ZEIT ONLINE: Herr Bickenbach, ist die Buchkultur in naher Zukunft am Ende?

Matthias Bickenbach: Nein. Wir sind vielleicht keine reine Buchkultur mehr, trotzdem noch eine Schriftkultur. Das Internet wird ja ebenfalls mit Text befüllt. Es bringt ähnliche Möglichkeiten mit sich wie damals der Buchdruck: neue Möglichkeiten der Verbreitung. Das Netz ist durchaus ein weiteres Kapitel in der Geschichte der Schriftlichkeit.

ZEIT ONLINE: Es wird oft von einer Rivalität zwischen den beiden Medien gesprochen.

Bickenbach: Das ist eine schwierige Diskussion. Es gibt Initiativen, die die klassische Autorschaft erhalten möchten.

ZEIT ONLINE: Weil diese sonst ausstirbt?

Bickenbach: Diese Gefahr liegt im Internet begründet. Schauen Sie auf die wirtschaftlichen Folgen. Kein Brockhaus mehr, Zeitungen sterben. Die Frage ist nur, wie man diese Folgen bewertet. Ob man sie begrüßt oder fürchtet. Klug scheint mir eine neutrale Position. Wir sollten erst einmal sehen, wohin es geht.

ZEIT ONLINE: Aber wird es im Internet nicht schwieriger, sich für einen Text zu entscheiden? Woher weiß man, was man lesen soll?

Bickenbach: Ja, durch die Menge an Text kann es ein flüchtiges Medium sein. Häufig fehlen die Korrekturinstanzen. Aber auch in einer reinen Buchkultur können wir überfordert sein mit der Frage, was wir lesen sollen und was nicht. Die "Bücherflut" ist ein Wort des 18. Jahrhunderts.

 

ZEIT ONLINE: Doch die Textmenge ist im Netz ungleich größer.

Bickenbach: Wir müssen neue Routinen lernen. Navigare necesse est.

ZEIT ONLINE: Das schreiben Sie in Ihrem Buch. Was hat Edgar Allan Poe damit zu tun?

Bickenbach: Von ihm gibt es die berühmte Geschichte Ein Sturz in den Mahlstrom. Ein schiffbrüchiger Matrose gerät darin in einen Strudel. Er rettet sich, indem er seine Umgebung genau betrachtet und aus dem Gegebenen eine Lösung aus dem Dilemma entwickelt. Er rettet sich auf intellektuelle Weise. Diese Geschichte hat Marshal McLuhan aufgenommen als Vorbild im Umgang mit modernen Medien.

ZEIT ONLINE: Das hieße im Sinne Poes?

Bickenbach: Genau zu beobachten, was uns umgibt, und damit produktiv umzugehen. Es ist nicht mehr der "Schiffbruch mit Zuschauer", wie ihn der Philosoph Hans Blumenberg beschrieben hat. Wir sind selbst Teil davon.

ZEIT ONLINE: Dem gedruckten Buch fällt noch mehr Autorität zu als dem digitalen.

Bickenbach: Unsere Kultur gibt dieses Paradigma noch vor. Das ist interessant. Es ist auch ein Grund, warum sich das eBook nicht richtig durchsetzt. Man greift lieber zu einem schmalen Büchlein zurück.

ZEIT ONLINE: Vielleicht weil wir diese Technik schon so lange kennen?

Bickenbach: Ja. Ein eBook-Reader bleibt ein technisches Gerät, das gewisse Kontexte voraussetzt wie Strom und Zugang zum digitalen Buchmarkt. Es ist eher ein zusätzliches Medium. Das macht es aber nicht schlecht.

ZEIT ONLINE: Wie lesen Sie?

Bickenbach: Ich habe die Beobachtung gemacht, dass ich romantische Novellen nicht am Bildschirm lese. Die druckt man sich höchstens aus.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht etwas sentimental?