Letzter Flug aus Pfullingen – Seite 1

Spätsommerlich warm ist die Luft, die Nachmittagssonne taucht die hügelige Landschaft in Honigfarben. Am Horizont über der Schwäbischen Alb braut sich ein Gewitter zusammen. "Hier muss es gewesen sein." Mitten auf einem Feld, dicht überwuchert von hohem Gras und wilden Sträuchern, bleibt der ältere Herr mit Siegelring und Tweedjackett stehen und sieht sich um. Er spricht nuanciertes Oxford-Englisch. "Hier muss sie immer gestartet und gelandet sein. Sie liebte ihr Flugzeug genauso wie die schnellen Autos ihres Mannes." Er geht einige Schritte weiter, bleibt dann erneut stehen, um amüsiert zu ergänzen: "Und sie rauchte Pfeife!"

Der Herr im Jackett ist Felix de Marez Oyens. Er lebt in Paris, ist Spezialist für alte Bücher und hat zeitweise das International Book Department von Christie’s geleitet. Die extravagante Frau, von der er erzählt, ist ­Agathe Saulmann, die Mutter seiner 2005 verstorbenen Halbschwester Nina. Agathe war die älteste Tochter des erfolgreichen Berliner Architekten Alfred Breslauer. Ein "hochoriginelles und apartes Wesen", so die Charakterisierung durch ihre jüngste Schwester ­Marianne (1909–2001), die unter dem Namen Breslauer für ihre modernen Fotografien der späten Zwanziger und frühen Dreißiger bekannt ist und als verheiratete Feilchenfeldt nach dem Krieg einen international bedeutenden Kunsthandel führte.

Agathe Saulmann um 1948 © Nachlass Ernst und Agathe Saulmann

Als Siebzehnjährige heiratete Agathe 1915 den Amsterdamer Altphilologen Hendrik Jan de Marez Oyens; ein Jahr später kam Nina zur Welt. Doch die Ehe hielt nicht ­lange. Marianne Feilchenfeldt Breslauer beschreibt in ihrem Erinnerungsbuch "Bilder meines Lebens", wie ihre Schwester in Berlin zu arbeiten begann und daneben ihre Tochter erzog. "Dann aber lernte sie einen Textilkaufmann kennen, der Ernst Saulmann hieß und im Schwabenland Fabriken hatte. Er war nicht nur ein außerordentlich kultivierter, erfolgreicher Mann, sondern besaß auch viel Sinn für Witz und Komik." 1925 heirateten Agathe und der 17 Jahre ältere Unternehmer. Das Paar blieb kinderlos; Nina wuchs teilweise bei ihrem Vater in den Niederlanden auf. Aus dessen dritter Ehe ging der 1946 geborene Felix de Marez Oyens hervor.

Die Reise auf den Spuren von Agathe und Ernst Saulmann hat uns nach Pfullingen bei Reutlingen geführt, vierzig Kilometer südlich von Stuttgart. Im Nachbarort betrieb Saulmann mit 600 Webstühlen und 500 Angestellten die Mechanische Baumwollweberei Eningen. In dem Dokumentarfilm, an dem wir arbeiten, machen wir uns auf die Spurensuche nach einer vergessenen Sammlung und den dahinterstehenden Menschen. Ein exemplarischer Fall von NS-Raubkunst. Die Protagonisten des Films sind neben Provenienzforschern und Museumskustoden der Nachfahre und Erbe der Sammler sowie der Enkel jenes Händlers, der die Kollektion der Saulmanns in den Zwanzigern maßgeblich mit aufbaute und sie dann unter den ­Nazis "verwertete", wie es damals hieß.

