Ein deutsch-deutscher Krimi – Seite 1

Die gute Nachricht, mit der niemand mehr rechnete, kam nach fast genau 40 Jahren: Fünf Altmeistergemälde, die im Dezember 1979 in der damaligen DDR aus dem Museum im Schloss Friedenstein in Gotha gestohlen wurden und seitdem als verschollen galten, befinden sich in Sicherheit. Nach Recherchen von ZEIT, ZEIT ONLINE und Deutschlandfunk lagern sie seit einigen Wochen in der Obhut des Rathgen-Forschungslabors der Staatlichen Museen zu Berlin. Der Zustand sei "recht ordentlich", bestätigt jemand, der die wiedergefundenen Schätze ansehen konnte: "Sie wurden beschädigt und nicht sehr gut restauriert; aber im Großen und Ganzen sind sie in Ordnung." Die Rückkehr der Bilder löste auch neue polizeiliche Ermittlungen aus. Womöglich klärt sich nun, was genau in jener Winternacht vor 40 Jahren in Thüringen geschah – und welchen Weg die Gemälde danach genau nahmen bis zuletzt.

Der Einbruch in das Schlossmuseum Gotha im Jahr 1979 war der spektakulärste Kunstdiebstahl in der Geschichte der DDR – und war bis zuletzt einer der größten und rätselhaftesten Fälle von Kunstkriminalität. Die Beute – fünf Gemälde, die damals Jan Brueghel dem Älteren, Anthonis van Dyck, Frans Hals, Hans Holbein dem Älteren und Rembrandts Zeitgenossen Jan Lievens zugeschrieben wurden – blieb vier Jahrzehnte lang verschwunden, auch der politische Systemwechsel zwischendrin änderte daran nichts. Zum Zeitpunkt des Diebstahls wurde der Wert der Gemälde von den DDR-Behörden auf eher bescheidene 4,5 Millionen Mark geschätzt. Heute sind die Gemälde mutmaßlich ein Vielfaches in Euro wert, auch wenn manche Zuschreibungen inzwischen wohl infrage stehen.

Dass die Bilder nun wiederaufgetaucht sind, ist eine Sensation. Der zeitliche Zusammenhang dieser Nachricht zu der vom Einbruch in das Grüne Gewölbe in Dresden vor knapp zwei Wochen, bei dem ein gutes Dutzend Teile des sagenhaften Juwelenschmucks aus der Schatzkammer August des Starken gestohlen wurde, ist rein zufällig – und doch zeigt das Schicksal der Gothaer Gemälde ein mögliches Ende solcher Kunstdiebstähle. Und wie lange es sich hinziehen kann.

Ein Anruf aus Westdeutschland

Im Fall von Gotha gingen der Rückkehr monatelange Verhandlungen voraus. Schon im Juni 2018 hatte sich bei Knut Kreuch, dem Oberbürgermeister von Gotha, ein Rechtsanwalt im Namen eines Mandanten aus Westdeutschland gemeldet. Zunächst hatte der Anwalt nur Andeutungen zu den Gemälden gemacht; erst später war von Wiederbeschaffung und Rückgabe die Rede, gegen Zahlung einer Millionensumme. In Gotha kennt jeder die Geschichte des Verschwindens dieser Gemälde. Kreuch selbst hatte als Jugendlicher in der DDR die entsprechenden Berichte verfolgt.

Der Abend vom 13. auf den 14. Dezember 1979 war in Gotha kalt, regnerisch und stürmisch. Auf den gepflasterten Straßen rund um den kleinen Park in der Innenstadt, in dem die barocke Schlossanlage liegt, waren kaum Menschen unterwegs. Schon gar nicht zwischen zwei und halb drei Uhr in der Nacht, als mehrere Täter über ein Fallrohr zur dritten Etage des als Museum genutzten Schlosses Friedenstein emporkletterten und dort durch ein Fenster in die Ausstellungssäle eindrangen. Sie konzentrierten sich nicht auf das, was am nächsten hing, um möglichst schnell wieder verschwinden zu können – die Einbrecher hatten offenkundig vor allem das Brueghel-Gemälde Landstraße mit Bauernwagen und Kühen im Visier.

