Eine derart autonome Kunst ist aber keine politische Kunst, wenn man darunter Kunst versteht, die für eine bestimmte politische Position Partei ergreift. Man braucht dazu einen gesellschaftlichen Grundkonsens, auf dem sich überhaupt erst politisch bindende Entscheidungen treffen lassen – also Entscheidungen, die gleichermaßen von links und von rechts akzeptiert werden. Dieser Grundkonsens wird von einer Grammatik des Weltbilds getragen, die von der Politik nicht selbst hergestellt werden kann, sondern von ihr vorausgesetzt werden muss. Mit anderen Worten: Liberale Demokratien brauchen problemscharfe Selbstbeschreibungen. In Zeiten großer Veränderungen werden diese allerdings dysfunktional. Genau hier findet die autonome Kunst ihre gesellschaftliche Funktion, die aber eben nicht direkt politisch, sondern eher vorpolitisch ist: Autonome Kunst kann in ihren besten Werken neue Selbstbeschreibungen provozieren, indem sie die blinden Flecke der aktuellen Selbstbilder artikuliert.

Wolfgang Ullrichs Essay ist wohl in erster Linie als Weckruf an die politische Linke gedacht. Zwar mag man es es durchaus als problematisch ansehen, wie er einen Bogen von Björn Höckes Vorwortschreiber bis zu Neo Rauch zieht und einfach von "den Rechten" spricht; möglicherweise sind nur kulturkonservative Motive und nicht gemeinsame politische Positionen der gemeinsame Nenner. Doch der Punkt, auf den Ullrich aufmerksam machen möchte, ist höchst relevant. Bestes Beispiel dafür ist ein Plakat der AfD, das gerade im Europawahlkampf kursierte und mit dem Slogan "Kein Cent für politisch motivierte Kunst" in unsicherem Deutsch für Wählerstimmen warb. Es wäre eine Illusion, zu glauben, dass dies nur eine Botschaft von Rechten für Rechte war: Das zielte auch auf ein kulturkonservatives Bürgertum, das sich seinen Schiller nicht länger dekonstruieren lassen möchte, und es sprach eine ostdeutsche Wählerschicht an, die noch weiß – und es ihren Kindern vermittelt–, wie einst Parteisekretäre den Klassenstandpunkt in der Kultur durchgesetzt haben.

Reflexion aller Autonomien

Letztlich ist auch die Ablehnung der Kunstautonomie eine Option in einem autonomen Kunstsystem. Die Kunst ist heute so frei, dass sie auch die Differenz von Kunst und Leben aufheben und die Eigenlogik der Kunst einem guten Zweck opfern kann. Dementsprechend gibt es mindestens drei Haltungen zur Kunstautonomie, die inzwischen miteinander konkurrieren: Erstens eine klassisch-konservative Haltung, bei der die Freiheit der Kunst von einer Tradition und einem Habitus begrenzt wird. Zweitens ein Kunstverständnis, das die Kunstautonomie aufgrund politischer Überzeugungen suspendiert, wobei man hier nicht nur mit linken, sondern auch mit rechten Kunstaktionen rechnen muss, wie sie von der Identitären Bewegung unternommen werden. Und drittens gibt es die Option einer autonomen Kunst, die all ihre Autonomiegewinne reflektiert und ihre gesellschaftliche Funktion in einem vorpolitischen Feld sieht.

Man kann die Kulturinstitutionen heute nur ermutigen: In einem politisch polarisierten gesellschaftlichen Umfeld sollte auch jene Kunst unterstützt werden, die quer zu linken und rechten, progressiven und konservativen Standpunkten steht. Denn sie zeigt diese Positionen in ihrer Widersprüchlichkeit, erneuert Erfahrungsmuster und Sprachspiele, die eine demokratische Meinungsbildung erst möglich machen.