Dieser Artikel stammt aus Weltkunst Heft Nr. 164/2019

Vom einstigen Flugfeld führt ein Kieselweg den Hügel hinauf zum Erlenhof, den das Ehepaar 1927 bezog. Marianne Feilchenfeldt Breslauer hatte eine besondere Erinnerung an ihre kühne Schwester: "Als ich sie in den Ferien besuchte, sind wir, einer spontanen Laune folgend, von dort einfach an die Ostsee zum Baden geflogen." Es braucht nicht viel Fantasie, um sich an diesem Spätsommertag auszumalen, wie der schwäbische ­Fabrikant und seine extravagante Frau aus dem Berliner Großbürgertum hier residierten und das vom Architekten Theodor Fischer 1904–06 erbaute Anwesen nach und nach mit spätgotischen Skulpturen, Renaissance-Gemälden, alten Möbeln und anderen Artefakten bestückten.

Doch der Kunstkosmos, den sich Ernst und Agathe Saulmann schufen, hatte nicht einmal ein Jahrzehnt lang Bestand. Schon bald nach Hitlers Machtergreifung geriet das Ehepaar wegen seiner jüdischen Herkunft in Bedrängnis, und die Baumwollweberei geriet ins Taumeln, weil ihr wichtige Kredite verweigert wurden. Nach den Nürnberger "Rassengesetzen" vom September 1935, die alle jüdischen Bürger endgültig entrechteten und diskriminierten, begann der Reutlinger Kreisleiter Otto Sponer gegen den Unternehmer zu hetzen: "Wir werden dem Juden Saulmann das Grausen noch beibringen."

Durch die Kampagnen der Nazis blieben Aufträge aus, zudem zermürbten die Angriffe auf das Unternehmen Saulmann so sehr, dass er im Dezember in ein Stuttgarter Krankenhaus eingewiesen werden musste. Als Otto Sponer kurz nach Weihnachten versuchte, die Firmenbelegschaft gegen den Besitzer aufzuwiegeln und einen Vorwand zu dessen Verhaftung zu liefern, packte Agathe Saulmann die Koffer, holte ihren Mann in Stuttgart ab und fuhr mit ihm mit dem nächsten Zug nach Florenz, wo sie ein zweites großzügiges Haus unterhielten. Alles, was sich das Ehepaar aufgebaut hatte, blieb zurück. Unverzüglich setzte die Maschinerie der Enteignung und Beraubung durch die Finanzbehörden ein. Es folgten der Entzug der Staatsbürgerschaft und 1937 die "Arisierung" der Firma durch eine Zwangsversteigerung.

Nichts mehr so, wie es einmal war

Am Starnberger See, 250 Kilometer östlich von Pfullingen, herrscht ein ähnliches Spätsommeridyll. Florian Eitle-Böhler empfängt uns im Garten mit bestimmter bayerischer Herzlichkeit: "Das hier ist schon der Lebensmittelpunkt. Und so wird’s auch immer bleiben." Er blickt auf den See und die Segelboote. Vor 15 Jahren hat er den Firmensitz ganz von München hierher verlegt. Eitle-Böhler kommt aus der Münchner Kunsthändlerdynastie Julius Böhler, die seit 1880 in mittlerweile fünfter Generation aktiv ist. Aufgrund seiner engen Verbindungen zu den preußischen Museen erhielt der Gründer Julius Böhler 1895 von Kaiser Wilhelm II. den Titel eines "Königlich-preußischen Hofantiquars". Das hölzerne Bootshaus auf dem ­Anwesen am Starnberger See hat der Sohn, Florian Eitle-Böhlers Urgroßvater Julius ­Wilhelm, errichten lassen. Dessen Sohn ­Julius Harry lenkte seit 1928 die Geschicke der Kunsthandlung.

Die Jahre der Weltwirtschaftskrise seit 1929 brachten auch dem Kunsthandel starke Einbrüche. Vor diesem Hintergrund erweiterte Julius Harry Böhler das Geschäftsfeld des Hauses um Versteigerungen, die er teils in Eigenregie, teils in Partnerschaft mit eta­blierten Auktionshäusern wie Adolf Weinmüller in München durchführte. "Vom Geschäft hat er eigentlich nie geredet. Er hat überhaupt wenig geredet", erinnert sich ­Florian Eitle-Böhler und blickt auf ein Foto seines Großvaters aus der Mitte der Sechzigerjahre: das Haupthaar zurückgekämmt, sein Lächeln ein wenig verkniffen, der Blick reserviert und in sich gekehrt.

Vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten machte die Kunsthandlung ihre größten Umsätze mit angesehenen jüdischen Kunstsammlern, etwa mit dem ungarischen Financier Marczell von Nemes, dem Berliner Unternehmer und Mäzen James Simon oder Alfred Pringsheim in München, dem Schwiegervater von Thomas Mann. Doch nach der Machtergreifung Adolf Hitlers änderte sich das binnen kurzer Zeit. Die Käufer wurden auf einmal zu Einlieferern unter höchstem wirtschaftlichen Druck. Wie auch für andere nichtjüdische Kunsthändler entstand für Julius Harry Böhler ein neues Geschäftsfeld: Ab 1936 wurde der Kunstmarkt mit Privatsammlungen aus jüdischem Besitz geflutet, deren Eigentümer nicht nur ihre Emigration, sondern auch die "Reichsfluchtsteuer" oder die "Judenvermögensabgabe" finanzieren mussten. Mehrfach wurde Böhler für derartige Verkäufe von langjährigen Kunden kontaktiert. So auch von Ernst und Agathe Saulmann.

Felix de Marez Oyens, Erbe der Sammlung, beim Besuch des Erlenhofs © LUPA Film

Zwar gelang eine Rekonstruktion der Sammlung Saulmann bisher nur zu Bruchteilen, und lediglich ein Dutzend Werke der ursprünglich mehr als hundert Gemälde, Skulpturen, Majoliken, Möbel und Orientteppiche umfassenden Sammlung konnte bis heute an die Erbengemeinschaft um Felix de Marez Oyens restituiert werden. Doch ein Hauch der Aura des Sammlerpaares schimmert an diesem Samstagnachmittag in Pfullingen durch die hohen Bäume. Beinahe scheint es, als hätten die alten Gemäuer des Guts und der umliegende Wald einen Teil der Seele ihrer einstigen Bewohner bewahrt. "Von außen sieht hier alles noch genau so aus wie damals", stellt Felix de Marez Oyens anhand einiger Schwarz-Weiß-Fotos von 1936 im Garten des Anwesens fest. In der Tat scheint sich wenig verändert zu haben. Erst im Inneren des Hauses wird deutlich, dass hier nichts mehr so ist, wie es einmal war.

Im gewölbeartigen Flur, in dem einst eine fränkische Alabaster-Madonna mit Kind des 14. Jahrhunderts auf einem Sockel stand – wie ein altes Foto beweist –, klebt heute eine Palmentapete an der Wand. Im Salon, in dem zahlreiche Skulpturen und Gemälde aus der Renaissance und dem ­Barock die Nischen und Wände zierten, erinnert nur noch die architektonische Disposition an die üppig möblierten Wohnräume der ehemaligen Besitzer. Auf einer der Fotografien erkennen wir einen Schreibtisch, der in einem Erker zur Abendsonne hin stand: Agathes Arbeitsplatz, wo sie im Dezember 1935, wenige Tage vor der Flucht, an Böhler schrieb: "Wir sind zur Zeit dabei, unsere Fabrik zu verkaufen und unseren Haushalt aufzulösen. Würden Sie sich eventuell für den Verkauf unserer Sammlung interessieren?"

Nicht wissend, dass die Saulmanns bereits ins Ausland geflohen waren, antwortete Böhler am 7. Januar 1936 aus München: "Was Ihre Sammlung auf dem Erlenhof betrifft, so habe ich in den entsprechenden Katalogen die Sachen nachgeschlagen und wäre gerne bereit, sie für Sie zu verkaufen. Ich müsste natürlich erst die Sachen im Original sehen können und würde Ihnen dann einen passenden Vorschlag machen. Wir könnten die ganze Sammlung einer geeigneten Auktion einfügen oder auch versuchen, die besseren Stücke freihändig zu verkaufen."

