Werden Fantasien in surrealistische Literatur verwandelt, die sich über die Grenzen unseres Alltags hinwegsetzt, hat das oft eine reinigende Wirkung. Öffnet sich zwischen Traum und Realität eine neue Wirklichkeit, kann das zudem eine schöne Erfahrung sein. Der Österreicher Johannes Weinberger überrascht seine Leser nun mit einem Füllhorn an fantastischen Ideen und kehrt der grassierenden neuen Nüchternheit deutschsprachiger Autoren den Rücken. Er zeigt, dass Surrealität eine Waffe ist.

Weinberger, geboren 1975 in Niederösterreich, arbeitet als Autor und Musiker in Wien. Das kleine Tao der Tiere ist das sechste Buch, das er im österreichischen Luftschacht Verlag veröffentlicht hat. Es besteht aus 54 Kurzprosatexten, deren längster viereinhalb Seiten lang ist. Der Zyklus beginnt mit der Erbsünde und führt über die Freiheit, die Geburt, den Staat einmal rund um die Themen menschlichen Daseins zur Hochzeit und den Tod – bis zur Wiedergeburt. In dieser Reihenfolge.

Was von den Titeln (Erbsünde, Freiheit usw.) her spröde klingen mag, verzweigt sich ins wahnhaft Groteske und höchst Amüsante. Da wird im Gemischtwarengeschäft nach einem Mund voll Hornissen verlangt, eine Wanduhr in einen Mistkübel gezwängt, im Fundamt nach einem leeren Kinderkörper gesucht, mathematische Axiome neu übersetzt, es werden Nahkampfszenarien mit dem eigenen Sohn übersteigert und Amtswege auf ihre Undurchlässigkeit untersucht. Je weiter der Leser kommt, desto mehr Gewalt prasselt auf ihn ein: Die tote Frau im Nebenbett ist ein Wunsch, dem Vater wird der Hals umgedreht, und auch die Mutter kommt nicht ungeschoren davon. Andere Bedeutungs- und Handlungsträger sind schon mal 8000 Jahre alt oder entstammen der Tierwelt: kellnernde Frösche, ein hellgrünes Kaninchen, ein zerplatzendes Reh und ein Ozelot, "niedergedrückt durch weltalltiefe Enttäuschung".

In vielen Situationen waltet eine Rücksichtslosigkeit und Verachtung, die über das hinausgeht, was als grenzwertig gilt. Es wirkt, als sei die Gewalt, die im Buch dargestellt wird, eine Reaktion auf eine zunehmende Härte auch in weltpolitischen Entwicklungen. "Ich würde sagen, dass es eine unbewusste Reaktion darauf ist. Da ist vielleicht einiges ins Unterbewusstsein gesickert, das herauskommt. Ich schreibe nicht eigentlich überlegt, sondern sehr spontan und intuitiv", sagt Johannes Weinberger.

Sein Ich-Erzähler wendet sich mit einer äußerst sensiblen Wahrnehmung gegen das, was sich ihm als Wirklichkeit in den Weg stellt. Er durchbeißt geradezu mit seinen radikal poetischen Kommentaren und umschichtenden Sichtweisen jegliche Konvention. Da sprechen Verzweiflung, Verwirrung, Angst und auch ein sarkastischer Größenwahn in einer sehr poetischen, zeitgenössischen Sprache. Von Kafka´scher Luzidität ist Die Gier, eine ganz große Geschichte. "Aber Kafka spielt kaum eine Rolle für mich. Ich habe ihn zwar gelesen und er hat mir auch gut gefallen. Ich würde nicht sagen, dass ich mich da verwandt fühle", sagt Weinberger.

Die Szenen und Träume funktionieren einzeln, entfalten aber erst in ihrer Gesamtheit diese geballte Wirkung. Aber gegen was kämpft der Autor wirklich? "Ich glaube, ich kämpfe gegen mich selbst, hauptsächlich. Es ist kein Kampf mit der Außenwelt", sagt Weinberger. Aber er appelliert an Menschen, die versuchen, ihre Emotionen unter Verschluss zu halten, und wünscht sich mehr Direktheit im Umgang miteinander.

Es lassen sich im Buch wunderbare Sätze finden: "Das Kind gedieh wie Brunnenkresse in Styropor." Oder: "Aber noch mehr als ich schon aufgewacht bin, werde ich jetzt auch nicht mehr aufwachen." Weinberger dreht Traum, Fantasie und Abbildung, Realitätsdeutung und deren Manipulation zu einem mitreißenden Strudel. Schön sind die Rotationen, die er in den Hirnwindungen verursacht.