form von urbanem Guerillamarketing

Mit den writern, die zunächst in New York und schließlich auf der ganzen Welt seinem Beispiel folgten, teilte McCray den Wunsch, sich durch sein tag eine zweite Identität zu erschaffen. Die zeigt sich beim Graffiti in Aktionen, die Risikofreude voraussetzen und einem im besten Fall Ruhm bescheren können: Je verrückter der Ort etwa, an dem jemand sein tag platziert bekommt, desto potentiell größer fällt auch die Anerkennung aus. McCrays Elefantennummer war recht unschlagbar (er hat später noch andere Aktionen für sich reklamiert, etwa das Besprühen eines Tourflugzeugs der Jackson 5, bloß lassen die sich beim besten Willen nicht mehr verifizieren; andererseits ist das Gerücht im Graffiti eine legendenbildende Währung).

Das Markieren von Orten durch das gut sichtbare Hinterlassen von Namen oder Botschaften ist fast so alt wie die Menschheit. Es scheint ein urmenschliches Bedürfnis zu sein, Beispiele dafür findet man in fast allen Epochen und Kulturen. Die moderne Form des tagging aber geht auf Straßenbanden in den USA zurück, die spätestens ab den Dreißigerjahren tags als Markierungen nutzten, um ihre Reviere abzustecken. Writer wie Cornbread machten dann ab den Sechzigerjahren aus der kollektiven Grenzziehung ein strikt individuelles Projekt: eine frühe Form von urbanem Guerillamarketing in eigener Sache.

Damit bilden tags in gewisser Weise die Essenz der Graffitikultur, als kleinste und reinste Manifestation des writing. Anders als beim Sprühen großflächiger Schriftgemälde oder wie gerade in der europäischen Graffititradition von szenischen Bildern geht es beim tagging nicht vornehmlich darum, etwas im herkömmlichen Sinne Schönes im öffentlichen Raum zu erschaffen. Sondern darum, mit dem eigenen tag so sichtbar wie möglich zu sein und seine Unterschrift entsprechend strategisch im Stadtbild zu platzieren.