Böhler schickte seinen Adlatus, den Kunsthistoriker Hans Sauermann, nach Pfullingen, um die Objekte in Augenschein zu nehmen und zu taxieren. Mit dabei waren örtliche Finanzbeamte. Die Fotos, die de ­Marez Oyens bei seinem Besuch auf dem Erlenhof in den Händen hält, entstanden bei jener ­Inspektion im Frühling 1936; die Originale lagern im Stadtarchiv Reutlingen. Sie sind neben wenigen Abbildungen in einem Auktionskatalog die einzigen konkreten Hinweise zur Rekonstruktion der Sammlung.

Eine traurige Heimkehr

Für den Verkauf schlug Böhler das Münchner Auktionshaus Weinmüller vor, und wenige Wochen später ging der Katalog für die Auktion in Druck. Was Böhler den Saulmanns bei seiner Empfehlung verschwieg: Er selbst war seit dem 1. Februar 1936 zu 50 Prozent stiller Gesellschafter bei Weinmüller. Dabei ist bis heute unklar, warum er seine Teilhaberschaft bei Weinmüller nicht offenlegte. Hatte er möglicherweise doch moralische Bedenken bei den Verkäufen, die seine ehemalige jüdische Kundschaft hier unter Zwang und nicht selten deutlich unter Marktpreis tätigten? Wollte er andere die Geschäfte ausführen lassen und dennoch davon profitieren? Gegen moralische Bedenken spricht, dass Böhler im Zuge der Zwangsveräußerungen auch Werke für den Bestand der eigenen Kunsthandlung erwarb und dies zumindest gegenüber Agathe Saulmann auch nicht verbarg. Im erwähnten Brief an sie schrieb er: "Möglicherweise ist auch das eine oder andere Stück dabei, was uns selbst interessiert und das wir selbst fest übernehmen werden, falls Ihre Preise den heutigen Verhältnissen entsprechend sind."

Böhler profitierte gleich doppelt von der Ausnahmesituation und dem Druck auf seine jüdische Kundschaft. Er verdiente an der Versilberung jener Sammlungen, an deren Aufbau er bereits beteiligt gewesen war. Und er konnte zu günstigen Preisen hochwertige Ware für seine eigenen Zwecke einkaufen. Erklärt sich so der vielschichtige und etwas beschwerte Blick auf dem Porträt, das für Böhlers Enkel Florian die einzige fotografische Erinnerung an seinen Großvater ist? "Natürlich hat nach dem Krieg niemand darüber sprechen wollen, was gewesen war. München lag in Trümmern, und es ging darum, wieder anzufangen. Ich kann mich nur schwer in meinen Großvater hineinversetzen. Er hat nie über diese Zeit gesprochen, und ich war bei seinem Tod erst zwanzig. Mit meiner jetzigen Lebenserfahrung würde ich ihm gerne viele Fragen stellen. Aber leider ist es zu spät", sagt Eitle-Böhler bedauernd, wenn man ihn danach fragt, ob die zweifelhaften Geschäfte der Kunsthandlung zwischen 1936 und 1945 bei seinem Großvater seelische Spuren hinterlassen haben.

Der Erlenhof in Pfullingen © LUPA Film

Als Agathe und Ernst Saulmann den Erlenhof Hals über Kopf verließen, begannen für sie lange Jahre der Flucht und der Todesgefahr. Nur wenig ist über die Zeit ihres Exils bekannt. Zwar konnte das Ehepaar bis Ende 1937 zunächst in seinem Zweitwohnsitz ­"Villino La Pace" in Florenz unterkommen, doch dann mussten die beiden aus dem faschistischen Italien weiterziehen. Abermals ließen sie eine zwar deutlich kleinere, aber offenbar nicht unbedeutende Sammlung zurück. Hierüber weiß man noch weniger als über den einstigen Bestand im Erlenhof. 1937 überließ Ernst Saulmann dem Kunsthistorischen Institut in Florenz einige Fotografien, die Werke aus der Sammlung zeigen – vermutlich mit der Absicht, sie später identifizieren und wiederfinden zu können.

