Maria Scharapowa ging ein paar Tage nach ihrem Ausscheiden in Wimbledon erst einmal in London ins Museum. Auf der So-so-schöne-Fotos-Plattform Instagram teilte sie mit ihren 3,6 Millionen Followern ein verträumtes Porträt ihrer selbst vor populärer zeitgenössischer Kunst, der metallglobenartigen oder vielleicht doch eher designerlampenhaften Arbeit Stardust particle des dänisch-isländischen, in Berlin lebenden und weltweit gefeierten Künstlers Olafur Eliasson. Dieses Werk hängt derzeit, so war es Ausstellungsbesprechungen zu entnehmen, in der Tate Modern am Eingang zur großen Eliasson-Einzelschau In Real Life.

Ob die Skulptur tatsächlich dort platziert ist, konnte ich nicht persönlich nachprüfen. Ich war schon lange nicht mehr in London und plane auch vor Januar 2020 keinen Besuch mehr. Dann nämlich endet Eliassons Ausstellung. Würde ich aber doch hinwollen, würde ich, wie alle Billigheimer und Zeitsparer, von Berlin aus vermutlich das Flugzeug als Transportmittel wählen. Zu Fuß würde der Hinweg laut Google Maps 170 Stunden dauern (wie die Überquerung des Ärmelkanals miteingerechnet ist, weiß nur der Überwasserläufer Jesus), mit der Bahn zehneinhalb Stunden.

Eine Anreise per Flugzeug wäre aber, wenn ich Eliassons Arbeit richtig verstehe, nicht in des Künstlers Sinne. Denn der warnt und mahnt in manchen seiner Werke recht eindeutig: Die Natur ist kostbar, wir dürfen sie nicht zerstören. Eliasson selbst zerstört sie nur minimal invasiv, zum Beispiel ließ er im vergangenen Jahr 122 Tonnen Eis aus Grönland nach London verschiffen, um es dort öffentlich schmelzen zu lassen. Die Aktion verursachte, wie der Künstler selbst berechnen ließ, zirka 35 Tonnen CO₂-Emissionen. Und wie wir alle wissen: Luftverkehr ist schlecht für die Natur. Die aktuell in London ausgestellten Werke wurden deshalb laut der Tate Modern per Lkw und Fähre herangeschafft. Konsequenterweise sollte also auch niemand einfliegen, um sich die Ausstellung anzusehen.

Bei mir ginge die Rechnung so: Ein Hin- und Rückflug mit EasyJet von Berlin-Schönefeld nach London-Luton würde laut des Klimarechners von atmosfair.de pro Passagier eine Kohlendioxidmenge von 428 Kilogramm produzieren; eine Hin- und Rückfahrt mit Bus oder Bahn von Luton bis zur Eingangstür der Tate Modern in Londons Westend würde weitere 33 Kilogramm CO₂-Ausstoß bedeuten, gemäß dem Klimarechner des Internationalen Wirtschaftsforum Regenerative Energien (IWR). In Summe würde ich also 461 Kilogramm CO₂ in die Atmosphäre entlassen, wäre ich wie viele andere Menschen im Sommer als Kunsttourist in der Weltgeschichte unterwegs. Biennale in Venedig, Art Basel oder eben Blockbuster-Schau in London, irgendwas wird ja immer irgendwo groß gezeigt und besucherrekordverdächtig angeschaut.

8.698 Portionen grüner Salat

Die 461 Kilogramm des von mir nicht emittierten Berlin-London-Kohlendioxids wiederum entsprächen dem CO₂-Aufkommen von 8.698 Portionen jenes grünen Salats mit Haselnüssen, honiggerösteten Samen und Zitronendressing, der derzeit auf der Karte des Restaurants der Tate Modern steht: Eliasson hat seine eigene Küche mitgebracht nach London, und hinter jeder Speise auf dem Menü steht, das habe ich auf dem Instagram-Profil der Eliasson-Küche erfahren, deren jeweils genauer CO₂-Ausstoßwert. Ein Salat verbraucht 53 Gramm.

Alle 8.521 Bewohner und Bewohnerinnen der hessischen Gemeinde Großenlüder zum Beispiel, gingen sie zu Fuß zur Tate Modern und atmeten angesichts der Anstrengung nicht zu schwer und also arg viel CO₂ aus, könnten je eine Portion grünen Salat essen und hätten damit in etwa Kohlendioxidemissionen verursacht wie ich, flöge ich nach London – ohne etwas zu essen. Da bleibe ich doch lieber zu Hause.

Und betrachte In Real Life stattdessen auf Instagram. Olafur Eliassons Kunst ist dort nämlich sehr beliebt, aktuell sind knapp über 138.000 Fotos und Videos mit dem Namen des Künstlers verhashtaggt. Diese Art der Kunstbetrachtung ist recht umweltschonend, Instagrams Mutterkonzern Facebook will ausgerechnet haben, dass man als dessen Nutzerin oder Nutzer pro Jahr im Schnitt lediglich den CO₂-Gegenwert der Zubereitung einer mittelgroßen Tasse Caffé Latte emittiert. Oder um beim Eliasson-Küchenmaßstab zu bleiben: Ein Jahr Social-Media-Durchscrollen produziert eine Umweltbelastung von zirka drei Portionen grünen, aber gut angemachten Salats.