28 Mal Himmel, vor Himmel. An der Aktion beteiligten sich Kinder aus allen Staaten der EU. © Yvonne Lee Schultz für "One Sky Flags"

Schultz: Die Kinder setzen sich sehr kritisch damit auseinander, wie sich ihre Umgebung verhält. Viele fühlen sich zu wenig ernst genommen. Außerdem scheint Müll ein Riesenproblem zu sein in jedem Land, in jeder Stadt. Die Kinder hätten alle am liebsten nicht so viel Dreck. Und sie finden Tierquälerei nicht gut.

ZEIT ONLINE: Gab es noch andere große Themen?

Schultz: Auch die Überschwemmung der eigenen Lieblingsorte mit Touristen war häufig Thema. Dass alles immer voller wird. Selber reisen die Kinder aber auch sehr gern. Und das Geschehen, das sie – neben Krieg und Terrorismus – am meisten bedrückt, ist Politik. Politiker und Politik.

ZEIT ONLINE: Wie kam das vor dem Europaparlament an?

Schultz: Die Reaktionen dazu habe ich noch gar nicht so mitbekommen. Da war eher diese grundlegende positive Irritation – Leute nähern sich dem Parlament und merken plötzlich: Oh, da ist ja Himmel, wo sonst die Nationalflaggen hängen!

ZEIT ONLINE: Hätte nicht eigentlich eine Flagge eines europäischen Himmels gereicht?

Schultz: Wenn man die Gemeinschaft der One-Sky-Flags sieht, wenn man auch sieht, wie sie die Nationalflaggen ersetzen, nimmt man das Verbindende viel stärker wahr. Ich habe auch schon ein Projekt mit einer Himmelsfahne gemacht, die einzeln an Tagen wie dem Weltfriedenstag an verschiedenen Orten gehisst wurde. Hier aber ging es um das Zusammenspiel.

ZEIT ONLINE: Stehen die Nationalflaggen selbst denn dem Gemeinschaftsgedanken entgegen? Einzeln können sie für Nationalismus und Abgrenzung stehen, aber gerade in der Zusammenschau haben sie doch oft etwas Buntes, Freundliches.

Schultz: Vielfalt ist für mich gewiss nichts Negatives. Ich finde es aber eben auch wichtig, die friedliche Gemeinschaft zu betonen. Dafür stehen die Himmelsflaggen noch einmal besonders.

ZEIT ONLINE: Ist der Blick in den Himmel aber nicht auch ein Stück weit Eskapismus? Weil es am Boden so viele Probleme gibt?

Schultz: Man kann doch mit beiden Füßen auf dem Boden stehen und trotzdem seinen Horizont erweitern!

ZEIT ONLINE: Verbinden Sie das Projekt mit konkreten politischen Forderungen?

Schultz: Vielleicht geht es mir zunächst mehr um das Menschliche. Solange die Menschen nicht miteinander können, nützt es uns auch nichts, ihnen die "Vereinigten Staaten von Europa" zu oktroyieren. Wenn die Bürger sich nicht angesprochen fühlen, können Politiker nichts durchsetzen. Deshalb geht es mir darum, ein Stück weit auf poetische Art und Weise auch die Kinder mitzunehmen, sie Partizipation und Zugehörigkeit empfinden zu lassen.

ZEIT ONLINE: Wie sieht die Zukunft des Flaggenprojekts aus? Müsste man jetzt nicht ein Projekt machen…

Schultz: Nennen Sie mir das nächste Projekt!

ZEIT ONLINE: …in dem auch zum Beispiel die Himmel über afrikanischen Ländern eine Rolle spielen, aus denen Flüchtlinge nach Europa wollen?

Schultz: Ich habe das Projekt mit den Himmelsflaggen vor 24 Jahren begonnen – und schon damals hatte ich das Ziel, die Nationalfahnen vor dem Uno-Hauptquartier gegen One Sky Flags auszutauschen. Aber auch da hatte es zunächst Widerstände gegeben. Jetzt liegt der Vorschlag aber mit Unterstützung der Deutschen Botschaft bei UN-Generalsekretär António Gutterez. Und ich hoffe stark, dass wir das mit 193 Ländern, oder auch inklusive der Beobachterstaaten wie Palästina, umsetzen können. Das wäre das große Projekt am Ende. Und natürlich würde ich auch gern ein Projekt für die African Union oder die African Alliance umsetzen. Zwischenzeitlich arbeite ich aber tatsächlich auch an einem Projekt mit Migranten, die den Himmel in den Staaten, in denen sie gerade sind, fotografieren und die Fahnen sozusagen mit ihren Sehnsüchten und Vorstellungen füllen.

ZEIT ONLINE: Wo würden Sie gern Ihr nächstes Projekt realisieren?

Schultz: Zum Beispiel in England, vor dem House of Parliaments. Oder auch in Berlin, im Rahmen der Feierlichkeiten zu 30 Jahren Mauerfall. Den Antrag möchte ich gern in der nächsten Woche stellen.