Am Starnberger See, 250 Kilometer östlich von Pfullingen, herrscht ein ähnliches Spätsommeridyll. Florian Eitle-Böhler empfängt uns im Garten mit bestimmter bayerischer Herzlichkeit: "Das hier ist schon der Lebensmittelpunkt. Und so wird’s auch immer bleiben." Er blickt auf den See und die Segelboote. Vor 15 Jahren hat er den Firmensitz ganz von München hierher verlegt. Eitle-Böhler kommt aus der Münchner Kunsthändlerdynastie Julius Böhler, die seit 1880 in mittlerweile fünfter Generation aktiv ist. Aufgrund seiner engen Verbindungen zu den preußischen Museen erhielt der Gründer Julius Böhler 1895 von Kaiser Wilhelm II. den Titel eines "Königlich-preußischen Hofantiquars". Das hölzerne Bootshaus auf dem ­Anwesen am Starnberger See hat der Sohn, Florian Eitle-Böhlers Urgroßvater Julius ­Wilhelm, errichten lassen. Dessen Sohn ­Julius Harry lenkte seit 1928 die Geschicke der Kunsthandlung.

Die Jahre der Weltwirtschaftskrise seit 1929 brachten auch dem Kunsthandel starke Einbrüche. Vor diesem Hintergrund erweiterte Julius Harry Böhler das Geschäftsfeld des Hauses um Versteigerungen, die er teils in Eigenregie, teils in Partnerschaft mit eta­blierten Auktionshäusern wie Adolf Weinmüller in München durchführte. "Vom Geschäft hat er eigentlich nie geredet. Er hat überhaupt wenig geredet", erinnert sich ­Florian Eitle-Böhler und blickt auf ein Foto seines Großvaters aus der Mitte der Sechzigerjahre: das Haupthaar zurückgekämmt, sein Lächeln ein wenig verkniffen, der Blick reserviert und in sich gekehrt.

Vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten machte die Kunsthandlung ihre größten Umsätze mit angesehenen jüdischen Kunstsammlern, etwa mit dem ungarischen Financier Marczell von Nemes, dem Berliner Unternehmer und Mäzen James Simon oder Alfred Pringsheim in München, dem Schwiegervater von Thomas Mann. Doch nach der Machtergreifung Adolf Hitlers änderte sich das binnen kurzer Zeit. Die Käufer wurden auf einmal zu Einlieferern unter höchstem wirtschaftlichen Druck. Wie auch für andere nichtjüdische Kunsthändler entstand für Julius Harry Böhler ein neues Geschäftsfeld: Ab 1936 wurde der Kunstmarkt mit Privatsammlungen aus jüdischem Besitz geflutet, deren Eigentümer nicht nur ihre Emigration, sondern auch die "Reichsfluchtsteuer" oder die "Judenvermögensabgabe" finanzieren mussten. Mehrfach wurde Böhler für derartige Verkäufe von langjährigen Kunden kontaktiert. So auch von Ernst und Agathe Saulmann.

Felix de Marez Oyens, Erbe der Sammlung, beim Besuch des Erlenhofs © LUPA Film

Zwar gelang eine Rekonstruktion der Sammlung Saulmann bisher nur zu Bruchteilen, und lediglich ein Dutzend Werke der ursprünglich mehr als hundert Gemälde, Skulpturen, Majoliken, Möbel und Orientteppiche umfassenden Sammlung konnte bis heute an die Erbengemeinschaft um Felix de Marez Oyens restituiert werden. Doch ein Hauch der Aura des Sammlerpaares schimmert an diesem Samstagnachmittag in Pfullingen durch die hohen Bäume. Beinahe scheint es, als hätten die alten Gemäuer des Guts und der umliegende Wald einen Teil der Seele ihrer einstigen Bewohner bewahrt. "Von außen sieht hier alles noch genau so aus wie damals", stellt Felix de Marez Oyens anhand einiger Schwarz-Weiß-Fotos von 1936 im Garten des Anwesens fest. In der Tat scheint sich wenig verändert zu haben. Erst im Inneren des Hauses wird deutlich, dass hier nichts mehr so ist, wie es einmal war.

Im gewölbeartigen Flur, in dem einst eine fränkische Alabaster-Madonna mit Kind des 14. Jahrhunderts auf einem Sockel stand – wie ein altes Foto beweist –, klebt heute eine Palmentapete an der Wand. Im Salon, in dem zahlreiche Skulpturen und Gemälde aus der Renaissance und dem ­Barock die Nischen und Wände zierten, erinnert nur noch die architektonische Disposition an die üppig möblierten Wohnräume der ehemaligen Besitzer. Auf einer der Fotografien erkennen wir einen Schreibtisch, der in einem Erker zur Abendsonne hin stand: Agathes Arbeitsplatz, wo sie im Dezember 1935, wenige Tage vor der Flucht, an Böhler schrieb: "Wir sind zur Zeit dabei, unsere Fabrik zu verkaufen und unseren Haushalt aufzulösen. Würden Sie sich eventuell für den Verkauf unserer Sammlung interessieren?"

Nicht wissend, dass die Saulmanns bereits ins Ausland geflohen waren, antwortete Böhler am 7. Januar 1936 aus München: "Was Ihre Sammlung auf dem Erlenhof betrifft, so habe ich in den entsprechenden Katalogen die Sachen nachgeschlagen und wäre gerne bereit, sie für Sie zu verkaufen. Ich müsste natürlich erst die Sachen im Original sehen können und würde Ihnen dann einen passenden Vorschlag machen. Wir könnten die ganze Sammlung einer geeigneten Auktion einfügen oder auch versuchen, die besseren Stücke freihändig zu verkaufen."

Böhler schickte seinen Adlatus, den Kunsthistoriker Hans Sauermann, nach Pfullingen, um die Objekte in Augenschein zu nehmen und zu taxieren. Mit dabei waren örtliche Finanzbeamte. Die Fotos, die de ­Marez Oyens bei seinem Besuch auf dem Erlenhof in den Händen hält, entstanden bei jener ­Inspektion im Frühling 1936; die Originale lagern im Stadtarchiv Reutlingen. Sie sind neben wenigen Abbildungen in einem Auktionskatalog die einzigen konkreten Hinweise zur Rekonstruktion der Sammlung.