Die nächste Station war Nizza, aber auch dort wurden die Saulmanns von den Ereignissen überrollt. Nach Hitlers Einfall in Frankreich befanden sich Agathe und Ernst zwar in der unbesetzten Zone, doch wurden sie als Juden vom Vichy-Regime im berüchtigten Lager Gurs in den Pyrenäen interniert. Wann und unter welchen Umständen das Ehepaar von dort wieder freikam, ist unklar. Genauso wenig ist darüber bekannt, wo sie sich seit der deutschen Besetzung Südfrankreichs im November 1942 verstecken konnten. Nach der Befreiung Frankreichs kamen die Saulmanns nach Paris. Dort starb Ernst am 25. April 1946 völlig entkräftet an den Folgen der Lagerhaft.

Iris Schmeisser, Provenienzforscherin am Frankfurter Städel Museum und Liebieghaus, hat sich intensiv mit dem Fall Saulmann beschäftigt und konnte durch ihre Recherche ermitteln, wie Agathe nach dem Tod ihres Mannes noch einmal alle Kraft zusammennahm, um Anklage gegen das erlittene Unrecht zu erheben. "Es war wie ein letztes Aufbäumen für die Gerechtigkeit. Sie wollte wenigstens gehört werden." Am 15. Mai 1948 reichte Agathe Klage bei der Restitutionskammer des Landgerichts Tübingen ein und forderte die Rückerstattung ihres Besitzes.

Ziemlich schnell erreichte sie die Rückgabe des Erlenhofs. Im Sommer 1949, mehr als 13 Jahre nach ihrer Flucht, kehrte Agathe nach Pfullingen zurück. Es muss eine traurige Heimkehr gewesen sein. Das gesamte Inventar des Erlenhofs war verschwunden, das Wohnhaus von mehreren Bauernfami­lien bewohnt. Womöglich lag es an den schmerzlichen Erinnerungen an die hier verbrachten glücklichen Jahre, die Agathe dazu bewegten, das Anwesen bald für eine viel zu niedrige Summe zu verkaufen.

Am 9. März 1950 erklärte die Tübinger Restitutionskammer die 1937 geschlossenen Verkaufsverträge zwischen dem Liquidator der Baumwollweberei und dem Käufer Josef Leger, zuvor technischer Betriebsleiter bei Saulmann, für nichtig und forderte die Herausgabe des Unternehmens samt Immobilien. Der Prozess sorgte damals weit über Württemberg hinaus für Furore. Nicht weniger Aufsehen erregten Agathe Saulmanns Pläne, in Eningen Flüchtlingskinder aus aller Welt aufzunehmen und das Firmengelände wie die ganze Gemeinde als exterritoriales Gebiet den Vereinten Nationen zu unterstellen. Doch blieb sie nicht lange in Pfullingen, sondern verzichtete in einem Revisions­prozess gegen eine Abfindung von 100.000 D-Mark auf die Firma. Am 18. Juni 1951 nahm sie sich in Baden-Baden das Leben

Forschung für späte ­Gerechtigkeit

Nina de Marez Oyens, die den Krieg in der Schweiz überdauert hatte und später in anthroposophischen Schulen in England und Norwegen arbeitete, nahm die Restitutionsklagen ihrer Mutter wieder auf und forschte bis in die Sechzigerjahre mithilfe von Anwälten nach dem Verbleib der Sammlung. Aus der Korrespondenz der Kunsthandlung Böhler geht kein Kontakt mit ihr hervor. Aktenkundig ist indes die Antwort auf ihre Anfrage 1962 im Auktionshaus von Rudolf Neumeister, der in München Ende der Fünfziger die Firma Weinmüller erworben hatte. Sämtliche Unterlagen seien im Krieg verbrannt, hieß es. Im März 2013 fand Katrin Stoll, Tochter und Nachfolgerin Neumeisters, im Keller besagte Weinmüller-­Kataloge der NS-Zeit mit allen Einträgen des Versteigerers. Sie übergab sie zur Aufarbeitung und Onlinepublikation an das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte.

