Die Absage der Absage – Seite 1

Im Auge des Sturms, dort, wo alles zusammenkommt, was für diese riesige Empörung gesorgt hat, ist es gespenstisch ruhig. Axel Krause öffnet die Tür zu seinem Leipziger Hinterhofatelier. Drinnen ist es angenehm kühl, von der Hitze draußen nichts mehr zu spüren. An einer Wand stehen zwei Fahrräder, an der anderen lehnt ein frisches Gemälde. Er sei gerade damit fertig geworden, sagt Krause. In diesen Tagen sollte es bei der wichtigen Leipziger Jahresausstellung in der Baumwollspinnerei, dem Zentrum der Kunstszene dieser Stadt, präsentiert werden. So war es zumindest geplant. Jetzt ist alles anders. Die Ausstellung findet zwar statt, Krause aber ist nicht mehr dabei.

Das Bild – es zeigt den Schauspieler Klaus Kinski in einer Metzgeruniform aus der Kaiserzeit, eine nackte Frau und einen strahlenden Mond – wird vorerst nirgendwo präsentiert. Das liegt nicht am Bild; kaum jemand außer Krause und seiner Familie hat es bisher gesehen. Es liegt an seinem Maler, Axel Krause, und dessen Verhältnis zur AfD. Der Verein Leipziger Jahresausstellung hatte am vergangenen Wochenende mehrere hektische Pressemitteilungen verschickt. Zunächst hieß es, Krause sei von der Schau ausgeladen. Kurze Zeit später folgte die Komplettkapitulation, die Absage der ganzen Ausstellung: Man sehe sich nicht in der Lage, den Ablauf zu gewährleisten, und man wolle niemandem "die stark politisierte und aufgeheizte Situation" zumuten, erklärten die Vereinsvorstände. Zugleich verkündeten sie ihren Rücktritt. Vorausgegangen waren Proteste der teilnehmenden Künstler. Einige wollten nicht mit Axel Krause ausstellen und hatten ihre eigenen Werke schon zurückgezogen. Andere wollten seine Bilder zum Anlass nehmen, um über Diversität, offene Grenzen und Seenotrettung zu diskutieren. Die Frage, wie sehr die AfD alles durchdringt und wie man mit ihr umgehen soll – sie ist eben längst auch in der Kunst angekommen.

Tatsächlich ist Krause nicht irgendein Maler. Damit, dass er politisch der AfD nahesteht, hält er nicht hinterm Berg. In der Kunstszene stellt er damit eine Provokation dar. Krause selbst sieht es anders: "Als Staatsbürger fühle ich mich verpflichtet, das, was ich zu sagen habe, auch so kundzutun, dass es andere hören können." Seine Positionen seien keineswegs radikal, sondern kämen "aus der Mitte der Gesellschaft".

Von dieser Gesellschaft fühlte er sich schon im vergangenen Jahr ausgegrenzt. Damals war er, der es als Mitglied der Neuen Leipziger Schule zu einem gewissen Erfolg gebracht hatte, nur Eingeweihten ein Begriff. Zu Studentenzeiten brütete er Streiche mit Neo Rauch aus, die beiden kennen sich gut, aber anders als Rauch blieb Krause die große Aufmerksamkeit verwehrt. Im Sommer 2018 änderte sich das schlagartig. Die Leipziger Galerie Kleindienst trennte sich von dem Maler – aus politischen Gründen. Das, was Krause auf seiner Facebook-Seite veröffentlichte, wolle man "weder teilen noch mittragen", hieß es. Krause, der heute im Kuratorium der AfD-nahen Desiderius-Erasmus-Stiftung sitzt, hatte im Netz "illegale Massenmigration" angeprangert und die AfD als "begrüßenswertes Korrektiv im maroden Politikbetrieb" gelobt.

Auf den Rausschmiss folgten heftige Debatten. Darf ein Künstler für die AfD werben? Andererseits: Muss man Kunst und Künstler nicht trennen? Krause sagt, anfangs habe ihn diese Diskussion betrübt und geschockt, er fürchtete um seine Existenz. Inzwischen markiert sie für ihn aber auch den Beginn einer goldenen Zeit. "Ich verkaufe heute schneller, als ich malen kann", sagt er mit feinem Lächeln. "Vorher war es … na ja, umgekehrt."

Irgendwann im Verlauf dieser Debatte wurde Krause für die Leipziger Jahresausstellung vorgeschlagen – von wem, hält der veranstaltende Verein geheim. Die Jury entschied sich dafür, seine Bilder auszustellen. "Vielleicht dachten wir, dass die Demokratie das aushalten muss", sagt Rainer Schade, bis zum vergangenen Samstag ehrenamtlicher Vorsitzender des Vereins. Wieso man es dann selbst nicht aushielt? Schade, der als Kunstprofessor in Halle lehrt und in der Szene bestens vernetzt ist, sagt, die Gegenreaktionen seien heftig gewesen. "Jeden Abend hatte ich Dutzende E-Mails in meinem Postfach, Vorschläge, Aktionen, Protestschreiben." Das sei ihm zu viel geworden. Dazu kamen Sicherheitsbedenken, man fürchtete "rechte und linke Störer". Aus Verantwortungsgefühl habe man schließlich abgesagt. "Es war zu dem Zeitpunkt die einzige Möglichkeit, die wir hatten. Aber natürlich sind wir traurig."

