A. R. Penck, Ohne Titel (Ende im Osten/Duisburg), 1979/80 © VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Kunstmuseum Bonn, Reni Hansen

Plopp, schäum, schäum, Prost! So fröhlich klingt es am 30. Mai 1973 in den Dresdner Räumlichkeiten des Verlags Zeit im Bild. Der Parteichef Erich Honecker hat sich vor zwei Jahren an die Macht und an die Spitze der SED geputscht – sollte das etwa ein Grund zum Feiern sein? Nicht hier und nicht heute! In den eigens angemieteten Räumen, ausgerüstet mit einer Flasche Sekt, begießen vier Künstler die Gründung der Künstlergruppe "Lücke". Und natürlich ihre Ausstellung. Die jungen Männer sehen punkig und abweichlerisch aus. Es handelt sich um Steffen Terk, Wolfgang Opitz, Harald Gallasch und A. R. Penck. Sie feiern einen glücklichen Augenblick, denn auch der geschätzte, aufgeschlossene Dresdner Museumsdirektor Werner Schmidt nebst dem wohlwollenden 84-jährigen Ausnahmekünstler Hermann Glöckner zählen zu den Besuchern der Ausstellung.

Zack, gewonnen! So schreibt man Kunstgeschichte, so bilden sich erfolgreiche Künstlergruppen, so werden Stars gemacht, jedenfalls überall in der westlichen Welt. Im ostdeutschen Dresden läuft vieles anders. Schmidt nennt das Ganze später einen "Partisanenstreich", denn keiner der vier Männer ist im Künstler-Einheitsverband. Die Ausstellung ist nicht genehmigt, dürfte also gar nicht stattfinden. Heimlich kümmert sich Schmidt darum, dass ein paar Werke dieser und anderer Unliebsamer in die staatlichen Sammlungen kommen. Dass die vier ihre von der Obrigkeit nicht akzeptierte Kunst direkt in einem linientreuen Verlag zeigen, ist frech und mutig. Es ist aber vor allem gefährlich, denn es ist verboten.

Das ist echter Punk. Denn der Schlachtruf "No Future!" darf in der DDR für solche Aktionen ruhig wörtlich verstanden werden. Wer sich so was traut, hat meist keine Zukunft in diesem Staat – dies erinnert der zur nächsten Generation gehörende Künstler Thom di Roes in einem späteren Dokumentarfilm des Regisseurs Thomas Claus. Heute arbeitet Claus an einem neuen Film zu Penck und seinem Umkreis, der im Herbst 2019 im Sender RBB gesendet wird. Fasziniert von der Kühnheit der künstlerischen Avantgarde, widmet sich der forschende Filmemacher zudem der Aufarbeitung von gut zwanzig Lücke-Filmen, die Penck mit Opitz gemeinsam gemacht hat. Auch mit diesen performativen, parodistischen und aktivistischen Streifen behaupten Penck und Kollegen den ostdeutschen Kunst-Untergrund – ganz einfach, weil sie ihn behaupten müssen. Sie werden verboten, behindert und überwacht, oft aus dem engsten Freundeskreis. Wer da den ersten Stein schmeißen will, dem fliegt er oft selbst um die Ohren. Und das ist bis heute so. Die Taktik der Zersetzung, die die Stasi wie kein anderer Geheimdienst perfektioniert hat, sie wirkt bis heute nach.

Wobei es für die Künstler oft noch schlimmer ist, dass man ihre Arbeit nicht ernst nimmt. Pencks zwanzig Ölbilder, die bei der Ausstellung im Mai 1973 zu sehen sind, werden in Stasi-Akten als "Farbkleckserei" bezeichnet. Dabei hat Penck im Westen 1972 bereits an der bahnbrechenden Harald-Szeemann-Documenta teilgenommen und ist zuvor in Krefeld mit einer musealen Einzelausstellung gewürdigt worden. Auch im Osten horcht man auf, doch nur im negativen Sinn. Kurz nach der Ausstellung bei Zeit im Bild wird Penck zum Reservedienst in die Armee eingezogen. Sein Freund Terk muss ebenfalls in die Kaserne. Das Ziel dieser durch den Geheimdienst geförderten Aktion: Die Künstlergruppe soll zerschlagen werden.

