Es sind Zumutungen, aber sie gehören nun mal zur Politik. Wir zählen: Wahlkampf im suburbanen Einkaufszentrum, Eröffnung eines Designer-Outlets tieftief in Brandenburg, Angela Merkel gibt Physikunterricht für Mädchen. Und was lesen wir hier: Roland Koch brät Kartoffelpuffer in einer hessischen Fußgängerzone. Kartoffelpuffer! Fußgängerzone! Und man könnte nun beeindruckt sein von der Leidensfähigkeit eines Reporters, der von diesem Rand des Geschehens berichtet – oder sich wie im vorliegenden Fall mitten hineinstürzt.

Benjamin von Stuckrad-Barre tut es seit einigen Jahren, hauptsächlich für die Zeitung DIE WELT. In unregelmäßigen Abständen erscheinen seine Reportagen und Porträts aus dem politischen und sozialen Alltag. Jetzt sind sie nachzulesen im Buch Auch Deutsche unter den Opfern, mehr als 300 Seiten deutsches Zeitgeschehen der vergangenen Jahre, vieles davon schon vergessen, manches noch duster in Erinnerung. Schweinegrippe, Abwrackprämie, Kurt Beck am Schwielowsee, ach, schlagen wir mal einfach irgendwo auf, Seite 226, Guido Westerwelle auf Wahlkampfreise:

"Peer Steinbrück, der da mit Hubertus Heil und anderen herumdröhnt, ein Glas Wein in der Hand, augenscheinlich weder das erste noch das letzte an diesem Abend – Peer Steinbrück hat heute wohl keinen Fernsehauftritt mehr: 'Rüberkommen hier, Westerwelle! Keine Angst, wir reden nicht über Politik – wir sprechen hier über Literatur!'"

Das gilt auch für weite Teile dieses Buchs. Politik findet sich allenfalls im Nebensatz. Im Vordergrund steht die Kulisse, die zum politischen und gesellschaftlichen Zirkus gehört. Deutsches Theater hat Stuckrad-Barre vor ein paar Jahren eine ähnliche Sammlung genannt, und genauso lesen sich diese Berichte: als Dramen aus der Republik, Komödien, Lustspiele, Opern; ihr Personal besteht aus Beck, Steinmeier, Pau, Westerwelle, Grass, Merkel und natürlich auch ihrem Friseur.

Mit der Kanzlerin reist Stuckrad-Barre im Rheingold-Express durchs Land und schaut hin, "wie es wirklich ist": "Eine Gerüstbaufirma, ein Billard-Center, Speditionen, Lagerhallen, Bauernhöfe." Deutschland im Durchzug. Fragen an die Kanzlerin? "Man kann hier an Bord wählen zwischen Gulasch und Erbsensuppe. Ihre Wahl?" Ihre Antwort: "Ich habe mich für die Erbsensuppe entschieden."

Stuckrad-Barres heiterer Eckensteherjournalismus funktioniert da am besten, wo der Autor fast gänzlich in der Kulisse verschwindet. Als Protokollant, der mit Block, Stift und geradezu zoologischem Interesse in der Mehrzweckhalle, im "Nachsendungs-Rumgestehe" mit herumsteht. Solche Stücke zeigen Stuckrad-Barres nervöse Beobachtungsgabe, sein Gespür fürs Kleingedruckte, sein mimetisches Verfahren. In den Augenzeugnissen spricht nicht mehr der Autor selbst, sondern es ist der Jargon des betrachteten Milieus mit all seinen Sub- und Supptexten.

"Nach seinem Lieblingsbier gefragt, sagt Steinmeier, er möge besonders die regionalen Biere seiner bisherigen Wohnorte, also westfälisches, niedersächsisches und hessisches Bier. Mit anderen Worten, er ist bundesweit wählbar."