Der Theaterdirektor Erwin Piscator hatte seine Wohnung mit Möbeln von Marcel Breuer ausgestattet, hier auf einem Bild von 1928. © Sasha Stone/​ullstein/​Getty Images

Eine Wohnung, so radikal wie seine Bewohner. Im Jahr 1926 entwarf Marcel Breuer für den avantgardistischen Theaterrregisseur Erwin Piscator und seine Frau Hildegard eine bahnbrechende Einrichtung. Seit 1925 Jungmeister am Dessauer Bauhaus und Leiter der dortigen Möbelwerkstatt, inszenierte der erst 24-jährige Breuer eine programmatische Bühne für das Neue Wohnen. Der gebürtige Ungar entfernte Stuck und gründerzeitliche Flügeltüren, ließ alle Räume mit Spannteppichen auslegen, die Böden, Wände und Decken wurden farblich unterschieden und bildeten den Rahmen für die neuesten Möbel des Bauhauses. Alles war aus den Elementen Kreis, Viereck und Dreieck entwickelt. Kugellampen gesellten sich zu den dreieckigen Füßen des Esstischs, leichte Stahlrohrstühle mit luftiger Eisengarnbespannung zur monochromen Fläche des Bodens. Eine Wand war von einem schmalen, hängenden Regalband und drei Glaskugeln akzentuiert.

Breuer ging vom Menschen aus: "In hellen einfarbigen Räumen wirken organische Wesen intensiver", betonte er. "Dekorationen dieser Räume sind das tägliche Kleingerät, der Mensch selbst und die besten Ornamente unseres Interieurs: die Pflanzen." Und doch waren es vor allem Breuers Stahlrohrmöbel, die Furore machten. Kaum mehr als eine Handvoll Einrichtungen realisierte er bis zu seiner Emigration 1933. Keine ist erhalten geblieben. Die Einrichtung des Verlegers Paul Boroschek ebenso wenig wie das Studio der Gymnastiklehrerin Hilde Levy oder Breuers eigene Berliner Wohnung. Zwar gab es zuvor schon in Krankenhäusern und in Fabriken Metallmöbel, doch die raffinierte Klarheit der Bauhaus-Möbel war neu. Wie Skulpturen standen die Hocker, Stühle und Holzkästen vor den farbigen Wänden und entfalteten eine völlig neue Schönheit. Doch das zuvor nie Gesehene war nur wenigen zugänglich; erst seit den Sechzigerjahren begann das Interesse an Bauhausmöbeln zu wachsen. Nun erst wurde einer jüngeren Generation bewusst, was die avantgardistischen Entwerfer der Zwanziger erreicht hatten.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 157/2019

Vor allem erfanden die Bauhäusler das Sitzmöbel neu. Der Mensch schwebte nun freischwingend über dem Boden. Bahnen aus Eisengarn oder Lederhäuten waren zwischen den – vernickelten, verchromten oder bunt lackierten – Stahlrohren und Kufen gespannt. Zwei überragende Möbel-Entwerfer vor allem prägen das Bild vom Bauhaus: Ludwig Mies van der Rohe, der Magier einer ebenso klassischen wie radikalen Moderne, und der 16 Jahre jüngere Marcel Breuer mit seinen bahnbrechenden Entwürfen in Stahlrohr und Holz. Doch neben der revolutionären Verwendung von Stahl wurden auch die Textilien zum eigenständigen künstlerischen Material nobilitiert. So meisterhaft und innovativ die Metallgestalter und Holzbauer waren, so wenig standen ihnen die Weber (meist waren es Frauen) nach.

Ein fundamentales Problem für jeden Sammler liegt darin, dass sich Bauhaus-Möbel oft nur schwer datieren lassen. Denn sie waren nicht als Unikate, sondern für die Serienproduktion konzipiert oder trugen zumindest die Reproduzierbarkeit als programmatischen Aspekt in sich. Dieser Dualismus von originärem Kunstwerk und Gebrauchsgegenstand ist ein wesentliches Element ihrer epochalen Bedeutung. Die Bauhaus-Meister Klee und Kandinsky, Schlemmer und Itten, Moholy-Nagy und Feininger kümmerten sich um die freie Kunst, während gleichzeitig Breuer oder Albers, Marianne Brandt oder Erich Dieckmann das Möbelbauen zu einer eigenständigen Disziplin erhoben.

Die Produktion des Bauhauses muss in zwei Phasen getrennt werden. Zum einen die Zeit in Weimar, wo von 1919 bis 1925 die Wiedergeburt des Handwerks in Abgrenzung zur Industrie im Zentrum stand. In Dessau, von 1925 bis 1932, verbrüderten sich die einst als Gegensatz empfundenen Strömungen unter dem Motto "Kunst und Technik – eine neue Einheit". Ästhetisch wie weltanschaulich liegt ein ganzer Kosmos zwischen den entwerferischen Ansätzen: In Weimar dominierten erdige Töne, die Möbel und die kleineren Gebrauchsgegenstände waren meist aus Holz gefertigt, ergänzt durch Metallarbeiten und die Holzschnitt-Grafik in den Publikationen. Das Handwerk beherrschte das frühe Bauhaus. Erich Dieckmann baute konstruktive Holzmöbel, Marcel Breuer experimentierte mit seinen "Lattenstühlen", und Farbe fand durch die Webteppiche von Gunta Stölzl und Anni Albers ihren Weg in die Interieurs.

Lampe von Christian Dell, Quittenbaum, Taxe 7.000 Euro (25. Juni) © Quittenbaum

Die schimmernde Stahlrohrwelt kam erst 1926 mit der Einweihung des gleißenden Dessauer Kunsttempels von Walter Gropius, dem Bauhaus-Direktor. Hinter den glattweißen und gläsernen Membranen experimentierten nun die Meister und Studenten mit Metall für Lampen, Stühle, Tische und Hocker. Und auch der Schwerpunkt der meisten Sammler liegt bei den berühmten Entwürfen der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre. Sie stehen ikonenhaft für eine neue Zeit und haben bis heute nichts von ihrer verheißungsvollen Modernität eingebüßt.

Bauhaus-Möbel sind am Markt selten

Jeder muss selbst entscheiden, ob er sich auf die berühmten Einzelstücke konzentriert oder seine Sammlung eher enzyklopädisch anlegt. Doch die empfindlichste Einschränkung sei gleich vorweg benannt: Der Markt bietet nur noch wenige von Bauhäuslern gestaltete Möbel, die auch tatsächlich in den Zwanzigern oder Dreißigern hergestellt wurden. Weltweit führend ist Ulrich Fiedler in Berlin; kein anderer Händler in der Welt kommt auch nur ansatzweise an sein Angebot museumsreifer Möbel und anderer Bauhaus-Objekte heran. Schon seit den Achtzigerjahren ist das Münchner Auktionshaus Quittenbaum auf dem Feld aktiv; im Juni findet dort zum Bauhaus-Jubiläum eine Spezialauktion statt. Genauso wie Ende Mai bei Grisebach in Berlin, wo eine eindrucksvolle Parade von früh datierten Möbeln Breuers, Mies van der Rohes und anderer Bauhaus-Designer aufgefahren wird. Insgesamt ist der Auktionsmarkt aber keine sprudelnde Bauhaus-Quelle mehr.