Für den Verkauf schlug Böhler das Münchner Auktionshaus Weinmüller vor, und wenige Wochen später ging der Katalog für die Auktion in Druck. Was Böhler den Saulmanns bei seiner Empfehlung verschwieg: Er selbst war seit dem 1. Februar 1936 zu 50 Prozent stiller Gesellschafter bei Weinmüller. Dabei ist bis heute unklar, warum er seine Teilhaberschaft bei Weinmüller nicht offenlegte. Hatte er möglicherweise doch moralische Bedenken bei den Verkäufen, die seine ehemalige jüdische Kundschaft hier unter Zwang und nicht selten deutlich unter Marktpreis tätigten? Wollte er andere die Geschäfte ausführen lassen und dennoch davon profitieren? Gegen moralische Bedenken spricht, dass Böhler im Zuge der Zwangsveräußerungen auch Werke für den Bestand der eigenen Kunsthandlung erwarb und dies zumindest gegenüber Agathe Saulmann auch nicht verbarg. Im erwähnten Brief an sie schrieb er: "Möglicherweise ist auch das eine oder andere Stück dabei, was uns selbst interessiert und das wir selbst fest übernehmen werden, falls Ihre Preise den heutigen Verhältnissen entsprechend sind."

Böhler profitierte gleich doppelt von der Ausnahmesituation und dem Druck auf seine jüdische Kundschaft. Er verdiente an der Versilberung jener Sammlungen, an deren Aufbau er bereits beteiligt gewesen war. Und er konnte zu günstigen Preisen hochwertige Ware für seine eigenen Zwecke einkaufen. Erklärt sich so der vielschichtige und etwas beschwerte Blick auf dem Porträt, das für Böhlers Enkel Florian die einzige fotografische Erinnerung an seinen Großvater ist? "Natürlich hat nach dem Krieg niemand darüber sprechen wollen, was gewesen war. München lag in Trümmern, und es ging darum, wieder anzufangen. Ich kann mich nur schwer in meinen Großvater hineinversetzen. Er hat nie über diese Zeit gesprochen, und ich war bei seinem Tod erst zwanzig. Mit meiner jetzigen Lebenserfahrung würde ich ihm gerne viele Fragen stellen. Aber leider ist es zu spät", sagt Eitle-Böhler bedauernd, wenn man ihn danach fragt, ob die zweifelhaften Geschäfte der Kunsthandlung zwischen 1936 und 1945 bei seinem Großvater seelische Spuren hinterlassen haben.

Der Erlenhof in Pfullingen © LUPA Film

Als Agathe und Ernst Saulmann den Erlenhof Hals über Kopf verließen, begannen für sie lange Jahre der Flucht und der Todesgefahr. Nur wenig ist über die Zeit ihres Exils bekannt. Zwar konnte das Ehepaar bis Ende 1937 zunächst in seinem Zweitwohnsitz ­"Villino La Pace" in Florenz unterkommen, doch dann mussten die beiden aus dem faschistischen Italien weiterziehen. Abermals ließen sie eine zwar deutlich kleinere, aber offenbar nicht unbedeutende Sammlung zurück. Hierüber weiß man noch weniger als über den einstigen Bestand im Erlenhof. 1937 überließ Ernst Saulmann dem Kunsthistorischen Institut in Florenz einige Fotografien, die Werke aus der Sammlung zeigen – vermutlich mit der Absicht, sie später identifizieren und wiederfinden zu können.

Die nächste Station war Nizza, aber auch dort wurden die Saulmanns von den Ereignissen überrollt. Nach Hitlers Einfall in Frankreich befanden sich Agathe und Ernst zwar in der unbesetzten Zone, doch wurden sie als Juden vom Vichy-Regime im berüchtigten Lager Gurs in den Pyrenäen interniert. Wann und unter welchen Umständen das Ehepaar von dort wieder freikam, ist unklar. Genauso wenig ist darüber bekannt, wo sie sich seit der deutschen Besetzung Südfrankreichs im November 1942 verstecken konnten. Nach der Befreiung Frankreichs kamen die Saulmanns nach Paris. Dort starb Ernst am 25. April 1946 völlig entkräftet an den Folgen der Lagerhaft.

Iris Schmeisser, Provenienzforscherin am Frankfurter Städel Museum und Liebieghaus, hat sich intensiv mit dem Fall Saulmann beschäftigt und konnte durch ihre Recherche ermitteln, wie Agathe nach dem Tod ihres Mannes noch einmal alle Kraft zusammennahm, um Anklage gegen das erlittene Unrecht zu erheben. "Es war wie ein letztes Aufbäumen für die Gerechtigkeit. Sie wollte wenigstens gehört werden." Am 15. Mai 1948 reichte Agathe Klage bei der Restitutionskammer des Landgerichts Tübingen ein und forderte die Rückerstattung ihres Besitzes.

Ziemlich schnell erreichte sie die Rückgabe des Erlenhofs. Im Sommer 1949, mehr als 13 Jahre nach ihrer Flucht, kehrte Agathe nach Pfullingen zurück. Es muss eine traurige Heimkehr gewesen sein. Das gesamte Inventar des Erlenhofs war verschwunden, das Wohnhaus von mehreren Bauernfami­lien bewohnt. Womöglich lag es an den schmerzlichen Erinnerungen an die hier verbrachten glücklichen Jahre, die Agathe dazu bewegten, das Anwesen bald für eine viel zu niedrige Summe zu verkaufen.

Am 9. März 1950 erklärte die Tübinger Restitutionskammer die 1937 geschlossenen Verkaufsverträge zwischen dem Liquidator der Baumwollweberei und dem Käufer Josef Leger, zuvor technischer Betriebsleiter bei Saulmann, für nichtig und forderte die Herausgabe des Unternehmens samt Immobilien. Der Prozess sorgte damals weit über Württemberg hinaus für Furore. Nicht weniger Aufsehen erregten Agathe Saulmanns Pläne, in Eningen Flüchtlingskinder aus aller Welt aufzunehmen und das Firmengelände wie die ganze Gemeinde als exterritoriales Gebiet den Vereinten Nationen zu unterstellen. Doch blieb sie nicht lange in Pfullingen, sondern verzichtete in einem Revisions­prozess gegen eine Abfindung von 100.000 D-Mark auf die Firma. Am 18. Juni 1951 nahm sie sich in Baden-Baden das Leben