Der Roman ist aus der Erinnerungen eines hundertjährigen Mannes erzählt. What I was, so der englische Titel, Was ich war berichtet von dem ungeheueren Ereignis einer Jugendliebe, die aus dem, was der Erzähler damals war, ein junger, von den Eltern abgeschobener, Internatszögling, ein anderes Wesen machte. Damals das Meer, und in der deutschen Übersetzung des Titels ist die Melancholie der Erzählhaltung gut eingefangen, berichtet von einer schicksalhaften Begebenheit, die wie eine Woge über die Kindheit dieses Schülers hereinbricht. Er ist Schüler eines der furchtbaren Internate, wie sie leider nicht nur in der Literatur existieren, kalte, grausame Institutionen zur Abrichtung von Kindern. Auf einer Exkursion entdeckt er einem gleichaltrigen Jugendlichen, der alleine in einer Hütte lebt, am Saum dieses Meeres, an dem sich nicht mehr klar unterscheiden lässt, wo das feste Land in Wasser übergeht, oder was Realität ist, was vergangen, und was gegenwärtig, was Wunsch, was Hoffnung ist, und wo Glück entsteht oder in Trauer übergeht oder ob es vielleicht andersherum ist oder war. Der Roman setzt den Schüler ab an einen Ort, wo etwas "aus der See ans Herz zu greifen scheint - als ob man plötzlich den Horizont mit all seinen Versprechen fühlen kann wie ein Vogel das Magnetfeld der Erde", wie Wilhelm Trapp in seiner schönen Besprechung dieses Buches im Mai in der ZEIT schrieb.

Finn heißt dieses Wesen, das der Schüler entdeckt hat, Finn wie Flosse, ein Name, der auf das Meer hinausweist, aber auch ein Name, der zurückführt zu jenem Abenteurer Huckleberry Finn, einen Helden, der sich mit dem entflohenen Sklaven Jim auf zu neuen Ufern macht und schon so manche Kindheit beflügelt hat.
Auch dieser Finn erlebt mit dem Schülerflüchtling so manches Abenteuer, nicht nur der Gefühle. Das Buch in seinen vielfältigen Stimmungen, den Stimmungen der Seele, aber auch der Natur, deren Schauspiel mit großer Gelassenheit gelegentlich die Bühne übernimmt, diese Stimmung, die auch mal als Laune des Schicksals auftritt, wird gehalten von einer Handlung, die an Überraschungen, ja Erschütterungen viel bietet und zu einem Ende zieht, das einen geradezu fassungslos zurücklässt. Auf dem Weg dorthin hat man Menschen kennen gelernt, in einer Tiefe und Widersprüchlichkeit, wie man sie vielleicht an sich selber noch nicht bemerkt hat, es sind Begegnungen, wie sie nur in großer Literatur möglich sind. Es geht, soviel sei verraten, im weitesten Sinne um die Liebe – darum, wie schwer es ist, in seinem Gegenüber jemand anderen zu entdecken als die eigenen Sehnsüchte, was ein Thema ist, das schon Ovidsche Narziss schmerzlich ausgelotet hat.

Damals das Meer ist der dritte Roman von Meg Rosoff, die in Amerika geboren wurde, auf bestem Ostküstenterrain, Havard-geschult ist und doch in den achtziger Jahren nach England übersiedelte, wo sie heute mit Mann und Tochter sowie zwei Windhunden lebt, die sie zu meinem Bedauern allesamt zu Hause gelassen hat. Schon ihre ersten beiden Romane haben in der Welt der Literatur kleine Beben ausgelöst. So lebe ich jetzt aus dem Jahre 2004 erzählt wie der 2. Roman Was wäre wenn aus dem Jahre 2008 von Kindern und Jugendlichen, die in einem Kosmos dahin treiben, in dem sie vollkommen auf sich geworfen sind. So lebe ich jetzt verfolgt die Spur von Jugendlichen, die sich in einem England finden, das von unüberschaubaren Kampfhandlungen zerrüttet wird, die dazugehörigen Erwachsenen kommen dabei irgendwie abhanden. Dieser Debütroman gewann den Guardian Fiction Award sowie den LUCHS des Jahres 2005. Was wäre wenn aus gewann den Deutschen Jugendliteraturpreis 2008 mit der Geschichte eines Jugendlichen, dem die Zukunft so bedrohlich erscheint, dass er den Versuch macht, sich aus dem Leben wegzudenken, um dem Schicksal zu entkommen, und dabei feststellen muss, dass das Schicksal uns wie ein Schatten auf den Fersen sitzt.

