Am Samstagabend steht der Vorsitzende der Grünen im Bundestag in einer Kreuzberger Galerie. Draußen sausen Manufakturräder um den Moritzplatz, drinnen herrscht urbane Zeigefreudigkeit. Anton Hofreiter, 51 Jahre alter Politiker und hörbar aus Bayern, präsentiert an diesem Abend seine Blumenbilder. Ihnen gegenübergestellt sind Fotografien und Papierarbeiten der brasilianischen Künstlerin Luzia Simons. Wer hier wen flankiert, ist angesichts der politischen Prominenz von Hofreiter ungeklärt. Erst recht so kurz vor dieser enorm wichtigen Bundestagswahl.

Watching Flowers heißt die Ausstellung der Pop-up-Galerie pavlov's dog. Und genauso stellt sich die Sache auch dar. Man starrt auf die Hofreiter-Bilder in ihren schlichten weißen Rahmen und denkt: Nicht sein Ernst. Oder? Doch! Sein voller Ernst.

Dass Anton Hofreiter in seiner Freizeit malt, weiß man schon länger. Für das Magazin der Süddeutschen Zeitung hat der promovierte Biologe vor zwei Jahren gefährdete Alpenblumen getuscht. Man sah die Bilder von Trollblume und Mehlprimel und dachte: Irgendwie rührend, dass dieser ja sonst eher lautstarke Herr Hofreiter seine Zartheit im Zeichnen von Blumen ausagiert. Aber an diesem Abend fragt man sich doch: Warum muss er das öffentlich zeigen, gar ausstellen?

Anton Hofreiter – blauer Anzug, weißes Hemd - scheint da wenige Bedenken zu haben. Direkt angesprochen darauf, ob das in der Kreuzberger Galerie Gezeigte aufgrund des Kontextes Kunst sei, antwortet er freundlich: "Das sollen andere beurteilen." Ein Nein klingt anders.

Künstlerin und Künstler waren anwesend: Luzia Simons (links) und Anton Hofreiter am Samstag vor der Galerie, in der ihre Werke zu sehen sind. © Anja Maier für ZEIT ONLINE

Zu sehen sind von ihm in den Räumen einer ehemaligen Sparkasse einen Tag lang (am Sonntagnachmittag bereits werden die Bilder für einen guten Zweck versteigert) fast schon kindlich anmutende Pflanzenmotive in satten Farben. Auf den erst kürzlich fertiggestellten vier Tulpenmotiven, die gleich links neben dem Eingang hängen, ragen aus einem nicht sichtbaren Untergrund immer gleich hohe Tulpen unterschiedlicher Färbung ins Format. Die Horizontallinie verschafft eine Art Perspektive. Für den Himmel hat der Künstler das immer gleiche Blau gewählt.

Die Bilder leuchten wie zugelost zwischen den majestätischen Riesenformaten der 1953 geborenen Fotografin Luzia Simons. Die Brasilianerin ist bekannt für ihre Blumenstillleben, für Vielfalt und technische Präzision. Angesichts ihrer ultraexakten Tulpenfotografien wirken Hofreiters Bilder wie ein freundlicher Irrtum.

In einem Erklärtext an der Wand schreibt Hofreiter, er male, "weil ich Blumen einfach wunderschön finde und weil es entspannend ist". In den zurückliegenden Pandemiemonaten habe er bei Zoom-Konferenzen manchmal nebenher gemalt, darunter auch die Tulpen. Das klingt ein wenig nach dem Candy-Crush-Spieler Bodo Ramelow. Der thüringische Ministerpräsident hat bekanntlich während mancher Konferenz zuletzt spielend Politik gemacht. Der Grünenfraktionsvorsitzende greift in seinem Homeoffice offenbar zu Pinsel und Farben.

Beim Künstlergespräch gefragt, wie er das Spannungsverhältnis zwischen seinem privaten Kunstschaffen und der öffentlichen Wahrnehmung als Politiker bewertet, antwortet Hofreiter, man falle ja nicht "als Spitzenpolitiker vom Himmel". Er, der Biologe, sei zum Beispiel aus inhaltlichen Gründen in die Politik gegangen. Unaufgefordert fügt er hinzu, es werde allgemein "falsch eingeschätzt, wie viele Leute auch in der Spitzenpolitik vom Naturell her schüchtern sind". Man denkt umgehend an die Trollblume. Gleichwohl lässt Hofreiters Antwort die Frage nach dem Warum dieser Präsentation noch drängender werden.

Es gab und gibt immer mal wieder politische Akteure, die den privaten künstlerischen Ausdruck auf der öffentlichen Bühne ausagieren. Winston Churchill hat immer und immer wieder den Goldfischteich in seinem Garten gemalt. Bill Clinton spielte Saxophon. Und George W. Bush hat mit seinen Ölbildern von Angela Merkel oder Wladimir Putin für Heiterkeit gesorgt. Mittlerweile hat der einstige US-Präsident Unterricht genommen. Sein im April erschienener Bildband mit Porträts von Menschen, die in die USA eingewandert sind, steht auf der Bestsellerliste der New York Times. Es geht also.

Anton Hofreiter erzählt nun von seinem Biologiestudium in den Neunzigern und der Promotion über die Pflanzengattung Bomarea. In diesen Jahren ist er nach Südamerika gereist, durch den Regenwald gewandert, hat Pflanzen fotografiert und später auch gezeichnet. Einige dieser Orchideenbilder sind in Kreuzberg zu sehen. "Wenn man etwas versucht zu zeichnen, schaut man die Dinge sehr genau an", sagt er.

Man darf sich Anton Hofreiter in jener längst vergangenen Zeit als glücklichen Menschen vorstellen. Er ging frei seinen Neigungen nach. "Wissen nimmt einfach Angst weg", sagt er. Dass er Bundestagsabgeordneter, gar Fraktionsvorsitzender werden und bleiben würde, lag noch in einer irgendwie unscharfen Zukunft. Das Schönste sei es damals in Brasilien für ihn gewesen, erinnert sich der Politiker Hofreiter an den Anton von einst, das Schönste sei gewesen, abends die Hängematte zwischen zwei Bäumen aufzuspannen, unter das Moskitonetz zu schlüpfen und den Geräuschen des Waldes zu lauschen. "Man war sehr bei sich."