Der Deutsche Buchpreis ist ein Verkaufspreis, so erfolgreich, wie es sich seine Erfinder vor Jahren wahrscheinlich noch nicht einmal hatten träumen lassen. Die Bedenken gegen den Preis werden Jahr für Jahr aufs Neue formuliert; dadurch werden sie nicht weniger richtig. Etwa 14.000 belletristische Novitäten kommen in jedem Jahr auf den deutschen Markt. Rechnet man die breite Masse der Unterhaltungsliteratur weg, bleibt immer noch eine beachtliche Zahl von Neuerscheinungen, die es verdient hätten, gewürdigt, besprochen und am Ende vielleicht sogar gekauft zu werden. Der Deutsche Buchpreis entzieht Aufmerksamkeit und fokussiert diese auf die zunächst 20, später sechs Titel auf der Long- und Shortlist.

Die gelisteten Bücher verstopfen die Kanäle, versetzen die Feuilleton-Redaktionen in helle Aufregung. Der Erfolg des Preises übt Druck aus: Wer ist der Erste, der XY bespricht? Wer hat das erste Interview, die beste Story? Hinter den 20 gelisteten Titeln verschwinden etwa 14.000 andere. Nicht bis zur Unkenntlichkeit, doch jeder weiß, dass ein im August besprochenes Buch für den Buchhandel tot ist, wenn man im November beginnt, sich damit zu beschäftigen. Stimmen, die zur Verteidigung des Buchpreises vorbringen, von den vernachlässigten Büchern sei ohnehin nur ein Bruchteil lesenswert, sind zynisch –  gerade dann, wenn sie von Seiten des Börsenvereins oder seiner Organe kommen, die eigentlich die Interessen aller ihrer Mitglieder wahren sollten. Dass der Schriftsteller Daniel Kehlmann den Buchpreis und das Prozedere für "demütigend" hält, mag ihm zugestanden werden. Seinerseits, als er nominiert war, hat er ihn nicht bekommen; nun braucht er ihn nicht mehr. So weit, so diskutabel das Ganze.

Nun hat die Jury die Shortlist für den Buchpreis 2009 veröffentlicht, und man reibt sich die Augen. Der Jury-Sprecher Hubert Winkels gibt zu Protokoll, dass das Ergebnis möglicherweise verwundern könnte, aber nur auf den ersten Blick. Dann riskieren wir doch mal einen zweiten Blick und schicken voraus, dass der Deutsche Buchpreis eine Auszeichnung ist, die sich an das Publikum, vulgo: den Käufer, und nicht zuletzt an den ausländischen Markt richtet. Deutsche Bücher werden zu selten übersetzt. Nach Betrachtung der Shortlist weiß man, warum: Rainer Merkel ist ein komplexer und spannender Autor, sein Roman Lichtjahre entfernt jedoch, höflich gesprochen, nicht sein bester. Herta Müllers Atemschaukel wird von den einen als Meisterwerk gefeiert, von den anderen als parfümierter Kitsch abgelehnt. Ein vertracktes Buch, ein in seiner Angreifbarkeit wichtiges, sicher, aber: der beste Roman des Jahres, den zu prämieren der Preis vorgibt?

Norbert Scheuers Überm Rauschen: ein sehr feines, stilles Buch der Zwischentöne, ergänzt durch Zeichnungen und Beschreibungen verschiedener Fischarten. Wunderbar, im Ernst. Das werden die englischen und amerikanischen Lizenznehmer uns nur so aus den Händen reißen. Kathrin Schmidts Du stirbst nicht ist ein honoriges Buch über eine traumatische Krankheitserfahrung – für den Leipziger Buchpreis im Frühjahr war es nicht gut genug, jetzt aber schon? Clemens J. Setz’ Roman Die Frequenzen, 700 Seiten dick, vor mehr als einem halben Jahr erschienen, bislang so gut wie gar nicht zur Kenntnis genommen. Schließlich Stephan Thomes Grenzgang, ein wackeres, solides, und anerkennenswertes Debüt, das auf dieser Liste deplatziert wirkt. Es hätte Autoren gegeben, die die Kriterien von Anspruch und Marktkompatibilität zugleich erfüllt hätten: Terézia Mora, Thomas Glavinic, Peter Stamm. Sie alle fehlen, und angesichts der nominierten Titel fehlen sie besonders schmerzlich.

Die Jury ist in diesem Jahr so prominent und hoch kompetent besetzt wie kaum zuvor. Die Shortlist liest sich wie eine Gegenliste zu dem, was die Kritikerkollegen und Verlage erwartet hätten. Es ist davon auszugehen, dass es sich dabei nicht um ein Versehen, sondern um eine planvolle und kalkulierte Machtdemonstration handelt, eine Geste gegen den Mainstream. Man hätte nicht deutlicher unterstreichen können, dass die Liste nicht Wichtigkeit abbildet, sondern erst erzeugen will. Dafür allerdings ist der Deutsche Buchpreis der falsche Preis: Der Büchnerpreis, verliehen von der Akademie für Sprache und Dichtung, mag es sich (wenn vielleicht nicht mehr allzu lange, falls er noch Ernst genommen werden will) leisten, seit Jahren demonstrativ bizarre und unerwartbare Entscheidungen zu treffen, zum Schaden von Autoren, die in dem Spiel leer ausgehen. Er richtet sich nach innen, an den Literaturbetrieb, an das Geistesleben und gegen die Tendenz zur Boulevardisierung der Literatur. Der Deutsche Buchpreis, wenn er als Verkaufspreis bestehen will, darf eben das nicht. Und er hat nicht die Zeit und die Tradition eines Büchnerpreises. Der Gefahr seiner Selbstentwertung muss er jedes Jahr aufs Neue trotzen. Und seit heute erst recht.