LI ER

Er ist einer der anspruchsvollsten und besten Gegenwartsautoren Chinas. Sein großer Epochenroman »Koloratur« ist ein wichtiges Kapitel nationaler Geschichtsaufarbeitung . Von Iris Radisch

Eine unscheinbare , magere Erscheinung, kariertes Hemd, Baumwollhose, asketische Gesichtszüge. Er lebe ein armes Leben, sagt der Schriftsteller Li Er. Er lebe wie eine Blume auf dem Feld. Dabei ist er einer der besten und anspruchsvollsten Autoren der Volksrepublik. Als Angela Merkel nach Peking kam, hat sie sich auch mit ihm getroffen. Sie hatte seinen Roman Der Granatapfelbaum gelesen, der spiele in der Provinz und habe ihr gefallen, sagt Li Er.

1966 geboren, gehört Li Er noch nicht zu der neuen Generation unpolitischer und für den Westen leicht zugänglicher Popautoren, aber auch nicht mehr zu der Generation der älteren, dem Dorfroman zuneigenden Kaderliteraten. Er schreibe, sagt er mir in einem Café unweit der Pekinger Universität, weder für die kommunistische Partei noch für den westlichen Markt. Wie er zur Partei steht, für die er nicht schreibt, wollte er mir indes nicht verraten. Er ist eher ein Mann der indirekten Botschaften. Eine unter Zensurbedingungen durchaus angebrachte Technik. Sein gerade auf Deutsch erschienener Roman Koloratur (aus dem Chinesischen von Thekla Chabbi; Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2009; 440 S., 24,80 €) macht aus dem Prinzip indirekte Botschaft ein ästhetisches Programm.

Im Mittelpunkt des dreiteiligen Werks steht ein chinesischer Intellektueller – Übersetzer, Poet, Parteiführungskader – der dreißiger Jahre, der nie selbst ins Bild kommt, sondern mittels dreier (Li Er behauptet: im chinesischen Original ganz im Jargon der jeweiligen Epoche gehaltener) Zeugenaussagen aus den vierziger, den sechziger Jahren und der Jahrtausendwende umkreist wird. Das postmoderne Axiom, nach dem die Wahrheit einer Person die Summe der Erzählungen über sie ist, kommt hier ebenso zur Anwendung wie die geheimdienstliche Plattitüde, dass ein Mensch nie vollständig ausspionierbar ist. Wer dieser Ge Ren ist, um den sich die gesamte Romanrecherche dreht und der sich die meiste Zeit über im fernen Dahuang-Gebirge aufhält, Tolstoj ins Chinesische übersetzt, gelegentlich mit Mao disputiert, sich für die Latinisierung der chinesischen Sprache interessiert und ansonsten unter dem Pseudonym Trübsinnski traditionelle chinesische Lyrik verfasst, weiß man nach der Lektüre weniger denn je. Zu viele Quellen, Zitate, Aussagen und Gegenaussagen kreuzen und widersprechen sich. Und zwar mit Bedacht. Denn dies ist das Thema dieses intelligenten Anti-Nationalepos: dass die historische Bedeutung einer Figur sich im Labyrinth der zeitgeschichtlichen Zuschreibungen und Beziehungen nie vollständig bestimmen lässt und den Makel unauflöslicher Relativität nie verliert.

Für Li Er ist dieser im Westen als hermeneutischer Zirkel bekannte alte Hut – wir lesen immer nur so viel aus der Geschichte heraus, wie wir zuvor in sie hineingelesen haben – zu einem produktiven literarischen Verfahren geworden. Das Vorbild für diesen seltsamen Intellektuellen aus den Gründerjahren der chinesischen KP sei, erzählt Li Er, der Journalist und Schriftsteller Qu Qiubai (1899 bis 1935), eine Führungspersönlichkeit der kommunistischen Partei, der aus unklaren Gründen aus der Partei ausgeschlossen und schließlich von der Chinesischen Nationalpartei liquidiert wurde. »Eine tragische Figur«, sagt Li Er, »von beiden feindlichen Seiten verfolgt.« Ein typischer Intellektueller – ein Repräsentant der Leere und der Sinnlosigkeit des geschichtlichen Fortschritts. »Ich liebe diese Figur«, sagt Li Er, »als ich das Buch fertig hatte, habe ich geweint.«

Der Roman ist ein großes Dokument literarischer chinesischer Geschichtsaufarbeitung, er enthält für westliche Leser wie die meisten anspruchsvollen chinesischen Gegenwartsromane enorm hohe Einstiegshindernisse – aber er zählt zu den interessantesten Büchern, die uns in diesem Herbst aus China erreichen.