Ach ja, das Land. Genug von den Liebesversuchen beziehungsunfähiger Hauptstädter und deren Gerede über die Leiden der Leistungsgesellschaft! Allein die Erwähnung Berlins ist inzwischen fast schon zum Ausschlusskriterium für spannende Literatur geworden. Allzu oft wurden die schicken Clubs von Mitte und die versifften Kneipen Kreuzbergs als Kulisse bemüht, um eine mittelmäßige Handlung mit etwas Zeitgeist und Gegenwart aufzupeppen. Es war an der Zeit, dass die jungen Autoren die Provinz wiederentdeckten, wo in diesem Herbst gleich drei Romane spielen.

Einst ließen die Romantiker dort ihre Seelen baumeln und fanden verwunschene blaue Blumen. Nirgends war der Mensch mehr im Einklang mit der Natur als in den bewaldeten Hügeln, weit weg von dem Maschinengehämmer der Industrialisierung. Noch bei Theodor Storm galt dort die göttliche Ordnung, die den kleinen Deichgrafen, der sich ihr entgegenstemmte, in den Fluten untergehen ließ.

Inzwischen erzählen allerdings nur noch die Groschenheftchen mit den braungebrannten Lederhosenträgern auf dem Cover davon, dass es auf der Alm keine Sünde gibt. Die Anti-Heimatromane der siebziger Jahre haben gründlich aufgeräumt mit der Wald- und Wiesenromantik, und erst vor einigen Jahren erlebten sie ein Revival mit Kolja Mensings Essay-Sammlung Wie komme ich hier raus? und Rocko Schamonis Kult gewordenen Jugenderinnerungen Dorfpunks.

Patrick Findeis’ Kein schöner Land scheint sich zunächst in diese Reihe einzufügen, spielt schon der Titel so ironisch auf das alte Volkslied an, "...unter Linden zur Abendzeit". Sein Dörflein Rottensol mieft nur so vor Gestrigkeit; hier begehen bigotte Kirchgänger Ehebruch im Schlagerrhythmus und das Gewehr gehört wie die Mistgabel zur bäuerlichen Standardausrüstung. Kein Wunder, dass auch seine Protagonisten weg wollen, allen voran Uwe, der sich auf die Walz nach Afrika begibt. Er habe jedoch keinesfalls mit dem Milieu seiner Kindheit abrechnen wollen, sagt Findeis, der selbst in einer baden-württembergischen Kleinstadt aufgewachsen ist. Vielmehr wollte er einfach zeigen, wie jemand unschuldig schuldig werden könne. Das Dorf als abgeschlossenes Sozialgefüge habe sich dafür einfach angeboten.

Tatsächlich bilden die Eigenarten der Provinz einen Nährboden, auf dem Geschichten besonders gut gedeihen. Hier gibt es noch Traditionen, die Beziehungen sind enger, die Strukturen verkrusteter. Wo alte und neue Weltanschauungen aufeinanderprallen wie zwischen Uwe und seinen Eltern, gibt es Konflikte, die im Wertepluralismus der Großstadt fehlen. In Berlin-Mitte würde die Frage nach Schuld höchstens deplatziert wirken. Genauso wie die wunderbare Langsamkeit des Erzählens, die Reinhard Kaiser-Mühlecker pflegt.

Einen ganzen ersten Absatz lang kann man in seinem Roman Magdalenaberg einem Tropfen zusehen, der sich vom Wasserhahn löst und fällt. Bedächtig tunkt der Vater einen Wattebausch in Kamillentee, um damit das entzündete Euter einer Kuh einzureiben. Und das Schweigen von Joseph und Katharina über die Sollbruchstelle ihrer Beziehung fügt sich mit solcher Konsequenz in diese Ruhe, dass die Unaufhaltsamkeit der Trennung fast schicksalhaft erscheint – wie jede Entscheidung, die Joseph bisher ausgesessen hat.