Die Künstlerin Yvonne Lee Schultz hat am vergangenen Sonntag vor dem EU-Parlament in Straßburg 28 Flaggen gehisst, die den Himmel über Europa zeigen – fotografiert von Kindern aus den verschiedenen Mitgliedsstaaten. Die Fahnen ersetzten für zwei Stunden die Nationalflaggen – eine absolute Ausnahme. Bei der ZEIT-ONLINE-Veranstaltung "Europe Talks" am 11. Mai in Brüssel hat sie ihr Vorhaben bereits angekündigt. Wir haben sie zu dem Projekt befragt.

ZEIT ONLINE: Frau Schultz, wie schwierig war es, das One-Sky-Flags-Projekt durchzusetzen?

Yvonne Lee Schultz: Mein erstes Telefonat habe ich bereits 2008 mit dem Informationsamt des Parlaments geführt. Dort habe ich dann erfahren, dass man erst mal einen Parlamentarier finden muss, der sich mit so einer Art von Kunstwerk auseinandersetzt und es vorstellt.

ZEIT ONLINE: Wie ist es dann weitergegangen?

Schultz: Ich habe in Markus Ferber von der EVP schließlich jemanden gefunden, der das Projekt schön fand und unterstützt hat. Es schien aber zunächst absolut unmöglich, dass man die Fahnen anstelle der Nationalflaggen am Vorplatz des Parlaments hisst. Schließlich habe ich Empfehlungsschreiben von verschiedenen Mitgliedern des Parlaments bekommen. Arne Lietz von der Fraktion der Progressiven Sozialdemokraten hat mir auch sehr geholfen – und sogar Antonio Tajani, der Präsident des Parlaments, hat seine Schirmherrschaft ausgesprochen.

ZEIT ONLINE: Wenn es so viel Unterstützung gab, warum war das Projekt trotzdem so schwer zu realisieren?

Schultz: Nationalflaggen vor so einem Gebäude haben eine große Symbolik – und unterliegen einem sehr speziellen Protokoll. Die Flaggen vor dem EU-Parlament werden sonst nie abgenommen. Wenn sie halbmast gehisst sind, weiß jeder, was das bedeutet.

ZEIT ONLINE: Wie ist die Aktion abgelaufen?

Schultz: Mitarbeiter des Parlaments haben immer jeweils eine Nationalflagge abgenommen und stattdessen eine One Sky Flag gehisst. Die 28 Fahnen hängen in alphabetischer Reihenfolge nach Länderkürzel. Wir haben in umgekehrter Reihenfolge angefangen – die erste Fahne, die eingeholt, gefaltet und durch den Himmel ersetzt wurde, war der Union Jack.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie an die jeweiligen Himmelsmotive gekommen?

Schultz: Ich habe die Kinder über ein Schneeballsystem angesprochen, das sind zum Teil Freunde von Freunden, oder Institute haben meine Mails an ihre Verteiler weitergeleitet. Dann musste noch ein Fragebogen ausgefüllt werden, die Eltern mussten ihr Einverständnis geben – die Vollständigkeit hat dann im Wesentlichen die Auswahl bestimmt.

ZEIT ONLINE: Hat das Parlament noch Einfluss genommen?

Schultz: Ein Kind aus Bulgarien hat einen sehr dramatischen Himmel geschickt, da sahen die Verantwortlichen im Parlament die Gefahr, dass es fehlinterpretiert werden könnte – als negative Aussage über das Land. Da das Kind noch einen zweiten wunderbaren Himmel eingeschickt hatte, konnte ich damit leben.

ZEIT ONLINE: Überwog am Ende die Farbe Blau?

Schultz: Ja, aber es gab auch Sonnenauf- und -untergänge. Und zwei Kinder waren dabei, die einen wunderbaren Nachthimmel fotografiert haben, eines davon kam aus Deutschland. Es gab dann tatsächlich Zuschauer, die sich gefragt haben, warum der deutsche Himmel so dunkel ist.

ZEIT ONLINE: Unten an den Fahnenmasten hingen die Steckbriefe der Kinder. Wonach haben Sie da gefragt?

Schultz: Da ging es zum Teil um ganz einfache kindliche Fragen wie "Was isst du am liebsten?" und "Wer kocht das?". Dann gab es aber auch Fragen wie "Was findest du gut dort, wo du wohnst, und was findest du nicht so gut?"

ZEIT ONLINE: Was kam dabei raus?