Ein Roman ist es nicht geworden, auch wenn das auf dem Titel steht. Eher präsentiert sich Atiq Rahimis Stein der Geduld als ein Kammerspiel, ein Theaterstück begrenzt auf einen Raum, in dem sich ein ganzer Kosmos entfaltet. Das Leben des Mannes, der darin im Sterben liegt, die Anklage seiner Frau, die ihn pflegt und das kriegerische Geschehen auf der Straße vor dem Haus spielen zusammen mit Anklängen auf die Gesellschaft und das Land: Afghanistan.

Der Mann, ein Kriegsheld, wurde schwer verletzt bei einem banalen Streit. Es ist unwahrscheinlich, dass er wieder gesund wird. Seine Familie hat ihn bereits verlassen, floh vor dem Krieg in einen anderen Stadtteil. Allein seine Frau ist bei ihm geblieben und ihre zwei kleinen Töchter, die sich im Zimmer nebenan befinden. Das Einzige, was der Frau geblieben ist, ist den Mann notdürftig mit Zuckerlösung zu versorgen und darauf zu warten, dass er sich erholt oder, viel wahrscheinlicher, dass er stirbt.

In dieser tagelangen Wartehaltung und dieser Stille, die nur von Schüssen vor dem Fenster unterbrochen wird, wächst in ihr ein Monolog, der langsam aus ihr herausbricht. Erst zögerlich und vorsichtig, unterbrochen von Selbstvorwürfen und Rechtfertigungen, doch zunehmend selbstsicherer und anklagender erzählt die Frau ihrem Mann von ihrem Leben. Ohne ihn zu kennen, ja ohne ihn zuvor gesehen zu haben, wurde sie mit dem Mann, einem Kämpfer, verheiratet. Drei Jahre lang wartete sie auf seine Rückkehr aus dem Krieg, drangsaliert von ihrer Schwiegermutter.

Als er schließlich zurückkehrt, tritt ein vom Krieg verwüsteter, verhärmter Mensch in ihr Leben, der sie schlägt, nicht mit ihr spricht und ihr weder Aufmerksamkeit noch Freundlichkeit, geschweige denn Zärtlichkeit zukommen lässt. Nun, mit ihrem auf einer alten Matratze sterbenden Mann, gefangen in dem Raum, bringt sie den Mut auf, ihm von ihrem Unglück zu erzählen, von ihrer Sehnsucht, ihrer Angst. Sie nennt ihren Mann ihren "Stein der Geduld", der sich alles anhören muss, ohne reagieren zu können, vielleicht sogar in der leisen Hoffnung, das ihre Worte ihn ändern könnten, wenn er nur alles gehört und verstanden hätte.

Eines Tages dringen zwei verhüllte Kämpfer in das Haus ein und die Frau kann sich vor einer Vergewaltigung nur dadurch retten, dass sie sich als Prostituierte ausgibt. Ihren Mann hat sie hinter einem Stapel von Matratzen versteckt. Der jüngere der beiden Eindringlinge jedoch, kehrt einige Tage später zurück und fragt die Frau, was es kosten würde, mit ihr zu schlafen. Nach kurzer Überlegung nennt sie ihm einen Preis. Er wird noch einige Male wieder kommen. An dem leisen Geflüster und dem, was die Frau ihrem Mann erzählt, lässt sich erahnen, dass ihr der junge Mann mehr schenkt, als ihr eigener Mann es je vermochte, obwohl sie sich ihm gegenüber als Prostituierte ausgegeben hat.

Der Prix Goncourt wurde dem 1962 in Kabul geborenen Schriftsteller im vergangenen Jahr für dieses Werk verliehen, der begehrteste Literaturpreis Frankreichs. Was den 1984 während des afghanisch-sowjetischen Krieges über Pakistan nach Frankreich geflohenen Dokumentarfilmer und Autor besonders gefreut haben muss – immerhin ist es sein erstes in französischer Sprache geschriebenes Buch. Bisher hat er auf Dari geschrieben.

Die Geschichte von Stein der Geduld beruht auf dem Schicksal der 25-jährigen afghanischen Dichterin Nadia Anjuman, die 2005 von ihrem Mann zu Tode geprügelt wurde, als sie auf ein Literaturkolloquium gehen wollte. Atiq Rahimi reiste daraufhin nach Herat in den Westen Afghanistans. Er fand den Mann bewusstlos in einem Krankenhausbett. Er hatte sich Benzin gespritzt. "Wäre ich eine Frau, ich bliebe hier bei ihm, und sei es nur, um ihm alles ins Gesicht zu spucken", erklärte Rahimi damals. Mit seinem Roman ist er an die Stelle der toten Dichterin getreten und hat den afghanischen Frauen eine furchtlose Stimme verliehen.