Bei den Telefonstreichen gehe es auch darum, zu beweisen, dass man aus jeder WG die wichtigsten CEOs anrufen kann, um mit ihnen über Politik und Wirtschaft zu diskutieren. "Wir wollen den Zentren der Macht zeigen, dass wir an sie rankommen." Für einen kurzen Moment wird diese Macht tatsächlich sichtbar. Inhaltlich ist das nicht so überraschend, wie Peng! es gerne hätte. Aber es erstaunt doch, wie selbstverständlich Manager Subventionen einfordern und sich Mitsprache zugleich verbitten. Was Peng! mit der Aktion erreicht hat: Wir alle stehen jetzt mit im Sitzungszimmer. Jeder kann in der Kunstinstallation zuhören, wie die Wirtschaftselite hinter den Kulissen spricht – oder die von Peng! angefertigten Gedächtnisprotokolle im Internet nachlesen, aus denen auch die folgenden Zitate entnommen sind.

Die Gespräche laufen oft ähnlich ab: Reife Männerstimmen liefern kurze Analysen zur Wirtschaftslage, drängen zur Produktivität – und wehren Vorschläge dazu ab, wie sie sich auf den Klimawandel vorbereiten oder sich strikt am Gemeinwohl orientieren könnten. Besonders ungläubig reagieren sie auf die Idee, mehr staatliche Lenkung zuzulassen. Als de Vries etwa vorschlägt, den Krankenhausbetreiber Helios in kommunale Hand zu überführen, wird der Vorstandsvorsitzende unruhig. Das Bundeswirtschaftsministerium erwägt Verstaatlichungen? "Wir halten davon nichts." Er verteidigt das Profitinteresse und die Gewinnausschüttung an Aktionäre – auch öffentliche Krankenhäuser würden Gewinne an den Staat abführen, das sei "im Endeffekt nichts anderes". Manchmal geben sich die Manager aber erstaunlich verständnisvoll: Der Vertreter von BMW etwa findet, Eingriffe in Schlüsselindustrien könnten verständlich sein – aber nicht bei seinem Konzern.

Der Anruf bei Rolf Schmitz, dem Vorstandsvorsitzenden von RWE, verläuft weniger gemütlich. Schmitz ist angespannt, man merkt, das Unternehmen steht in der Kritik. Er unterbricht Anja de Vries häufig. De Vries will wissen, ob sich angesichts des Klimawandels die Wirtschaft nicht von der Wachstumslogik verabschieden müsse. "Nein, auf keinen Fall. Ich halte das für ziemlichen Unsinn, was Sie da suggerieren", wehrt sich Schmitz. "Dass wir uns alle gegenseitig die Haare schneiden und ähnliches", erklärt er, "wird überhaupt nicht funktionieren."

Der CEO von RWE legt auf

Schmitz nennt die Idee, das Wirtschaftswachstum zu beschränken, einen "historischen Fehler". Er würde sich "vehement mit allem, was ich kann, dagegen aussprechen". Gegen de Vries' Einwand, der Klimawandel erzwinge einen radikalen Umbau der Wirtschaft, führt er technische Innovation ins Feld. Als Beispiel nennt er die neue virtuelle Meetingkultur, die weniger Reisen erforderlich mache. Blöd nur: Das Argument wird live untergraben von technischen Problemen, das Telefongespräch ist abgehackt, der CEO legt auf.

Wenige Stunden später ruft Schmitz überraschend wieder an und will wissen, wer die Behörde leitet. Er hat gemerkt, dass ihm ein Streich gespielt wurde. "Ich weiß ja nicht, für welches Satiremagazin Sie arbeiten, aber dieses Amt gibt es nicht, wo Sie sind." Bevor er auflegt, droht er noch: "Ich glaub, Sie kriegen Ärger." Einige Tage später warnt Kai Diekmann auf Twitter vor der Fake-Seite. Doch wie hat er davon erfahren?

Die Aktionsformen mögen radikal erscheinen, aber der moralische Anspruch, den Peng! an die Konzerne heranträgt, wirkt reichlich naiv: "Leute in Machtpositionen sollten doch im Sinne des Gemeinwohls handeln, nicht nur nach Profitinteressen. Sonst können wir noch zehn Jahre SUV fahren, dann fahren wir aber auch die ganze Gesellschaft gegen die Wand", sagt Anja de Vries. Aber wer glaubt wirklich, dass Konzerne freiwillig das Gemeinwohl über den Shareholder-Value stellen? Vielleicht nimmt das Künstlerkollektiv hier nur eine Vorstellung auf, die in der Mitte der Gesellschaft weit verbreitet ist: Wenn doch nur einzelne Machtträger die moralisch richtigen Entscheidungen fällen würden, müssten wir unser Leben kaum ändern, um den Klimawandel zu verhindern und sozial gerechter zu wirtschaften. Doch das Handeln Einzelner wird die Welt nicht retten können, selbst wenn die Einzelnen sie retten wollten.

Und die Aktion von Peng! zeigt: Sie wollen es wohl gar nicht.

Korrekturhinweis: In einer ersten Fassung hatten wir das Energieunternehmen RWE in einer Aufzählung der an den Gesprächen beteiligten Firmen zweimal genannt. Diesen Fehler haben wir korrigiert. Die Redaktion