Frage: Herr Magris, als Sie erfuhren, dass Sie den Friedenspreis erhalten sollen, sprachen Sie davon, dass dieser Preis ein Mythos sei. Haben Sie Befürchtungen, dem Preis nicht gerecht werden zu können?

Claudio Magris: Ich meinte damit, dass man in Verlegenheit kommen kann, wenn man an viele Preisträger in der Friedenspreisliste denkt. Jeder Preis stellt das Ergebnis eines Werkes dar, und dieses Ergebnis ist nie das eines Einzelnen. Denn wenn wir schreiben, werden wir von vielen Leuten und ihren Werken beeinflusst. Jorge Luis Borges sagte, sein Ruhm verdanke sich nicht den Büchern, die er geschrieben, sondern den Büchern, die er gelesen habe. Zudem zwingt so ein Preis immer zu einer Bilanz, und diese zeigt die Defizite. Anderseits habe ich mich sehr gefreut. Ich nehme den Friedenspreis in einer Mischung aus Demut und Selbstironie an.

Frage: Wie sah Ihre Bilanz aus? Haben Sie Defizite gefunden?

Magris: Ich habe überlegt, wozu es alles in einer Mischung aus Zufälligkeit, Schwäche und Unsicherheit nicht gekommen ist. Jeder kennt seine schwarzen Punkte. Ich hatte aber auch das Gefühl, das die eigene Kleinheit, die Relation, in der ein Preis wie dieser zum Weltganzen steht, viel Freiheit gibt.

Frage: In der Begründung wurden Sie als "streitbarer Gegner von Ausgrenzung und kulturellem Dominanzdenken" bezeichnet. Gab es da eine bestimmte Initiation in Ihrem Leben?

Magris: Dazu muss man vorweg sagen, dass diese Streitbarkeit immer wider Willen geschieht. Eigentlich möchte man nie die Pflicht haben, gegen etwas zu kämpfen. Man möchte nie zwanghaft moralisch sein. Das ist wie mit der Gesundheit: Wenn ich mich gut fühle, denke ich nicht an Krankheiten oder was mir alles widerfahren könnte.

Frage: Sie befinden sich also nicht in einer ständigen Streitbereitschaft.