Verena Roßbacher: Schauen Sie mal! In dem Laden, an dem wir gerade vorbei gegangen sind, kaufe ich immer erschreckend große Papayas.

ZEIT ONLINE: Papayas?

Roßbacher: Es sind die Ungeheuer unter den Früchten. Ein altes hawaiianisches Sprichwort besagt: Eine Mango, die noch keine andere gefressen hat, wird keine Papaya. Mysteriös, oder? Ich habe nicht die geringste Ahnung, was das bedeuten soll, aber zur Sicherheit esse ich sie allenthalben.

ZEIT ONLINE: Ihr erster Roman Verlangen nach Drachen ist im vergangenen Frühjahr erschienen. Wie ist die Bilanz nach knapp einem Jahr im Literaturbetrieb? Gibt es Dinge, die Sie bereuen?

Roßbacher: Bereuen? Ach nein. Isabel Allende schrieb mal irgendwo ... nein, machen wir uns nichts vor, sie schrieb es in einem Kochbuch: Mich jammern die köstlichen Gerichte, die ich aus Eitelkeit zurückwies. Dann sagt sie noch was Erbauliches über die Liebe. Jedenfalls kann ich sagen, ich habe gut gegessen und bereue es nicht.

ZEIT ONLINE: Wovon haben Sie davor gelebt?

Roßbacher: Oh, ganz verschieden. Das Übliche. Geputzt, gekellnert, die eine oder andere Kartusche Gott weiß welchen Inhalts verpackt. In der Schweiz arbeitete ich einige Jahre als Hausmädchen.

ZEIT ONLINE: Mit Uniform und Schürzchen?

Roßbacher: Nein, das hat mich ein wenig betrübt. Das war eine äußerst vermögende Familie, neben mir hatten sie einen Gärtner, jemanden zum Fensterputzen, jemanden für die Wäsche, jemanden für die Hemden, eine Nanny fürs Baby, ein Au-pair für die großen Kinder, eine Malerin, die ab und an die Wände neu pinselte. Das faszinierendste in diesem Haushalt war die Krawattensortiermaschine, ich habe sie für mein Buch im Maßstab eins zu zehn vergrößern lassen. Manchmal, wenn ich den begehbaren Kleiderschrank aufräumte, ließ ich die Krawatten an mir vorüber ziehen, schaute mir das Sortiment an.

ZEIT ONLINE: Zauberhaft.

Roßbacher: Ja, höchst erstaunlich.

ZEIT ONLINE: Bei Schweizer Hausmädchen denkt man sofort an Robert Walser.

Roßbacher: Ja, mit dem Gedanken versuchte ich auch, mir die Sache schönzureden. Ich glaube, im Gehülfen beschreibt er, warum Bedienstete seiner Meinung nach anfangen zu stehlen. Man sieht, dass Dinge nicht benutzt werden, über Monate, womöglich Jahre hinweg. Sie liegen so herum, und man geht dann ganz selbstverständlich davon aus, dass niemand sie vermissen würde. Das kann ich seither vollkommen nachvollziehen. Nicht, dass ich nun gestohlen hätte, schreiben Sie das!

ZEIT ONLINE: In Walsers Texten brodelt es beständig unter der Oberfläche. Eine Wut gegen sich selbst und eine Wut gegen die Herrschaften.

Roßbacher: Ja, das ist eine krude Mischung. Einerseits mochte ich das. Man kommt, wenn man den Leuten so hinterher räumt, sehr schnell sehr nah, registriert die kleinsten Veränderungen, Hinweise, zieht seine Schlüsse. Es ist, über einen längeren Zeitraum, einfach nicht möglich, eine Fassade aufrecht zu erhalten, irgendwann fangen sie an, die intimsten Dinge herumliegen zu lassen, sie verlieren die Scham. Diese Form der Degradierung kann man vermutlich nur eine begrenzte Zeit ertragen.

ZEIT ONLINE: Apropos: Ist es eigentlich zu ertragen hier im Prenzlauer Berg zu wohnen? Trifft man nicht ständig Kollegen auf der Straße?

Roßbacher: Ach nein, komisch eigentlich. Aber die sind vermutlich immer alle am arbeiten, schreiben wie besessen Buch um Buch, während ich Papayas erlege und mir den Kopf über alte hawaiianische Weisheiten zerbreche. Es ist schrecklich.

ZEIT ONLINE: Sie waren in Leipzig am Literaturinstitut. Mittlerweile gilt das ja fast als Makel. War es anstrengend, sich dort ständig der Kritik von Dozenten und Kommilitonen auszusetzen?