Die Romane von Meg Rosoff überraschen durch die mutigen Gesten, mit denen sie sich ihres Themas versichern wie auch durch einen sehr eigenen Stil. Eine Sprache der Lakonie, aber ohne Kälte. Da ist eine gewisse Härte, aber Witz, solchen, der ohne Gags auskommt, der Kinderbuchkritiker Franz Lettner, auch Mitglied der LUCHS-Jury, hat in einer Rezension von dem "dunkelgrauen Humor" der Meg Rosoff geschrieben. Es ist eine Sprache, die ihren Ton hält, von der ersten Zeile bis zur letzten Seite, weshalb Konrad Heidkamp, der bis zu seinem Tod im Januar dieses Jahres das Kinder- und Jugendbuch in der ZEIT vertrat, in einer Kritik zu Meg Rosoff von "ihrem großen literarischen Atem" gesprochen hat. Diese Sprache hat Brigitte Jakobeit mit einer ganz bemerkenswerten Genauigkeit ins Deutsche übertragen.

Brigitte Jakobeit ist eine Übersetzerin von großem Ruf, mehr als 40 Titel hat sie übersetzt. Brigitte Jakobeit ist die Übersetzerin von Alistair McLeod, Lorrie Moore, Anita Nair, Tim Wynne-Jones, sie hat die Autobiographien von Miles Davis und Milos Foreman übersetzt. Erst gestern wurde in Berlin ihre Übersetzung des neuen Romans von Audrey Niffenegger in Berlin vorgestellt. Brigitte Jakobeit ist die Übersetzerin von Kultbüchern wie Lipshitz oder, ebenfalls gerade erschienen, Beaufort von T. Cooper. Die erste Übersetzung, die ich von Brigitte Jakobeit gelesen habe, war Die Geschichte der Lucy Gould von William Trevor, ein Roman des wunderbaren irischen Erzählers, der davon berichtet, wie ein Kind seinen Eltern abhanden kommt. Es ist die Geschichte eines entsetzlichen Verlustes, erzählt mit einer Art von stoischer Sanftmut, ja mit der Haltung des Versöhntseins, und es kommt mir so vor, als ob Brigitte Jakobeit eine kongeniale Übersetzerin jener Zwischenlagen des Schicksals ist, dieser zurückgenommenen Tonlagen, die sich uns umso nachdrücklicher einprägen, weil sie so leise daherkommen. Dazu braucht es untrügliches Sprachempfinden und eine große Erfahrung.

In Romanen wie denen von Meg Rosoff, die alle drei von Brigitte Jakobeit ins Deutsche übertragen worden sind, findet sich eine Stillage von vordergründiger Einfachheit, deren Klarheit mit einem einzigen falschen Wort verraten werden könnte. Das passiert nie. Der Text berichtet aus größter Nähe über wehe Einschnitte im Leben, solchen des Glücks und solchen des Unglücks, und das ist eine so eindrückliche Lektüre, weil die Sprache , sich nicht anbiedert an Gefühle, sondern auf eine fast beruhigende Weise ganz bei sich bleibt. Das dies so ist, in dem Roman, den wir hier auszeichnen, verdanken wir der Übersetzerin Brigitte Jakobeit.

Bücher von Meg Rosoff, wie Damals das Meer, lässt uns ganz am Erleben junger Menschen teilnehmen. Der junge Held hat diesen weit gestellten Blick auf das, was vor ihm liegt, unbegrenzt durch Furcht oder die Bangigkeit eines Erwachsenen, dessen Erfahrungen nicht selten durch Rücksichtigen, Sentimentalitäten, Zwänge eingeengt werden. Erwachsene kommen in diesem Buch, wie auch in den anderen Büchern der Autorin, eher am Rande vor, als nicht besonders überzeugende Gestalten, im übrigen auch nicht sehr verlässliche. Was nicht heißen soll, dass sie als Leser dieser Bücher nicht taugen würden. Diese Romane werden ab 12 oder 14 Jahren empfohlen, weil ihre Komplexität für jüngere Kinder vielleicht noch nicht erfahrbar ist, eine Vorsicht, die nicht gilt für alle Altersgruppen oberhalb von 12 oder 14 Jahren. Dieses ist eine Literatur, die wie alle großen Texte, eine Herausforderung und Bereicherung für Leser jeden Alters ist, wofür wir der Autorin Meg Rosoff und ihrer Übersetzerin Brigitte Jakobeit mit dem LUCHS des Jahres 2009 herzlich danken.