Kinnhaken für Hitler – Seite 1

Im Jahr 1938 hatten sich Comics endgültig von ihrem Ursprungsmedium, den Tages- und Wochenzeitungen, emanzipiert. Sie wurden fortan auch in eigenständigen Heftpublikationen präsentiert, mit großem Erfolg: "Funnies", die stilisierten, familienkompatiblen, pointenheischenden, also der ursprünglichen Bedeutung des Genrenamens verpflichteten Bildgeschichten liefen gut, noch besser jedoch die harten, realistischer gezeichneten, durchaus gewalttätigen Abenteuer- und Action-Comics, vor allem bei der männlichen amerikanischen Jugend.

Die Autoren Jerry Siegel und Joe Shuster ergänzten die Comics noch im gleichen Jahr um eine richtungweisende Subkategorie. Die erste dreizehnseitige Folge von Superman , die sogleich das Titelbild in der neu gegründeten Heftreihe "Action Comics" stellen durfte, verkaufte sich mehr als eine Million mal. Schon im Jahr darauf bekam "der Stählerne" sein eigenes Heft. Das Superhelden-Genre war geboren, das die folgenden Jahre bis zum Ende des zweiten Weltkriegs, die als das "Goldene Zeitalter" in die Comic-Historie eingehen, maßgeblich geprägt hat.

Martin Goodmann, der als Verleger von Pulp-Magazinen ein Händchen für den Massenmarkt bewiesen hatte, blieb das Potential von Comics nicht verborgen. Er gründete 1939 eine neue Marke unter dem Dach seines Verlages: Timely Publications, die Keimzelle des späteren Marvel Imperiums. "Marvel Comics" nannte er seine erste Heftreihe, und mit den Serien um den Atlantis-Abkömmling "Namor the Sub-Mariner" und den Androiden Human Torch legte er den Schwerpunkt gleich auf das neue Bestseller-Genre.

Unmittelbar vor Eintritt der USA in den zweiten Weltkrieg, 1941, kam noch ein dritter Recke hinzu, der den anderen schnell den Rang ablaufen sollte: Captain America. Die Vereinigten Staaten würden es bald mit ganz realen Superschurken zu tun bekommen und bedurften zur moralischen Rechtfertigung und Stärkung des eigenen Selbstvertrauens eines exemplarischen, ur-amerikanischen Helden, der mit den Nazis schon einmal fiktional kurzen Prozess machte, bevor die regulären Truppen dann tatsächlich loslegen konnten. Und der Mann im Nationalflaggen-Dress wusste, was man von ihm erwartete: Bereits auf dem Titelbild des ersten Hefts verpasst er Adolf Hitler einen zünftigen Kinnhaken.

Nach den fetten Jahren auf dem Comic-Markt folgten spätestens ab Mitte der fünfziger Jahre viele magere. Die Auflagenzahlen sanken kontinuierlich, nicht zuletzt wegen der zunehmenden Konkurrenz des Fernsehens. Bald nach dem Ende des Krieges hatten die Superhelden ausgedient. Kurzlebige Monster-, Science-Fiction- und Romantik-Comics übernahmen den Markt. Atlas Comics, der Nachfolgeverlag von Timely Publications und unmittelbare Vorgänger von Marvel, kämpfte ums Überleben.

Zugleich sank auch die Reputation der comic books . Im Zuge der allgemeinen Restauration in den Fünfzigern, die den im Krieg aufgeweichten Puritanismus wieder zu großer Form auflaufen ließ, verschafften sich auch Moraltrompeter wie Frederic Wertham Gehör. Er warnte in seiner Kampfschrift Seduction of the Innocent vor dem verderblichen Einfluss der Comics auf die Jugend – und entfachte somit die alte Zensurdebatte erneut. Dieses Mal jedoch mit Erfolg. In vorauseilendem Gehorsam schlossen sich die großen Verlage zur Comic Code Authority (CCA) zusammen und verpflichteten sich zur Selbstzensur, mithin zum Verzicht auf sexuelle Ein- und Zweideutigkeiten und allzu realistische Gewaltszenen. Hefte ohne das CCA-Siegel kamen daraufhin gar nicht in den Handel. Viele Verlage, vor allem die von Horror-Comics, blieben so auf der Strecke. Der Markt schrumpfte sich langsam gesund.

