Der Zukunft zugewandt: Marion Ackermann

Über die Frage, ob das Leben als Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden mit dem Amt des Bundespräsidenten vergleichbar sei, muss Marion Ackermann herzlich lachen. Dann erwidert sie, sie schätze den aktuellen Präsidenten sehr: "Ich konnte Frank-Walter Steinmeier auf Reisen erleben, und ich bewundere seine Haltung, nie den Dialog abbrechen zu lassen und immer wieder Brücken zu bauen." Das nette Lob umgeht allerdings geschickt die Frage, ob Ackermann nicht doch einen vergleichbaren Druck verspürt beim Ausfüllen ihrer nicht ganz unähnlichen Rolle, die integrierend nach innen wie nach außen wirken soll. In der Stadt Dresden, im Land Sachsen, in dem die Lage im Jahr 2019 komplizierter scheint als anderswo.

Das Gespräch im Japanischen Palais findet am Morgen nach der Europawahl statt. Die AfD hat in Sachsen die meisten Stimmen bekommen. Wir sind ein paar Minuten später gestartet, Marion Ackermann musste noch kurz telefonieren. Es gibt viel zu reden unter Dresdens Kulturschaffenden in diesen Tagen. Die sich verschiebende Parteienlandschaft gilt es zu beobachten, zumal manche Politiker in populistischer Stimmungsmache die Förderung des innovativen Festspielhauses Hellerau infrage stellen. Im September ist Landtagswahl. "Wenn Parteien einen Kunstbegriff vertreten, der nicht mehr experimentell sein darf, müssen wir uns dem entgegenstellen", erklärt die Generaldirektorin. "Wir müssen mit unseren Mitteln dagegen arbeiten. Und das bedeutet, Kunst auszustellen, die Fragen des Lebens, der Existenz und der aktuellen Debatten berührt. Wenn ich also in bestimmten Parteiprogrammen lese, dass Kunst nicht politisch sein soll, halte ich das für Unsinn. Sie ist immer politisch."

Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden © Andrea Grambow & Joscha Kirchknopf für WELTKUNST

Kunst ist politisch. Der Satz fällt, so wie Marion Ackermann alle ihre Gedanken formuliert: ruhig und eindringlich, mit sanfter Stimme vorgetragen. Gut möglich, dass sie den Satz genauso schon mal gesagt hat – in Stuttgart, wo sie zwischen 2003 und 2009 als Gründungsdirektorin agierte, oder in Düsseldorf, wo sie bis 2016 die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen leitete. Doch hat die Aussage dort das gleiche Gewicht wie hier, in Dresden? Die Staatlichen Kunstsammlungen sind schließlich ein besonderer Verbund. Vom Grünen Gewölbe, der Wunderkammer Augusts des Starken, bis zum Archiv der Avantgarden im Japanischen Palais werden fast fünf Jahrhunderte der Sammelleidenschaft aufgefächert, verteilt auf 15 Museen und vier Institutionen. Die funkelnden Schätze Dresdens gelten als weltberühmt, und entsprechend renommiert ist der Posten der Schatzhüterin. Mit Martin Roth und Hartwig Fischer übernahmen die zwei vorherigen SKD-Generaldirektoren im Anschluss Direktorenposten am Victoria and Albert Museum sowie am British Museum in London. Marion Ackermann stellt solche Wechselpläne nicht in Aussicht, im Gegenteil: Die 1965 in Göttingen geborene Kunsthistorikerin denkt für Dresden langfristig. "Meine Generation hat jetzt noch ein Jahrzehnt, um die Weichen für die Museumskonzeption des 21. Jahrhunderts, also auch für unsere Nachkommen, zu stellen", sagt sie.

"Wie können wir Vielstimmigkeit in unseren Sammlungen wirklich sichtbar machen? Welche Formen von Wissen gibt es? Was für Formate können wir entwickeln, die Partizipation als reine Teilhabe, die ja noch nicht viel bedeutet, übertreffen?" Diese Fragen beschäftigen Ackermann. Und wer derart fragt, kommt auf originelle Antworten: Um abgelegenere Regionen zu erreichen, kooperieren sie und ihr Team mit dem Künstler Ólafur Elíasson und schicken einen Bus randvoll mit weißen Lego-Steinen in die Dorfgrundschulen, damit die Kinder ihre Vorstellungen von Zukunftsstädten bauen können. Eine andere Idee sieht vor, mit der Puppentheatersammlung durch die Landgasthöfe zu touren, um die sächsische Tradition der wandernden Puppenbühnen wiederzubeleben. Für die Ausstellung "Die Erfindung der Zukunft" wiederum – aktuell im Japanischen Palais – wurden Menschen zwischen 15 und 35 Jahren nach ihrem Lebensgefühl befragt. "Wir versuchen so, ihr Vertrauen in die eigene Kreativität und die Gestaltungsfähigkeit der Zukunft zu stärken", erklärt Ackermann.

Dieser Artikel stammt aus dem Weltkunst-Heft Nr. 159/2019 © Weltkunst

Am experimentellsten war der Ansatz wohl bei der Kinderbiennale, die bis Februar lief: Ein Beirat aus Sieben- bis Zwölfjährigen fungierte als Jury bei der Auswahl der Künstlerraumentwürfe. "Am Anfang trauten sich die Kinder nicht recht, ihre Meinung zu sagen", erzählt Ackermann. "Doch als wir ihnen ein Raumkonzept zeigten, von dem wir dachten, dass es ihnen bestimmt gefällt – ein Berg aus Styropor mit einer Jukebox auf der Spitze –, sagte ein Junge: 'Aber das Styropor muss man hinterher wegschmeißen, das produziert viel zu viel Müll.' Daraufhin hatten die Kinder ein Kriterium: Sie haben alle Räume, die schlecht für die Umwelt sind, gnadenlos aussortiert." Die Kinderbiennale hatte am Ende mit mehr als 110.000 Besuchern Blockbusterformat.

Das Dresdner Publikum ist für Überraschungen gut. Ackermann hat das auch gemerkt, als 2017 ein Kritiker an den Wänden des Albertinums die DDR-Kunst vermisste und einen Zeitungsbeitrag schrieb, woraufhin in der Stadt ein lebhafter Streit entbrannte. Sie hat in dieser Zeit mit vielen gesprochen, vor allem auch zugehört. "Es waren Diskussionen und Emotionen von fast existenzieller Bedeutung, was die Kunst angeht. Ich habe mich gefreut, dass so etwas überhaupt möglich ist. Nach dieser existenziellen Dimension von Kunst habe ich mich ja immer gesehnt", sagt sie. Dass die DDR-Maler 2018 in einer Sonderschau groß gezeigt wurden, bedeutet nicht, dass sie und die Direktorinnen und Direktoren der SKD vom Weg abrücken würden, in Dresden zunehmend internationalen und weiblichen Stimmen Auftritte zu verschaffen. "Das Allerschwierigste ist, einen unbequemen Dialog auszuhalten. Aber wir müssen alle lernen, das zu akzeptieren, was uns fremd erscheint", entgegnet sie Kritikern. Bis dahin gilt die Präsidenten-Devise: nicht aufhören zu reden und Brücken bauen.
(Tim Ackermann)