Nina de Marez Oyens, die den Krieg in der Schweiz überdauert hatte und später in anthroposophischen Schulen in England und Norwegen arbeitete, nahm die Restitutionsklagen ihrer Mutter wieder auf und forschte bis in die Sechzigerjahre mithilfe von Anwälten nach dem Verbleib der Sammlung. Aus der Korrespondenz der Kunsthandlung Böhler geht kein Kontakt mit ihr hervor. Aktenkundig ist indes die Antwort auf ihre Anfrage 1962 im Auktionshaus von Rudolf Neumeister, der in München Ende der Fünfziger die Firma Weinmüller erworben hatte. Sämtliche Unterlagen seien im Krieg verbrannt, hieß es. Im März 2013 fand Katrin Stoll, Tochter und Nachfolgerin Neumeisters, im Keller besagte Weinmüller-­Kataloge der NS-Zeit mit allen Einträgen des Versteigerers. Sie übergab sie zur Aufarbeitung und Onlinepublikation an das Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte.

Nun erst wurde klar, dass es sich bei der Sammlung "S. in R.", aus der am 26./27. Juni 1936 in München 113 Lose sowie ihre Kunstbibliothek unter den Hammer kamen, um die Kollektion von Agathe und Ernst Saulmann aus Reutlingen handelte. Der Verkauf der Objekte erbrachte ein Ergebnis von 40.000 Reichsmark, wohl deutlich unter dem eigentlichen Wert. Da das Reutlinger Finanzamt eine Reichsfluchtsteuer in Höhe von 139.365 Reichsmark festgelegt und schon eine Pfändung verfügt hatte, mussten die Saulmanns den Auktionserlös vollständig abtreten. Die einzigen Profiteure waren, neben dem NS-Staat, Adolf Weinmüller und sein stiller Teilhaber Julius Harry Böhler.

Durch die Abbildungen einiger Objekte im Weinmüller-Katalog von 1936 konnten Kunstwerke identifiziert werden, die eindeutig aus dem Erlenhof stammten. Im Frankfurter Liebieghaus fand sich die fränkische Alabaster-Madonna, die einst im erwähnten Gewölbegang stand. Zudem zeigte sich, dass Böhler die Madonna selbst ersteigert und bald darauf für den sechsfachen Preis an das Frankfurter Skulpturenmuseum verkauft hatte. Nach der Rückgabe an die Familie de Marez Oyens wurde das Stück 2015 bei Sotheby’s London für 22.500 Pfund brutto versteigert.

Die "Drei Engel mit dem Christuskind" aus dem Bode-Museum, das das Werk 2018 dauerhaft erwarb © LUPA Film

Im Berliner Bode-Museum wiederum erwies sich eine Figurengruppe aus Lindenholz als Saulmann-Werk, um 1430/40 im Umkreis des innovativen Ulmer Maler-Bildhauers Hans Multscher entstanden. Die "Drei Engel mit dem Christuskind" waren erst 1999 als Schenkung privater Sammler, die sie ohne Kenntnis von der heiklen Provenienz erworben hatten, ins Museum gekommen. Im Sommer 2018 erhielt de Marez Oyens die ­Engelgruppe für eine "historische Sekunde" von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zurück, die sie gegen eine Kompensationszahlung auf Dauer für die Sammlung des Bode-Museums erwarb. Solch eine Lösung gab es auch mit dem Landesmuseum in Münster, das eine Renaissancetruhe nach der Restitution von den Saulmann-Erben zurückkaufte.

Florian Eitle-Böhler, der schon 1995 die Lagerbücher und die Korrespondenz seiner Firma an das Bayerische Wirtschaftsarchiv gegeben hatte – damals eine Pionierleistung unter den Kunsthändlern –, folgte 2014 dem Beispiel der Herausgabe der Weinmüller-Kataloge durch die Neumeister-Chefin Katrin Stoll und übergab die gesamte Objektkartei seiner Vorfahren zur Digitalisierung und Erforschung ans Zentralinstitut für Kunstgeschichte. Womöglich werden sich dadurch weitere Hinweise zum Besitz der Saulmanns, ganz sicher aber zu vielen anderen Samm­lungen ergeben. Die Forschung für späte ­Gerechtigkeit geht voran.

 "Es sieht tatsächlich alles noch genauso aus wie damals", wiederholt Felix de Marez Oyens noch einmal voll Erstaunen, als er im Garten des Erlenhofs eine letzte Runde dreht und seine Eindrücke mit den Fotos von 1936 vergleicht. Ja, von außen.

Felix von Boehms Dokumentarfilm "Collected Memories" über die Sammlung Saulmann wird am 14. Dezember auf 3sat und am 27. Dezember auf ZDFinfo ausgestrahlt.

Dieser Artikel stammt aus der Weltkunst, Heft Nr.164/2019.