Diese Unzufriedenheit teilt Schade mit fast allen in der Leipziger Kunstszene. Die Jahresausstellung ist einer der wichtigsten Termine, die es in diesem eingeschworenen Kosmos gibt. Nach der Absage vom vergangenen Wochenende wird tagelang hitzig debattiert – schließlich kommt es zur nächsten Pirouette. Am Donnerstag verschickt der Verein wieder eine Pressemitteilung: die Absage der Absage. Vom kommenden Mittwoch an ist die Schau nun doch zu sehen, wie geplant in den Räumen der Baumwollspinnerei. Die Bilder von Axel Krause allerdings sind nicht mehr dabei. Und die Kunstszene diskutiert weiter.

"Richtig wütend" über die Absage der Ausstellung

Nackte Frau, Klaus Kinski und der Mond: Dieses Bild von Axel Krause war ursprünglich für die Leipziger Ausstellung geplant. © Axel Krause/​Foto: Gustav Franz

Gibt es wirklich keinen anderen Weg, mit dem umstrittenen Maler umzugehen? Felix Leffrank findet: Natürlich hätte es Möglichkeiten gegeben. Leffrank ist einer der Künstler, die zusammen mit Krause ausgestellt hätten, einer von vielen, die in den letzten Tage ihre Werke ab- und wieder aufgebaut haben. Er sitzt in einem Hinterhofcafé in der Leipziger Innenstadt, und gleich zu Beginn des Gesprächs mit der ZEIT zeigt er ein Video: Ein Schauspieler, der offenbar Axel Krause darstellen soll, in Trainingsjacke gekleidet, sinniert über Heimat, Herkunft und die Fünfzigerjahre. In einer Szene des Videos vergleicht der Krause-Schauspieler die Menschen in Sachsen mit Pflanzen, die lange im Dunkeln hätten wachsen müssen – und die nun als schöne, aber ziemlich eigenwillige Geschöpfe ans Licht drängten.

Leffrank hat das Video als künstlerische Auseinandersetzung mit Krause gedreht, zwei Monate lang hat er daran gearbeitet, auf der Jahresausstellung wollte er es zeigen. "Ich habe versucht, mich dieser Art zu denken zu nähern", sagt Leffrank. "Mit ihr ist Krause ja nicht allein. Einige ältere Künstler denken so. Und ich glaube, dass wir uns daran gewöhnen müssen, mit konservativen oder rechten Künstlern auszustellen. Die Frage ist: Wie machen wir das?" Über die Absage der Ausstellung sei er "richtig wütend" gewesen, sagt Leffrank, die Ausladung Krauses findet er ebenso falsch.

Tatsächlich beschäftigen sich die Künstler und Galeristen der Baumwollspinnerei viel kontroverser mit der Ausladung Krauses, als viele das von außen womöglich vermuten würden. "Das hätte ein extrem spannender, fruchtbarer Umgang mit der Situation werden können", sagt die Galeristin Arne Linde, die in der Baumwollspinnerei die Galerie ASPN führt. "Wenn ein Künstler dabei ist, der für die AfD Werbung macht, dann müssen wir damit umgehen. Das müssen wir in der politischen Landschaft ja auch." Aber dann, sagt Linde, "sollten die Widersprüche auch zum Thema werden. Das wäre für mich ein Zeichen einer starken, pluralistischen Gesellschaft gewesen."

Jetzt ist es anders gekommen. Und Leipzigs Kunstwelt sieht aus, als würde man sich nicht trauen, mit der AfD zu diskutieren. Axel Krause nutzt die Möglichkeit, sich auf Facebook als "entarteten Künstler", als Opfer einer irregeleiteten Ideologie in Szene zu setzen. Nur um gleich darauf in ironischem Tonfall die Harmlosigkeit seiner Kunst zu betonen. Man muss nicht lange mit ihm sprechen, nicht lange auf seiner Facebook-Seite suchen, um zu bemerken, dass er das Spiel genießt. Ständig hört man in seinem Atelier das Pling seines Computers, es unterbricht fast jeden seiner Sätze. Er bekommt unendlich viel Post. Die Druckwelle, die anderswo so viel Schaden angerichtet hat, ist hier positive Energie. Sie hat nicht nur den Wert von Krauses Bildern gesteigert. Sie hat ihm das gegeben, was sich Künstler wünschen: Relevanz. 

Krause nimmt einen Schluck Limonade. Ob er für die Trennung von Künstler und Werk sei? Krause schüttelt den Kopf. Im Gegenteil: Es sei normal, dass in einem Museum biografische Informationen zum Künstler aufgeführt würden. "Bei mir müsste man sicher schreiben, dass ich in dieser Stiftung sitze und dass ich die AfD unterstütze." Krause lacht leise. Es klingt, als könne er es kaum erwarten.

Anmerkung der Redaktion: Der Text erschien unter dem Titel "Aufruhr in der Spinnerei" am 6. Juni 2019 in der ZEIT im Osten Nr. 24/2019 und wurde nachträglich aktualisiert.