Es war nicht das erste Mal, dass jemand dieses um 1610 entstandene Gemälde aus dem Schloss in Gotha stehlen wollte. Die ersten drei Versuche, die binnen weniger Monate angestellt worden waren, waren allerdings slapstickhaft schiefgegangen. Beim ersten Mal, im August 1978, löste sich der dünne Blitzableiter von der Wand, an dem die Einbrecher zu einem kleinen Mauervorsprung in acht bis neun Metern Höhe hinaufklettern wollten. Beim zweiten Mal hatten sie eine Klappleiter mitgebracht, waren aber trotzdem nicht erfolgreich, weil sie das Fenster nicht öffnen konnten. Beim dritten Mal, am 11. Oktober 1978, wäre der Coup fast gelungen, aber ein aufmerksamer Pförtner bemerkte den Einbruch und verständigte die Polizei. Sechs Täter wurden verhaftet.

Beim anschließenden Prozess sagten diese aus, ihnen sei es um den "Zigeuner-Brueghel" gegangen: Das große Gemälde von Jan Brueghel dem Älteren zeigt allerdings weder eine spezifische Bevölkerungsgruppe noch Nomaden, sondern eine Landstraße mit Kutschenverkehr. Die Verhafteten waren Bürger der DDR. Einer der Hintermänner der Tat soll den damaligen Ermittlungen zufolge der inzwischen verstorbene Otto W. gewesen sein, eine durchaus schillernde Figur in dem realsozialistischen Land: Er war unter anderem als Pferdehändler und Betreiber einer Kneipe in Elbingerode tätig, war aber im planwirtschaftlich organisierten Staat auch durch Spekulationsgeschäfte mit Gold aufgefallen – und arbeitete mit der Staatssicherheit zusammen. Anders als er wurden die sechs Angeklagten im Januar 1979 zu Haftstrafen verurteilt. Wegen einer Generalamnestie aus Anlass des dreißigsten Jahrestages der DDR-Gründung, dem 7. Oktober 1979, saßen sie aber nicht lange im Gefängnis: Zwischen September und November wurden alle wieder entlassen.

Nur kurze Zeit später gelang dann im Dezember 1979 der Einbruch ins Schlossmuseum von Gotha. Wer auch immer die Täter waren, sie stahlen nicht nur das Brueghel-Bild, auf das es die Angeklagten im Jahr zuvor abgesehen hatten. Sie rissen im selben sogenannten Niederländer-Saal noch drei weitere wertvolle Altmeistergemälde samt der schweren Rahmen von der Wand – und ein Porträt der Heiligen Katharina von Hans Holbein in einem anderen Raum. Die Täter müssen gewusst haben, dass im Museum eine neue Alarmanlage installiert worden war, jedoch erst drei Tage später in Betrieb genommen werden sollte. So waren die Gemälde geradezu schutzlos. Wann genau der Einbruch in der Nacht stattfand, registrierten nur die Klimageräte: Gegen zwei Uhr dreißig wurde es plötzlich kalt und feucht im Museum.

Die abenteuerlichen Theorien zum Kunstraub

Zwei weitere Abbildungen aus der nun einstweilen in Berlin lagernden Beute des Kunstraubs von 1979: "Heilige Katharina" von Hans Holbein (links) und "Brustbild eines jungen Mannes" von Frans Hals. © Stiftung Schloss Friedenstein

Dass die fünf Altmeistergemälde dann vier Jahrzehnte lang verschwunden bleiben konnten, obwohl die DDR eine der größten Fahndungen in der Geschichte des sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaats organisierte und ohnehin bis zu ihrem Ende 1989 stets streng kontrollierte, welche Menschen und welche Waren das Territorium verließen, führte zu abenteuerlichen Theorien. Wie in solchen Fällen üblich war sofort von einem unbekannten Sammler die Rede, der den Diebstahl in Auftrag gegeben und mit den staatlichen Behörden gegen Devisen Arrangements für den diskreten Export der Bilder getroffen haben sollte.

Nicht nur die Kriminalpolizei, auch die Staatssicherheit befragte und beschattete in der Sache unter anderem auch die sechs Familienmitglieder, die schon 1978 mehrfach versucht hatten, ins Schlossmuseum einzusteigen. Sie öffnete deren Briefe, hörte ihre Telefone ab, platzierte Inoffizielle Mitarbeiter (IM) im Umfeld der erneut Verdächtigen. Den DDR-Ermittlern gelang es aber nicht, ihnen auch diese Tat nachzuweisen.

