ZEIT ONLINE: Herr Farah, Sie leben seit 1974 im Exil. Im Jahr 1996 kehrten Sie kurz in Ihr Heimatland Somalia zurück.

Nuruddin Farah: Ja, aber ich war auch sonst regelmäßig dort.

ZEIT ONLINE: Aber nur für Besuche, Sie haben dort nicht gelebt.

Farah: Nein, man kann dort nicht leben, wegen des Kriegs. Ich brauche Internet, ich brauche Leben und eine Buchhandlung, in dem ich mir Bücher kaufen kann.

ZEIT ONLINE: Was war die wichtigste Erfahrung Ihres langen Exils?

Farah: Manchmal denke ich, es war gar kein Exil. Ich sehe es positiv. Wenn ich in Somalia geblieben wäre, wären meine Eltern mit mir unglücklich geworden. Ich war ein junger Mann zwischen 20 und 30, der umstrittene Bücher schrieb. Ich habe mich oft gegen die Obrigkeit aufgelehnt. Alle meine Brüder und Schwestern haben wegen meiner Texte ihre Arbeit bei der Regierung verloren. Aus Somalia weggegangen zu sein erlaubte mir, ohne Angst zu schreiben und zu denken.

ZEIT ONLINE: Im Jahr 2006 haben Sie dort zwischen den verschiedenen Bürgerkriegsparteien vermittelt. 

Farah: Es war eine schmerzliche Erfahrung. Einmal gab es natürlich die unmittelbare Bedrohung meines Lebens. Nachdem ich die Grenze zwischen einem von der Regierung kontrollierten Gebiet übertreten hatte, waren plötzlich zwei Dutzend Gewehre auf meinen Kopf gerichtet. Mogadischu selbst war in der Hand der religiösen Eiferer. Abgesehen von dieser persönlichen Lebensgefahr war auch meine Glaubwürdigkeit in Gefahr.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Farah: Glaubwürdigkeit in dem Sinne, dass ich die beiden Gruppen zusammenbringen wollte. Ich sagte jeder Seite, was Schlimmes passieren würde, falls sie meine Vorschläge nicht akzeptierten. Ich sagte den religiösen Eiferern, die Mogadischu kontrollierten, dass die Äthiopier, die schon immer Somalia besetzen wollten, einmarschieren würden. Und dass viele Unschuldige sterben würden. Ich sagte der Regierung, wenn sie nicht aufhörten, Äthiopien zu einer Intervention einzuladen, es ernste Konsequenzen hätte.

ZEIT ONLINE: Warum?