EILEEN CHANG

Man nannte sie die asiatische Virginia Woolf und die chinesische Greta Garbo. Seit dem Kinoerfolg ihres von Ang Lee verfilmten Romans »Gefahr und Begierde« wird die  großartige Autorin endlich auch in Deutschland wiederentdeckt . Von Ursula März

Bis vor zwei Jahren war der Name Eileen Chang außerhalb sinologischer Institute hierzulande praktisch unbekannt. Dabei wäre es wohl auch geblieben, hätte der Film Gefahr und Begierde des amerikanischen Regisseurs Ang Lee nicht das Augenmerk auf die literarische Vorlage gelenkt und damit auf die chinesische Schriftstellerin, von der diese moderne, radikal desillusionierte, ja nihilistische Erzählung stammte. Als Eileen Chang das erotische Melodram Gefahr und Begierde Anfang der fünfziger Jahre verfasste, lebte sie nicht mehr in ihrer Heimatstadt Shanghai, sondern in Hongkong . Sie hoffte, dort der Zensur des kommunistischen Regimes leichter entgehen zu können. Es war eine kurze Hoffnung. Im Jahr 1955 emigrierte Eileen Chang in die USA. Sie unterrichtete Literatur an kalifornischen Universitäten, schrieb Skripts und Treatments für die Filmindustrie. Aber an ihren literarischen Rang und ihren Shanghaier Erfolg konnte Eileen Chang, die bisweilen als asiatische Virginia Woolf bezeichnet wird, in Amerika nie mehr anschließen.

Sie gehört zu jenen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, die die Emigration in Vergessenheit gebracht und um den Erfahrungsstoff beraubt hat, von dem die poetische Fantasie sich ernährt. Allerdings hat Eileen Chang selbst alles dazu getan, ihr Emigrantenschicksal ins existenzielle Extrem zu treiben. Nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes, des Kommunisten und Drehbuchautors Ferdinand Ryher, im Jahr 1967 brach Eileen Chang, die auf Jugendfotos einer asiatischen Greta Garbo ähnelt und auch später noch eine aufsehenerregende Schönheit gewesen sein muss, nahezu alle Brücken zur Welt ab. Über die letzten zwei Jahrzehnte, die Eileen Chang isoliert in einem Appartement in Los Angeles verbrachte, weiß niemand Genaueres zu sagen. Man weiß nur, dass ihr Leben einer Uhr glich, deren Zeiger stillstanden. Ebendies aber, das Herausfallen aus der Zeit, ist ein Kernthema jener Erzählungen, Essays, Romane, mit denen sie in den vierziger Jahren in Shanghai zum Star avancierte.

Sie brachte eine spätbürgerliche, dekadente Gesellschaft auf den Punkt, die fühlt, dass ihre Epoche vorbei ist: die chinesische Gesellschaft zwischen Kaiserreich und Kommunismus. Erdrückt und demoralisiert von der japanischen Besatzung. Haltlos schwankend zwischen östlicher Tradition und rasanter Verwestlichung. Die Abgründe und historischen Asymmetrien dieser Gesellschaft, die die 1921 geborene Eileen Chang als blutjunge Schriftstellerin beschrieb, kannte sie aus dem eigenen Elternhaus nur zu gut: Während ihre westlich emanzipierte, kühle Mutter in Paris Kunstgeschichte studierte, vertrieb sich ihr Vater die Tage mit Opiumrausch und Bordellbesuchen. Er entstammte einer Familie, die in der Qing-Dynastie zum politischen Establishment zählte, und war selbst nichts als ein Relikt der Vergangenheit – und eine Schlüsselfigur ihrer literarischen Welt.

Seit Ang Lees Kinoerfolg mit dem Film Gefahr und Begierde kommen auch in Deutschland Bücher von Eileen Chang erneut auf den Markt. So auch der Roman Das Reispflanzerlied (aus dem Französischen von Tobias Scheffel; 80 S., 24,80 €) , den Chang 1952 in Hongkong als Auftragsarbeit auf Englisch schrieb, später ins Chinesische übertrug, erschien vor Jahrzehnten schon einmal in Deutschland. Er rzählt von Hunger, Unterdrückung und Depression. Es ist – eigentich untypisch die elegante, großstädtische Autorin – ein Bauernmelodram aus dem frühen kommunistischen China.

Als Melodram endete auch das Leben von Eileen Chang. Am 8. September 1995 brachen Beamte die Tür einer Apartmentwohnung in Los Angeles auf. Die Nachbarn hatten die chinesische Greisin längere Zeit nicht gesehen und die Polizei alarmiert. Diese fand den Leichnam Eileen Changs, deren Tod mindestens eine Woche vorher eingetreten sein musste, in eine weiße Decke gewickelt. Die Wohnung war bis auf wenige Möbelstücke leer. Ein Schreibtisch war nicht dabei.