Eine andere Theorie lautete, die Stasi sei selbst ins Museum eingestiegen, um die Beute gegen dringend benötigte Devisen ins Ausland zu verkaufen. Tatsächlich hielt sich laut Stasiberichten in den Tagen nach dem Einbruch mindestens ein prominenter Mitarbeiter der zum Außenhandelsimperium des Stasi-Obersts Alexander Schalck-Golodkowski gehörenden staatlichen Kunst- und Antiquitäten GmbH in Gotha auf.

Seit beim Oberbürgermeister in Gotha vor anderthalb Jahren das Telefon klingelte, scheint festzustehen, dass die fünf Altmeistergemälde aus Gotha tatsächlich noch vor 1989 in den Westen gebracht wurden. Auf welchen Wegen und zu welchem Zweck, ließ sich bislang noch nicht gänzlich rekonstruieren. Bei der westdeutschen Familie, die zuletzt im Besitz der Gemälde gewesen sein soll, waren die Bilder angeblich über 30 Jahren lang.

Zurück kamen die Gemälde von Gotha jetzt vor allem, weil dort Oberbürgermeister Kreuch nach dem ersten Anruf klug reagierte. Er signalisierte gegenüber dem Rechtsanwalt der Besitzer Kaufbereitschaft und nahm Kontakt zur Ernst von Siemens Kunststiftung als potenzieller Sponsorin auf, mit der die Stadt bereits zuvor einige Male zusammengearbeitet hatte. Gemeinsam gelang es, den Anwalt davon zu überzeugen, dass alle fünf Bilder zunächst in Berlin naturwissenschaftlich untersucht werden müssten, um ihre Echtheit zu prüfen. Bei einem Termin Ende September im Rathgen-Forschungslabor der Berliner Museen, an dem auch ein verdeckter Ermittler des Berliner Landeskriminalamtes teilnahm, wurde ein Vertrag unterzeichnet. Unmittelbar danach telefonierte der Anwalt, und wenige Minuten später fuhr ein VW-Transporter vor, in dem sich die Bilder aus Gotha befanden. Zum Teil sind sie wohl durch den Abtransport über die Regenrinne am Schlossmuseum ramponiert worden, und alle fünf sind so restauriert, dass ihre Oberfläche merkwürdig gleich aussieht.

Wer waren die Täter? Was war ihr Motiv?

Verschiedene Fragen sind noch offen: Wer hat die Bilder gestohlen? Was war das eigentliche Motiv hinter dieser Tat? Spielten die Bilder tatsächlich bei einem deutsch-deutschen Gefangenenaustausch eine Rolle, wie auch spekuliert wird? Wer half dabei, die Werke noch zu DDR-Zeiten aus dem Land herauszubringen?

Juristisch ist im Fall Gotha vieles längst verjährt, erklärt die Berliner Rechtsanwältin Friederike von Brühl, die in dieser Sache das Museum im Gothaer Schloss Friedenstein vertritt. Strafrechtlich können wegen des damaligen Einbruchs keine Vorwürfe mehr erhoben werden. Die westdeutsche Familie, bei der die Bilder angeblich waren, könne sich aber nicht auf "gutgläubige Ersitzung" berufen, dafür seien der Diebstahl der Werke und ihr legitimer Besitzer, das Schlossmuseum, zu bekannt gewesen: "Die Stiftung Schloss Friedenstein hat durch den Diebstahl von 1979 nie ihr Eigentum verloren, gleichgültig wie dieser Diebstahl genannt oder erklärt wird. Durch die Übergabe der Bilder befinden sich jene aber, falls es sich um die Originale – die 1979 gestohlenen Bilder – handelt, wieder in Besitz und Eigentum der rechtmäßigen Eigentümer."

Mehrere Durchsuchungen, die am Donnerstag stattfanden, könnten weiteren Aufschluss über die Hintergründe des wohl rätselhaftesten Kunstdiebstahls in der DDR bringen. Ein Einbruch, der sich 40 Jahre nach der Tat als deutsch-deutsche Angelegenheit herausstellt.