Das "Stillleben mit einem Teller Zwiebeln" entstand wenige Monate vor Vincent van Goghs Tod 1890. © Kröller-Müller Museum, Otterlo

Ganz glauben kann man es nicht. Da finden Jahr um Jahr zahllose Ausstellungen des wohl populärsten Künstlers der Moderne statt. Doch ausgerechnet das Stillleben, das ein Fünftel seines über 800 Arbeiten umfassenden Œuvres ausmacht, soll bisher unberücksichtigt geblieben sein?

Erst Anfang der Woche wurde im Frankfurter Städel die Making van Gogh-Schau eröffnet, die sich mit seiner Bedeutung für die deutsche Avantgarde beschäftigt. Die Londoner Tate Gallery beleuchtete das Verhältnis zu Großbritannien, das Noordbrabants Museum in 's-Hertogenbosch das familiäre Umfeld und die Freunde. Es gibt wohl kein Thema – vom Porträt bis zu den Landschaften und der Farbe –, zu dem nicht mindestens eine Ausstellung gemacht worden wäre. Außer zum Stillleben.

Der Kunsthistoriker Michael Philipp, damals noch beim Hamburger Bucerius Kunstforum, entdeckte vor neun Jahren diese Lücke und plant seitdem die Erfüllung seines Kuratorentraums, eine Van-Gogh-Ausstellung neuer Lesart. Das dauert, denn nichts ist schwieriger, als Leihgaben zu bekommen. Von Publikumsmagneten trennt sich kein Museum gern.

Mit der Berufung der Bucerius-Direktorin Ortrud Westheider ans Barberini-Museum wechselte auch Philipp nach Potsdam, seine Idee weiterhin im Gepäck. Das Konzept des Tandems Westheider-Philipp, sich die durch eine Ausstellung noch nicht gewürdigten Aspekte eines Künstlerstars vorzuknöpfen, geht nach Beckmanns Welttheater, Richters Abstraktion und Picassos Spätwerk nun zum vierten Mal auf.

Die Aussicht, nicht nur für die reine Feier einer gesicherten Größe, sondern auch die wissenschaftliche Erkenntnis einen Beitrag leisten zu können, bewegt die Besitzer, ihre Werke herzugeben. Auch an ein Haus, das keine Gegengaben zu bieten hat. 27 Bilder insgesamt konnte Philipp akquirieren. Allein das Kröller-Müller-Museum im holländischen Otterlo, das nach dem ebenfalls als Leihgeber vertretenen Amsterdamer Van-Gogh-Museum weltweit die größte Kollektion des Künstlers besitzt, gab ein Dutzend Gemälde.

Sie täte das gern, erklärte die Direktorin Lisette Pelsers mit einem strahlenden Lächeln bei der Eröffnung – wenn die Umstände stimmen, sprich: Versicherung, Klima, Transport. In Potsdam passt's. Das Barberini hat sich seit seiner Eröffnung im Januar 2017 einen guten Ruf erarbeitet, das Publikum dürfte ihm wieder sicher sein. Generös verweist es auch auf die parallele Frankfurter Ausstellung: Mit insgesamt 70 Gemälden in beiden Häusern sind so viele van Goghs in Deutschland zu sehen wie seit der wegweisenden Retrospektive 1914 in der Berliner Galerie Cassirer nicht mehr.

Am Stillleben probierte er sich aus

Nur 27 Bilder im Barberini? So könnte man ungnädig fragen. Doch dahinter verbirgt sich eine ganze Welt, das gesamte Schaffen des Künstlers. Entlang dieses von den Kuratoren bisher so vernachlässigten Genres – obwohl die Sonnenblumen als die Mona Lisa der Moderne gelten – lässt sich die rasante Entwicklung der nur ein Jahrzehnt währenden Künstlerkarriere nachverfolgen.

Sie beginnt mit den brauntonigen Gemälden der ersten Jahre und führt zu den Pariser Blumenstillleben, mit denen sich der Künstler zur freieren Farbgebung, dem pastosen Auftrag vorantastete. Am Stillleben probiert sich van Gogh aus, wagt er die nächsten Schritte. Hier gelingt ihm der Durchbruch, entwickelt er seine eigene Handschrift mit dem signifikanten Strichelstrich, der das auf einem Tisch platzierte Obst umkreist, als wären es Eisenfeilspäne, die es zum Magneten zieht. In diese kosmische Bewegung wird van Gogh später die Felder, den Himmel und die Sterne einbeziehen.

Vor allem in den letzten drei Sälen folgt man dieser Entwicklung atemlos und erlebt als Finale – an der abschließenden Wand, als einziges Werk im Raum – das Fest der Farbe in Gestalt eines blühenden Kastanienzweigs, dessen weiße Blüten zu explodieren scheinen.