ZEIT ONLINE: Sie entwerfen in Ihrem Buch eine kleine Typologie des Spielers und drehen das Glücksrad zurück bis in die Zeit des Rokoko. Reichen die Lust und Sucht am Spiel am Ende zurück bis zu den Anfängen des Menschen selbst?

Kohtes: Der habituelle Glücksspieler gehört zur Familie der Spieler, die aus ihrer Passion eine Dauerbeschäftigung gemacht haben. Was ihn von seinen Artgenossen, sagen wir Musiker, Tennis-, Schau- oder Schachspieler, unterscheidet, ist nicht zuletzt sein schlechtes Image. Das wiederum ist kulturell geprägt. In der höfischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts galt die Glücksspielerei noch als ein nobler Zeitvertreib, während sie dem Bürgertum als lasterhaft, ja sittenwidrig erscheint. Tatsächlich wurde zu allen Zeiten – und allen Restriktionsversuchen zum Trotz – gespielt, gezockt, gewettet. Dieser Impuls wurzelt in unserer Triebstruktur. Nicht zufällig identifizieren wir den Zweibeiner als Homo ludens.

ZEIT ONLINE: Bei Ihnen heißt es: Am Kartentisch geht es nicht um Leben und Tod – es geht natürlich um mehr.

Kohtes: Am Spieltisch geht es um das Heiligste, was die Menschen kennen: das über alles geliebte und vergötterte Geld! So erklärt sich übrigens auch die andächtige Stille, die in den Spieltempeln herrscht. Das Wissen um die zerstörerische Kraft des Geldes flößt der Casinogemeinde Respekt ein, weshalb sie ihre Spielkulte auch immer mit dieser weihevollen Ernsthaftigkeit praktiziert.

ZEIT ONLINE: Wovon träumt der "wahre Spieler"? Vom Gewinn aller Gewinne oder davon, bis ans Ende seiner Tage flüssig zu sein, um spielen zu können?

Kohtes: Anders als der Zocker liebt der wahre Spieler das Spielen an sich, so wie ein Dichter die Sprache um ihrer selbst willen liebt. Der wahre Spieler findet sein Glück nicht im Gewinn, es sei denn im Gewinn von Spielzeit. Darum möchte er nach seinem Tod auch nicht in den Himmel kommen, sondern ins Casino.

ZEIT ONLINE: Gibt es so etwas wie eine Königsdisziplin beim Spielen?

Kohtes: Das Roulette. Das königliche Spiel von mathematischer Herkunft, wie man es genannt hat. Das Roulette, das sich übrigens dem Erfindergeist des Philosophen und Mathematikers Blaise Pascal verdankt, repräsentiert den Zufall in seiner reinsten Form. Hinzu kommt, dass es dem Spieler nicht nur eine einfache Gewinnchance eröffnet, wie etwa Karten- oder Würfelspiele, sondern ihm die Freiheit lässt, den Wetteinsatz auf viele Chancen zu verteilen. Das erhöht nicht nur die Spannung, sondern fördert zugleich das wahrscheinlichkeitstheoretische Denken.

ZEIT ONLINE: Was unterscheidet den kultivierten Spieler vom banalen, windigen Betrüger, der – wie aktuell zu erleben – zum Beispiel Fußballspiele manipuliert, um sich zu bereichern?

Kohtes: Dem klassischen Spieler sind die Entscheidungen des Zufalls heilig. Er würde nie das Geld anderer Leute aufs Spiel setzen, wie etwa der Börsenzocker. Ein Gentlemanspieler ruiniert sich auf eigene Rechnung. Außerdem hat er eine innige Beziehung zur Spielstätte, er braucht das stimulierende Flair einer prunkvollen Roulettebank, um seiner Leidenschaft zu frönen. Das heißt, von Online-Casino und digitalem Wettbüro hält dieser Spielfreund wenig.

ZEIT ONLINE: Was verbirgt sich im wahren Spieler: Eine Art Sisyphos, der Freude daran hat, die Kugel immer wieder in den Roulettekessel fliegen zu sehen? Oder doch eher eine getriebene Gestalt, die schmerzlich gefesselt ist an ihr Laster?