Recht überlegt ist die Bibel nicht jugendfrei. Die Evangelien nicht, das Alte Testament noch weniger, und geradezu eklig geht es im Buch Genesis zu: Brudermord, Inzest, Masturbation – das wären die Aufreger in absteigender Reihenfolge. Es klingt wie geschaffen für einen meisterhaften Comiczeichner und Überzeichner wie Robert Crumb , die Legende der Underground-Comics aus den sechziger Jahren. Zurechtlegen könnte er sich die Genesis, Orgien kolorieren, mal richtig obszön werden.

Da wäre die Episode von Onan. Ihretwegen streiten sich Bibelwissenschaftler bis heute, ob der Vers "ließ er's auf die Erde fallen und verderbte es" die erste textlich belegte Masturbation der Weltgeschichte oder den ersten Coitus Interruptus bedeutet. Robert Crumb zeigt diesen Onan in seiner Genesis in Comicform nur von der Seite, die Hand im Schritt. Die Geste scheint weniger der Lust geschuldet; Onan ist halb zusammengeklappt, als habe er gerade einen Tritt in den Schritt erhalten. Nicht gerade pornografisch. Und das von einem Zeichner, der ganze Strips über das kurze Leben von Sparky Sperm, dem Spermium, gezeichnet hat.

"Ich wollte nur Illustrator der Bibel sein", sagt Crumb. Am besten aber ist sein neues Werk, wenn er die mimetische Rolle verlässt und sich zum Exegeten macht. Sex und Gewalt sind dem Ersten Buch Mose schon da. Crumb musste nichts dazuerfinden. Doch dem Innenleben vieler Protagonisten – Isaak auf dem Scheiterhaufen! – verleiht der Zeichner Gesichtsausdrücke und Gefühle, über die das Buch Genesis schweigt. Fünf Jahre lang arbeitete Robert Crumb ausschließlich an seinem Genesis-Comic.

Noch einmal so lang hätte es gedauert, die Zeichnungen auch noch zu kolorieren. Seine Tochter habe es mal mit Photoshop probiert, aber selbst das war nicht praktikabel. Immerhin hat Crumb nicht gekürzt oder umgeschrieben, sondern alle 50 Genesis-Kapitel Satz für Satz schwarz-weiß illustriert. Den Text entnahm er der vierhundert Jahre alten King-James-Bibel. Die deutsche Ausgabe greift auf die Luther-Bibel von 1912 zurück. Was Zusammenstöße mit so archaischen Wörtern wie "sintemal" ermöglicht.

Auf dem Cover der deutschen Ausgabe beschwört eine Mischung aus Charlton Heston und Gandalf – Gott! – das schwarze, fußballgroße Nichts zwischen seinen Händen. Die creatio ex nihilo verlangt die volle Aufmerksamkeit des Schöpfers. Seine Brauen hat er in einer Mischung aus Konzentration und Zorn zusammengezogen. Crumb gönnt Gott im ganzen Buch nur diesen Gesichtsausdruck. Ein mehrheitsfähiger Gott ist das. Haar und Bart sind geradezu eins. Das lange Gewand ähnelt dem Heiligen Rock, dem vermeintlichen Kleidungsstück Christi im Trierer Dom. Er habe sich in Sachen Architektur und Kleidung von Historikern beraten lassen, sagt der Zeichner.

Gottes Geschöpfe, Adam und Eva, sind für Crumb unbeschwerte Nackte, die im Garten Eden herumtrollen und sozusagen spielerisch ihre Sexualität entdecken. Eva gerät ziemlich drall, fruchtbar könnte man es auch nennen. Die Bilder sind düster, was primär daran liegt, dass sie nun einmal schwarz-weiß schraffiert sind. Ihr Schwarzweiß korrespondiert allzu gut mit der inhaltlichen Schwarzweißmalerei des Buches Genesis: Hier gibt es nur Schuldige oder Unschuldige, Gerechte oder Ungerechte. Wer auf der falschen Seite steht, bezahlt. So wie Sodom.

Die Episode, in der Abraham mit Gott über die Anzahl der Gerechten in der Stadt Sodom feilscht, gehört zu den am besten illustrierten des Comics. Weil Crumb es wagt, zu interpretieren. Er macht Abraham zu einem listigen Schauspieler, der scheinbar unterwürfig so lange quasselt, bis er den strafenden Gott von 50 auf zehn Gerechte heruntergehandelt hat.