Dieser Artikel stammt aus dem Weltkunst-Heft Nr. 159/2019 © Weltkunst

"Ich aber komme aus Dresden", das schreibt Penck 1992 nicht nur stolz, sondern vor allem mit einer störrischen Konnotation. Damals stellt er erstmals offiziell und groß in Dresden aus, es ist ein von BMW finanzierter Siegeszug in die Stadt seiner Kindheit, seiner Kunstentwicklung, seiner Albträume. Er hat Dresden, in dem er so verfolgt worden ist, lange Zeit gehasst, hat das schöne Elbflorenz in einem Gemäldetitel als "ästhetische Provinz" beschimpft und den DDR-Geist genauso wie den generellen Informationsmangel angeprangert. "Wenn die Philosophie auf das Niveau des Schrebergartens herabsinkt, wird der Schrebergarten zum Hauptinhalt der Philosophie. So weit habt ihrs gebracht!", wütet er in einem westlichen Ausstellungskatalog. Erst nach der Wiedervereinigung schnipst er seine sozialistische Herkunft dem Allesfresser-Kapitalismus entgegen. Denn wer aus Dresden kommt, auch das sagt er implizit, wer hier gegen alle Widerstände groß geworden ist, der lässt sich nicht einfach einkaufen und versöhnen. Unter den Verfehlungen des realen Sozialismus hat Penck gelitten, was im Gegenzug freilich nicht bedeutet, dass er sich demokratischer Marktlogik unterworfen hat. Er nutzt sein Talent, um zwischen den Extremen zu balancieren.

Penck und Dresden, das ist bis heute eine spannende Angelegenheit. Man kann die alten Künstlerfreunde in der Stadt besuchen und befragen: Klaus Liebscher, Peter Graf, Peter Makolies, Frank Maasdorf und viele mehr. Auch Pencks Geburtshaus steht noch, seine Schwester soll dort bis heute in der elterlichen Wohnung leben. Doch in den Staatlichen Kunstsammlungen gibt es verhältnismäßig wenige Werke von ihm, denn nach der Wiedervereinigung konnte kaum nachgesammelt werden. Da ist es ein riesiger Glücksfall, dass die Städtische Galerie 2007 die Sammlung des alten Penck-Freundes Jürgen Schweinebraden erwerben konnte. Aus dem bedeutenden Fundus von 470 Werken schöpft zu einem guten Teil auch die Schau des Albertinums in diesem Herbst.

Mit Penck stammt einer der größten Maler des 20. Jahrhunderts aus Dresden. Das zeigt, dass Kritik und Widerstand, manchmal sogar schlimme Bedrohungen, einen von Kunstwillen bestimmten Menschen nicht zwingend mundtot machen. Im Gegenteil, sie können ihn zu Höchstleistungen anstacheln. Umgekehrt darf sich auch jeder an der Vorstellung wärmen, dass es Mutige wie Penck gegeben hat, die sich zu diktatorischen Zeiten so weit aus dem Fenster gelehnt haben, dass man sie sehen konnte.

Natürlich ist Dresden zu DDR-Zeiten nicht nur Stasi-Sumpf: Es hält Nischen bereit, preisgünstige Arbeitsräume, Stille, Ruhe. Und viel Zeit. Eine eigenwillige Kultur hat sich in dieser Stadt behauptet: Bei Liebscher, dessen Wohnung in den 1960ern zum Szenetreff wird, kann man Jackson Pollock bewundern – als Reproduktion, versteht sich. Das Leonhardi-Museum fährt im Ringen mit der offiziellen Kulturpolitik einen eigenwilligen ästhetischen Kurs. Terk kann sich, zumindest für einige Jahre, mit der "Lücke" einen Spielraum im Untergrund schaffen. Und hier wächst, im Dunst schwelender Kriegsruinen, auch ein Sturkopf wie Penck auf, der am Realismus, am "Menschenbild" weiterarbeitet und sich einen "thematischen Künstler" nennt. Autonomie-Ästhetik ist ihm schnurz. Er will nicht formalistische Versuche anstellen, er will die Wirklichkeit durchdringen.