Horn in ihrem Film "Bleistiftmaske" (1972) © 2019: Rebecca Horn/​ProLitteris, Zürich

Lautlos schlagen die Flügel des Schmetterlings. Von einer Sekunde auf die nächste, ohne Vorwarnung. Wer vom Flattern des Insekts nicht überrascht werden will, muss die Bewegung erahnen. Kann man vielleicht das ganze Werk von Rebecca Horn als Übung in Achtsamkeit begreifen? Es also mit dem Modewort der Stunde belegen, das eine Rückkehr zur Sensibilität gegenüber den elementaren Dingen des Alltags fordert? Der Begriff scheint zu einer Künstlerin zu passen, bei der kleine, mechanische Schmetterlingsschläge emotionale Wirbelstürme sowohl symbolisieren als auch beim Betrachter auslösen: So zart wirkt der motorbetriebene Blaue Morphofalter, der hier im Basler Museum Tinguely als Teil des Wandobjekts Schmetterling im Zenit (2019) für ewig auf einer Messingstange über einem himmelblauen Pigmenthaufen verharrt, dass man sich unwillkürlich fragt, ob von allen Pestizidattacken bald nur noch dieser letzte Faltercyborg übrig sein wird. Und gleichzeitig möchte man über so viel Schönheit heulen.

Der Schmetterling wird im Altgriechischen mit dem Wort "Psyche" benannt, das auch die menschliche Seele bezeichnet. Daran erinnert Rebecca Horn, wenn sie nicht weit entfernt im Centre Pompidou in Metz ein Bettgestell zeigt, auf dessen Gestänge ein Dutzend Blaue Morphofalter hocken, künstlich reanimiert per Motorenflügelschlag. Neben The Lover’s Bed (1990) hängt ein Foto aus ihrem zeitgleich entstandenen Film Buster’s Bedroom, auf dem eine alte Primadonna ihr Schlafzimmer mit Schmetterlingen teilt, die sie für die Reinkarnationen ihrer Liebhaber hält. Der animistische Erzählfaden wird im Dialog mit Max Ernsts Drahtinsekt La Libellule (um 1934) noch weiter gesponnen ins Surrealistische. Ernst definierte die Collage ja als "Zusammentreffen von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten". Und Horns Kunst wird auch oft als Synthese dualistischer Begrifflichkeiten beschrieben.

Dieser Artikel stammt aus der Weltkunst, Heft Nr. 160/2019

Die unidentische Verdoppelung von Horns retrospektiver Ausstellung – es finden  gerade zwei Schauen parallel statt, eine in Basel, die andere in Metz – wirkt also nur konsequent. Frühere Großausstellungen haben die Lesart zum Teil verengt. Im Berliner Gropius Bau bekam man 2006 das Gefühl, Horns messerscharfes Denken sei in einem esoterischen Spätwerk abgestumpft. Jetzt wird der doppelte Blick ihrem vielschichtigen Œuvre viel mehr gerecht. Deshalb sollte man unbedingt beide Museen besuchen, die nur drei Autostunden voneinander entfernt sind.

Die Ausstellung Théâtre de métamorphoses im Centre Pompidou-Metz zeigt im chronologischen Arrangement Beziehungen von Werk und Biografie auf. 1944 im Odenwald geboren, studiert Horn ab 1963 Kunst an der Hamburger Hochschule und hat vier Jahre später ihr traumatisches Schlüsselerlebnis, als sie beim Experimentieren mit Körperabgüssen aus Polyesterharz eine Lungenvergiftung erleidet. Ein quälendes Jahr im Sanatorium verbringt sie mit Zeichnungen: Figuren mit roten Kreuzen im Gesicht, überlangen Fingernägeln und künstlichen Lungenflügeln. Diese frühesten erhaltenen Arbeiten von 1968 treffen auf die Arm Extensions aus dem gleichen Jahr, die ersten skulpturalen Umsetzungen ihrer gezeichneten Visionen. Bei dieser Konstruktion aus roten Bandagen werden die Arme der Trägerin verlängert, durch ihr Gewicht aber auch immobil gemacht. Dieses Ausgreifen des Körpers in den Raum mithilfe künstlerischer Prothesen wird im Film Einhorn von 1970 wiederholt: Eine nackte Frau läuft über Waldwege und durch ein Weizenfeld. Ein weißes Gurtkorsett fixiert auf ihrem Kopf ein langes Horn, das sie als Märchenwesen erscheinen lässt.

