Das Buch ist klein, dick und hellblau. Auf dem Cover sind runde, einladende Luftpolster und den Plastikumschlag kann man einfach abwischen: Lyrik von Jetzt. 74 Stimmen erschien 2003. Herausgegeben von zwei Dichtern der jüngeren Generation, Björn Kuhligk und Jan Wagner, bot es den ersten großen Querschnitt zur Lyrik im neuen Jahrtausend.

Ein Querschnitt, so attraktiv gestaltet, dass das Buch schnell auf WG-Küchentischen und auf Studenten-Toiletten landete, neben Michael Moore und der aktuellen Neon. Lyrik von Jetzt ist ein Accessoire mit mächtiger Signalwirkung: Das Buch behauptet eine junge, lebendige, etwas studentische Szene für deutschsprachige Poesie. Und das Schöne ist: Das stimmt.

Diese Szene musste nicht erst von einem Verlag oder dem Feuilleton künstlich ins Leben getrommelt werden. Denn immer dieselben 80, 90 Poeten zwischen Ende 20 und Ende 40 treffen sich auf immer denselben Lesungen und Dichtertagen. Sie diskutieren in denselben Foren und veröffentlichen in befreundeten Zeitschriften und Verlagen. Die junge Lyrik-Szene, das sind ein paar wenige Dutzend meinungsstarker, umtriebiger Zausel: Mit drei von ihnen am selben Tisch liegen die Chancen gut, dass zwei sich kennen. Oft streiten Lyriker, als hätten sie schon Jahre in benachbarten WG-Zimmern herumgesessen. Oder im selben kleinen, engen Boot.

Ein guter Punkt, um in die Untiefen der Lyrik-Debatten und Grabenkämpfe zu tauchen, ist lyrikkritik.de: Der Lyriker, Kritiker und Übersetzer Hendrik Jackson sammelt Essays und Rezensionen, stellt Neuentdeckungen vor und betreibt anspruchsvollen Lobbyismus für Kleinverlage und widerständige Stimmen. Auch, wenn man erst einmal nur die Hälfte versteht und oft hart geurteilt wird – das Lesen macht großen Spaß. In einem anderen Leben wäre Hendrik Jackson wohl Zinnsoldatensammler oder Perry-Rhodan-Fan geworden – überall im Internet trumpft er mit Verbesserungen und Kommentaren auf. Jeder Streit wird von ihm auf den Kopf gestellt.

Ein zweiter wichtiger Knotenpunkt sind kookbooks und Urs Engeler Editor, die beiden wichtigsten Kleinverlage für junge deutschsprachige Lyrik, sowie die jungen Literaturzeitschriften, auf deren Poetik-Seiten oft Lyriker am allermeisten zu sagen haben: Prosa-Schreiber ziehen häufig harte Grenzen. Sie orientieren sich eher an Filmen, Klassikern oder ausländischer Literatur und haben oft keine Ahnung vom Werk ihrer Kollegen: Junge deutsche Schreiber haben oft nichts Kluges über andere junge deutsche Schreiber zu sagen und arbeiten in eigenen, unreflektierten Blasen. Lyriker dagegen kennen sich.

Sie lesen sich, sie streiten sich und sie verstehen sich: Sie haben ein gemeinsames Vokabular, sie debattieren und kennen sich aus: Die Essays von Monika Rinck, die Entdeckungen von Ron Winkler oder die Zwischenrufe und rotzigen Gegenfragen von Ann Cotten bringen mehr Neues in die deutschsprachige Literatur als die oft traurig isolierten Wortmeldungen der Prosa-Fraktion. Deshalb muss man auch keine Gedichte mögen, um Lyriker spannend zu finden: Sie sind die Leute, die am meisten zu sagen haben.

"Moderne Lyrik will schwer sein", erklärte der Moderator Stephan Porombka auf dem Poesiefestival Berlin über die "sperrige Schönheit der Lyrik": ",Das Gedicht will es dem Leser schwer machen, doch diese protestantische Idee der Arbeit am Gedicht als Arbeit an uns selbst versperrt uns die Sicht. Denn in der Lyrik passiert gerade etwas Neues: Noch die schwierigsten Texte werden auf Lesungen von Leuten genossen, denen man im Buchladen wahrscheinlich keinen Lyrikband andrehen könnte.", Lyrik, sagt Porombka, wird gesehen und gehört. "Gelesen wird sie nicht!"