Sein norwegischer Landsmann, der bekannte Krimiautor Jo Nesbø, nennt ihn bewunderungsvoll "einen Solitär", und der international bekannte Osloer Jazzpianist und Schriftsteller Ketil Björnstad rühmt ihn als "einen Autor von singulärer Kraft". Der Gepriesene selbst nimmt derlei Huldigungen ungerührt zur Kenntnis, denn Frode Grytten ist keiner, der auf die Aussagen anderer etwas gibt, und seien es auch renommierte Zunftkollegen. Nein: Grytten, 1960 geboren und in der kleinen norwegischen Industriestadt Odda aufgewachsen, ist einer, der sich als Einzelkämpfer sieht.

"Ich tue, was ich tun muss", sagt er in knurrigem Englisch, "wenn anderen das zusagt, dann ist das schön. Aber es bedeutet mir nichts." Das klingt zunächst nach einer Menge Arroganz. Doch hat man sich länger mit Grytten unterhalten, so erweist sich das, was zunächst nach einer Masche aussieht, als Ausdruck einer scheinbar tief sitzenden Skepsis allem und jedem gegenüber.

"Ich sehe mich als Außenseiter", sagt Grytten, "und ich kann nicht sagen, dass ich mich für das interessiere, was man Literaturbetrieb nennt, oder was jenseits meiner Bücher geschieht. Ich schreibe, beende ein Buch, muss warten und beginne irgendwann ein neues. Denn das ist es doch, was ein Schriftsteller, wenn er einer ist, tun sollte: schreiben und sich allein darauf konzentrieren."

Grytten schreibt professionell seit 1983, hat zahlreiche Bände mit Gedichten und Kurzgeschichten veröffentlicht. Für seinen fabelhaften, in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzten Episodenroman Was im Leben zählt wurde er 1999 mit dem Bragepreis ausgezeichnet, Norwegens höchst dotiertem Literaturpreis. Sein Kriminalroman Die Raubmöwen erledigen den Rest, der in seinem Geburtsort Odda spielt, erhielt 2006 den angesehenen Riverton-Preis für den besten Krimi des Jahres.

Wirft man einen genaueren Blick auf das Schaffen des zurückgezogen in Bergen lebenden nordischen Grüblers, so wird rasch klar, dass hier einer am Werk ist, der – künstlerisch betrachtet – nichts mehr zu hassen scheint als sich in dem, was er tut, zu wiederholen. "Ich liebe es, neue Dinge auszuprobieren", sagt Grytten, "und so wende ich mich, wenn ich das sichere Gefühl habe, etwas zu können, neuen Dingen zu." Dabei erscheint der Mann mit der hohen Stirn und dem Blick eines Forschers, der sich in Ausnahmefällen auch mal als Journalist zu Wort meldet, wie ein Alchemist, der nichts mehr zu lieben scheint, als neue, ihm noch unbekannte Verbindungen herzustellen.

Nach mehreren Gedichtsammlungen schuf er 1999 das an Robert Altmanns Film Short Cuts erinnernde Episodenbuch Was im Leben zählt. Am Beispiel eines Arbeiterblocks in Odda entfaltet Grytten das wechselvolle Mit- und Nebeneinander einer Handvoll Personen, die eines eint: die Suche nach einer Handvoll Glück. Die Schriftstellerin Linn Ullmann nannte diesen Chorus "ein rasantes Lied des Lebens" – Grytten selbst aber wandte sich, davon und von den zahlreichen, überaus positiven Kritiken zu seinem Buch ziemlich unbeeindruckt, kurz entschlossen dem Schreiben eines Kriminalromans zu. Im heißen Sommer des Jahres 2002 stürzt ein Einwohner Oddas mit seinem Wagen in den reißenden Fluss.

Da rasch klar wird, dass es sich bei dem Unglück nicht um einen Unfall handelt und der Tote Mitglied der örtlichen Bürgerwehr war, gerät alsbald eine Handvoll Serben ins Visier der Ermittler. Doch Robert Bell, der Chronist der Ereignisse, sieht die Sachlage anders und beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Langsam und wie in Zeitlupe entrollt Grytten seine Geschichte – und bürstet mit seiner Nonchalance dabei sämtliche Krimiklischees lässig gegen den Strich. "Das hat damals Spaß gemacht", sagt Grytten, und gönnt sich die Andeutung eines Lächelns, "eine Art Anti-Krimi zu schreiben, der mit dem Genre spielt."