Anfang der sechziger Jahre feierten die Superhelden eine Auferstehung. Der ewige Konkurrent DC Comics hatte zunächst wieder die Nase vorn und revitalisierte erfolgreich den alten Schnellläufer "Flash", aber Marvel ging noch einige Schritte weiter. Stan Lee , der geniale Redakteur und Szenarist, erschuf mit einer Handvoll talentierter, mittlerweile legendärer Zeichner wie Jack Kirby, Steve Ditko, Don Heck und Dick Ayers gleich so viele neue suggestive Charaktere, das man mit Recht von einem eigenen Marvel-Universum sprechen konnte. Mit The Fantastic Four , Hulk , Spider-Man , Green Goblin , Dr. Octopus , Dr. Strange , Giant-Man , Iron Man , Avengers , X-Men , Daredevil und dem Silver Surfer dominierte Marvel nicht bloß quantitativ das silberne Zeitalter der Comicgeschichte, sondern auch qualitativ. Lee inthronisierte den gebrochenen Helden, der seine Ausnahmestellung ständige reflektiert und nicht selten mit seinem Schicksal hadert, zudem räumte er dessen Privatleben weitaus mehr Platz ein.

 

Bis heute lebt Marvel in gewisser Weise von den kreativen Leistungen der Mannschaft um Stan Lee. Über die Jahre und Jahrzehnte versuchte man immer wieder, alte Vigilanten abzustauben und ihre Gegenwartstauglichkeit auszutesten, mit mal mehr, mal weniger Erfolg. Ein paar neue Figuren kamen aber doch hinzu, die erfolgreichsten waren Wolverine und der Punisher , die bereits in den Siebzigern einer Trend vorbereiteten, den Frank Miller mit seiner zynischen, illusionslosen Post-Punk-Interpretation des Daredevil auf den Punkt brachte. Der Held der Achtziger war grim and gritty – und so richtig hat er sich nie wieder von seiner schlechten Laune erholt.

Mitte der Neunziger Jahre ging es Marvel noch einmal beinahe an den Kragen. Eine Comic-Spekulationsblase war gewachsen, die Hefte wurden als bloße Wertanlage gekauft und nicht einmal mehr aus der Zellophanschutzhülle ausgepackt. In der Folge überschwemmte eine Welle von Sammlerartikeln (Hefte mit vier unterschiedlichen Covern zum Beispiel) und narrativ minderwertigen neuen Titeln den Markt – und Marvel mischte da fröhlich mit. Die sich notwendig anschließende Flurbereinigung traf den Verlag ins Mark, 1996 musste er Konkurs anmelden. Erst mit den Hollywood-Verfilmungen von Spider-Man , Hulk , X-Men , Iron Man , die nicht nur üppige Lizenztantiemen einspielen, sondern auch die Nachfrage nach den Comic-Vorlagen ankurbelten, konnte sich das Unternehmen sanieren.

Und Marvel profitiert nun auch von der längst fälligen Imageverbesserung des Genres. Die mittlerweile sogar vom bürgerlichen Feuilleton mit einiger Aufmerksamkeit bedachten Graphic Novels hielten Einzug in die Buchläden – und seitdem findet man hier auch zumindest Marvel-Kompilationen. Das wird Stan Lee freuen, andererseits sind sie all die Jahre auch ganz gut ohne den Ritterschlag der Hochkultur ausgekommen. Ende August hat der Disney-Konzern das Marvel-Universum gekauft, für vier Milliarden Dollar.