Beim "Selbstbildnis mit Saskia" von 1636 handelt es sich um die einzige Radierung, auf der sich Rembrandt gemeinsam mit seiner Frau dargestellt hat. © Andreas Diesend, Kupferstich-Kabinett, Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD)

Ein Schönmaler war er nicht. Und auch kein Feinmaler, der penibel wie sein erster Schüler Gerard Dou jedes Haar und jedes Kraut mit zartem Pinsel porträtierte. Selbst die Ausgelassenheit, der Hang zum Grotesk-Komischen, mit dem die Zeitgenossen Jan Steen, Dirck Hals und Adriaen Brouwer die Bilderwelt bereicherten, scheint ihm fremd gewesen. Nur an Selbstbewusstsein mangelte es Rembrandt Harmenszoon van Rijn nicht, das verrät schon seine Signatur: Wie die großen Vorgänger Leonardo, Michelangelo oder Raffael beschränkte er sich auf den Vornamen als Markenzeichen. Und was seine Gemütslage betrifft, erwies er sich als ein Kind des Merkur, das laut einer alten Handschrift "gesprächig, sehr fähig, voll Eigenlob, interessiert an großen Themen und an den Künsten, ein Meister in seinen Reden und in schönen fremden Künsten" ist.

Den Spuren seines Könnens geht die aktuelle Ausstellung Rembrandts Strich im Dresdner Kupferstich-Kabinett nach. Anhand von Zeichnungen und Radierungen verdeutlicht sie die Kunstfertigkeit und Arbeitsweise des großen Niederländers. Auch seine Eigenart als Lehrer, der zeichnend und "mit Strichen" argumentierte, wird sichtbar – zu seinen rund 50 Schülern gehörten immerhin Charaktere wie Samuel van Hoogstraten, Ferdinand Bol, Govert Flinck und Aert de Gelder. Und natürlich geht es nicht zuletzt um das Chiaroscuro – jene Hell-Dunkel-Malerei, die mit Licht und Schatten eine Welt schuf, die wirklich war und zugleich über die Wirklichkeit hinausgriff. Das ist in Dresden anregend und ohne jede didaktische Aufdringlichkeit inszeniert.

Da die Selbstbefragung in Bildnissen, gemalt und radiert, eine der prägenden Konstanten in Rembrandts Werk ist, beginnt die Übersicht mit einem Tableau von 19 Selbstporträts, radierten Miniaturen. Stets hat der Künstler den Betrachter im Blick, oft mit verschatteten Augen, als wolle er sich nicht gänzlich preisgeben, und wiederholt mit allerhand eigenartigen Kopfbedeckungen, so als sei er ein anderer. Dabei fällt auf, dass er lediglich auf einem der Blätter lacht. Nicht ungezwungen, überrascht oder überraschend. Eher hat man den Eindruck, ihn amüsiere ein böser Witz, das Missgeschick eines anderen. Denn, schrieb Jean Genet in seinem Essay Rembrandts Geheimnis aus dem Jahr 1958: "Außer dem lächelnden Titus gibt es nicht ein Gesicht, das heiter wäre. Alle scheinen ein äußerst schwerwiegendes, dichtes Drama in sich zu bergen."

Das stimmt allerdings nicht ganz. Auf dem späten Selbstbildnis als Zeuxis ist die Andeutung eines Lächelns zu erkennen. Und 2007 wurde in der englischen Provinz eine kleine, einem Nachfolger zugeschriebene  Kupfertafel mit dem jungen Rembrandt als Lachender Demokrit für 1.500 Pfund angeboten – und überraschend für 2,2 Millionen Pfund zugeschlagen. Als echter Rembrandt geadelt und auf etwa 1628 datiert, kostete er das Getty Museum schließlich um die 16,5 Millionen Pfund. Außerdem gibt es, Dresdens Stolz, das Gemälde, auf dem er mit Saskia lachend und mit erhobenem Glas als "Verlorener Sohn" posiert. In der Ausstellung akzentuiert es das Kapitel, das der Ehefrau gewidmet ist. Den Anfang macht hier die heiter unbeschwert wirkende Silberstiftzeichnung mit großem Strohhut und einer Blume in der Hand, die von einem Romantiker stammen könnte. "Dies ist nach meiner Hausfrau gezeichnet, als sie 21 Jahre alt war, am dritten Tag, nachdem wir getraut waren. Den 8. Juni 1633" hat Rembrandt darunter notiert. Gemeint ist die Verlobung, denn geheiratet haben sie erst ein Jahr später. Aber das Glück währte nicht lange, wie die gegenüberliegende Wand verrät. Sie vereint fünf Blätter, die Saskia im Bett zeigen, das Gesicht ernst, scheinbar lebensmatt. Da ist nichts mehr von den Verwandlungen, von dem Spiel mit Requisiten wie dem großen roten Barett mit der Feder, den sie auf dem anderen Dresdner Gemälde, aber auch auf dem Studienblatt mit sechs Köpfen trägt. Und das sich Rembrandt als "Verlorener Sohn" wie auf einem kleinen Selbstporträt und auf der Radierung mit Saskia aufgesetzt hat.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 160/2019

Von dieser Radierung gibt es eine "Mariage" im Amsterdamer Rijksprentenkabinet, auf der statt Saskia plötzlich Rembrandts Mutter erscheint, wie er sie 1631 radiert hatte. Es wird vermutet, dass Claude-Henri Watelet, ein französischer Sammler, Schriftsteller und Kupferstecher, der rund 400 Radierungen von Rembrandt sowie 83 seiner Kupferplatten besaß, diesen echten unechten Rembrandt von den beiden originalen Platten um 1760 gedruckt hat. Denn inzwischen gab es einen florierenden Sammlermarkt für Rembrandts Grafiken. Und natürlich ließ sich mit einer solchen "Novität" Effekt machen. Dass die teuren Kupferplatten für Stiche und Radierungen zu Lebzeiten und postum weiterverkauft wurden, war nicht ungewöhnlich. Meist hat man sie abgeschliffen und erneut graviert. Aber manchmal geschah das, weil sich das Polieren als zeitaufwendig erwies, nicht mit aller Feinheit. Deswegen kennt man Kupferstiche – etwa von Giulio Campagnola, Giovanni Antonio da Brescia oder Marcantonio Raimondi –, auf denen noch Reste des ursprünglichen Bildes auszumachen sind. Auch Rembrandt bildete keine Ausnahme. Er besaß die Platte von Hercules Segers’ Radierung Tobias und der Engel. Das Motiv ging auf ein Gemälde von Adam Elsheimer zurück, das nur in Kopien und in einem Kupferstich von Hendrick Goudt überliefert ist. Segers hatte es seitenverkehrt übernommen und die beiden Figuren vor eine weite Landschaft gesetzt. Rembrandt missfiel anscheinend dieses Arrangement. Also hat er die Platte partiell abgeschliffen und neu gestochen, sodass bei ihm nun Josef und Maria auf dem von Segers vorgegebenen Waldweg talabwärts ziehen. In Dresden kann man das Seger’sche Original, von dem nur zwei Abzüge bekannt sind, mit der Rembrandt’schen Überarbeitung vergleichen.