Nun erst wurde klar, dass es sich bei der Sammlung "S. in R.", aus der am 26./27. Juni 1936 in München 113 Lose sowie ihre Kunstbibliothek unter den Hammer kamen, um die Kollektion von Agathe und Ernst Saulmann aus Reutlingen handelte. Der Verkauf der Objekte erbrachte ein Ergebnis von 40.000 Reichsmark, wohl deutlich unter dem eigentlichen Wert. Da das Reutlinger Finanzamt eine Reichsfluchtsteuer in Höhe von 139.365 Reichsmark festgelegt und schon eine Pfändung verfügt hatte, mussten die Saulmanns den Auktionserlös vollständig abtreten. Die einzigen Profiteure waren, neben dem NS-Staat, Adolf Weinmüller und sein stiller Teilhaber Julius Harry Böhler.

Durch die Abbildungen einiger Objekte im Weinmüller-Katalog von 1936 konnten Kunstwerke identifiziert werden, die eindeutig aus dem Erlenhof stammten. Im Frankfurter Liebieghaus fand sich die fränkische Alabaster-Madonna, die einst im erwähnten Gewölbegang stand. Zudem zeigte sich, dass Böhler die Madonna selbst ersteigert und bald darauf für den sechsfachen Preis an das Frankfurter Skulpturenmuseum verkauft hatte. Nach der Rückgabe an die Familie de Marez Oyens wurde das Stück 2015 bei Sotheby’s London für 22.500 Pfund brutto versteigert.

Die "Drei Engel mit dem Christuskind" aus dem Bode-Museum, das das Werk 2018 dauerhaft erwarb © LUPA Film

Im Berliner Bode-Museum wiederum erwies sich eine Figurengruppe aus Lindenholz als Saulmann-Werk, um 1430/40 im Umkreis des innovativen Ulmer Maler-Bildhauers Hans Multscher entstanden. Die "Drei Engel mit dem Christuskind" waren erst 1999 als Schenkung privater Sammler, die sie ohne Kenntnis von der heiklen Provenienz erworben hatten, ins Museum gekommen. Im Sommer 2018 erhielt de Marez Oyens die ­Engelgruppe für eine "historische Sekunde" von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurück, die sie gegen eine Kompensationszahlung auf Dauer für die Sammlung des Bode-Museums erwarb. Solch eine Lösung gab es auch mit dem Landesmuseum in Münster, das eine Renaissancetruhe nach der Restitution von den Saulmann-Erben zurückkaufte.

Florian Eitle-Böhler, der schon 1995 die Lagerbücher und die Korrespondenz seiner Firma an das Bayerische Wirtschaftsarchiv gegeben hatte – damals eine Pionierleistung unter den Kunsthändlern –, folgte 2014 dem Beispiel der Herausgabe der Weinmüller-Kataloge durch die Neumeister-Chefin Katrin Stoll und übergab die gesamte Objektkartei seiner Vorfahren zur Digitalisierung und Erforschung ans Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Womöglich werden sich dadurch weitere Hinweise zum Besitz der Saulmanns, ganz sicher aber zu vielen anderen Samm­lungen ergeben. Die Forschung für späte ­Gerechtigkeit geht voran.

 "Es sieht tatsächlich alles noch genauso aus wie damals", wiederholt Felix de Marez Oyens noch einmal voll Erstaunen, als er im Garten des Erlenhofs eine letzte Runde dreht und seine Eindrücke mit den Fotos von 1936 vergleicht. Ja, von außen.

Felix von Boehms Dokumentarfilm "Collected Memories" über die Sammlung Saulmann wird am 14. Dezember auf 3sat und am 27. Dezember auf ZDFinfo ausgestrahlt.

Dieser Artikel stammt aus der Weltkunst, Heft Nr.164/2019.