Ulrich von Bülow sieht nicht aus wie ein Priester. Und doch wirkt alles auf dem Foto, als würde der Leiter der Handschriftenabteilung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach eine Reliquie in seinen weiß behandschuhten Händen halten. Dabei ist es nur das handschriftliche Manuskript von Kafkas Roman Der Proceß. Das Foto wurde von der Deutsche Presseagentur verbreitet anlässlich des aktuellen Streits um den Autografen, bei dem die israelische Nationalbibliothek Eigentumsansprüche gelten machen will. Einem Streit, in dem es um den Ruhm geht, Besitzer der Handschrift zu sein, und um viel Geld. Denn in den letzten Jahren sind die Preise für Autografen teilweise in schwindelerregende Höhen gestiegen.

Kafka ist da Spitzenreiter: 3,5 Millionen DM hat das Marbacher Archiv für die Proceß-Handschrift bereits 1988 zahlen müssen. Heute, elf Jahre später, wurden während einer Auktion in der Schweiz für einen nur acht Seiten langen Brief des Prager Schriftstellers an seinen Freund Max Brod fast 83.000 Euro geboten. In der öffentlichen Diskussion dreht es sich immer mehr nur um den Besitz der Handschrift. Und man denkt: Das ist alles schon einmal da gewesen. Auch beim mittelalterlichen Handel mit Reliquien ging es um viel Geld.

Nur dass die Reliquien an Heilige erinnern sollten. Als Heiliger hat sich Kafka aber nie gesehen. Andererseits: Vielleicht sind auch die Heiligen nicht freiwillig zu Heiligen geworden. Der türkische Schriftsteller Yaşar Kemal beschreibt in seinem eindrucksvollen Roman Eisenerde Kupferhimmel, wie in einem kleinen Dorf im Taurus-Gebirge der Hunger und die Verzweiflung die Menschen dazu bringt, einen aus ihrer Mitte zu einem Heiligen zu erklären. Sie erwarten von ihm, dass er sie vor dem Hungertod rettet und am Ende bleibt diesem Mann nichts anderes übrig, als die Rolle anzunehmen, die er natürlich nicht erfüllen kann, sodass er aus dem Dorf fliehen muss. Insofern wäre Kafka ein Heiliger der säkularen Gesellschaft und seine Manuskripte moderne Reliquien. Was allerdings eine Niederlage für die aufgeklärte Gesellschaft wäre.

Freilich, Autografen sind als Manuskripte Ursprünge, sie stehen am Anfang von allem. Ohne sie, gäbe es auch das Buch nicht. Ursprünge, das schreibt der Theologe und Religionsphilosoph Paul Tillich, versorgen uns mit emotionaler Energie, die uns vorantreibt, die uns aber auch hemmen und bremsen kann. Kafkas Vater, sein biologischer Ursprung, war für ihn eine solche Lebensbremse, wie der berühmte Brief an den Vater zeigt. Andererseits: Gäbe es ohne Hermann Kafka den Brief an den Vater, ja mehr noch, gäbe es viele Kafka-Texte ohne diese Auseinandersetzung?

Eins ist zumindest sicher: Kafka hat keinen Kult des Ursprungs betrieben. Ursprungsmythisches Denken war ihm fremd. Er wollte weg von zu Hause, was ihm erst gegen Ende seines Lebens gelang. Für seinen jüdischen, seinen Prager und seinen österreichisch-ungarischen Ursprung gilt, dass sie alle zwar in seinem Werk präsent sind, aber niemals ungebrochen. Kafka war ein Zweifler und in seiner Zerrissenheit einer der größten Autoren der Moderne. Den derzeitigen Streit um seine Handschriften hätte er nicht verstanden. Schließlich war es sein Wunsch, dass sein Freund Max Brod alles das, was heute bei Sotheby's Höchstpreise erzielt, nach seinem Tod verbrennt. Er hielt weder seine Schriften noch sich selbst für heilig. Selbst das Geheimnisvolle, das Unverständliche seiner Texte, das sicherlich einen Anteil am heutigen Autografen-Kult hat, betrachtete er mit einer gewissen Nüchternheit.

An Felice Bauer, seine Berliner Verlobte, schrieb er über einen Brief des Schriftstellers und Kritikers Otto Stoessl, in dem dieser auch sein Buch Betrachtung interpretiert hatte: "Er schreibt auch über mein Buch, aber mit so vollständigem Mißverständnis, daß ich einen Augenblick geglaubt habe, mein Buch sei wirklich gut, da es selbst bei einem so einsichtigen und literarisch vielgeprüften Mann wie Stoessl solche Mißverständnisse erzeugen kann, wie man sie nur gegenüber lebenden und deshalb vieldeutigen Menschen möglich sind."