Der Dualismus des menschlichen Körpers als selbstbewusster Agens und passives Objekt der Begierde wird zum Leitmotiv für Horn: Letzteres thematisiert die Skulptur Die sanfte Gefangene (1978), bei der sich ein drehender Fächer schützend vor der Protagonistin aufbaut – bis mit einer weiteren Drehung die Schwerkraft greift und ihn wieder zum Boden wegklappt. Federleichtigkeit kontrastiert mit Metallhärte, und die leblose Animiertheit des Pfauenradschlags erinnert an die Maschinen in Raymond Roussels Roman Locus solus (1914). Ein Lieblingsbuch sowohl Horns als auch der Surrealisten.

Viel Federlesen: Die Skulptur "Die sanfte Gefangene" (1978) verbirgt ihre Bewohnerin in einem Kokon – zumindest für einen Augenblick. © Rebecca Horn/​ADAGP, Paris 2019

Im Metzer Referenzdickicht mit Werken von Meret Oppenheim oder Brâncuşi kann man sich schon ein wenig verlieren – zumal Horn den Surrealisten ja nicht als Epigone, sondern als späte Geistesverwandte nahesteht. Wohltuend klar und vielleicht ein klein bisschen schöner ist die Basler Schau Körperphantasien im Museum Tinguely. Fast 50 Arbeiten wurden hier nach vier Bewegungstypen – "Flügel schlagen", "Zirkulieren", "Einschreiben" und "Tasten" – in einem Parcours geordnet, der Horns pure poetische Kraft offenbart. Mit unverminderter Wucht trifft etwa ihr Kurzfilm Bleistiftmaske (1972), zu sehen im Einschreiben-Kapitel: Horns Gesicht ist von einem Geschirr eingeschnürt, das mit spitzen Bleistiftenden zunächst eher wehrhaft wirkt. Doch dann tritt die Künstlerin mit dem Ausdruck einer Verdammten vor ein an der Wand hängendes leeres Blatt, an dem sie sich in wütender Kopfschüttel-Bewegung im wahrsten Sinne des Wortes "abreibt". Dieses Werk ist mannigfaltig deutbar, gehört aber zweifelsfrei zu den bewegendsten Beispielen feministischer Kunst.

Nicht weniger berührt der Fluchtkoffer von 2013, der in sisyphosartiger Flügelschlagbewegung eine Stange hinaufschwebt, bevor er dann wieder energielos hinabsinkt – ein sehr politisches Werk. In dem flatternden Koffer oder in den tanzenden alten Stöckelschuhen des Objekts American Waltz (1990) meint man eine slapstickhafte Geistesverwandtschaft zu den tragikomischen Schrottskulpturen Jean Tinguelys zu entdecken, die in anderen Räumen des Museums rumoren. Wo der Schweizer mit seinen Maschinen oft eine höllische Kakofonie erzeugt, hält Horn dezent dagegen – im Falle der Skulptur Der Sonnenseufzer (2006) mit einem einzigen Geigenton.

"Rebecca Horn. Körperphantasien", Museum Tinguely, Basel, bis 22. September / "Rebecca Horn. Théâtre des métamorphoses", Centre Pompidou, Metz, bis 13. Januar 2020

Dieser Artikel stammt aus der Weltkunst, Heft Nr. 160/2019.