Als Übersetzer von amerikanischer Underground-Literatur, vor allem von William S. Burroughs und Charles Bukowski, hat sich Carl Weissner einen legendären Ruf erarbeitet, dabei wird oft vergessen, das er in den Sechzigern als Avantgarde-Autor begonnen, mit Jörg Fauser, Jürgen Ploog und anderen zusammen das innovative, die deutsche Popliteratur maßgebliche beeinflussende Literaturmagazin Gasolin 23 herausgegeben und sogar mit Burroughs Cut-up-Kollaborationen veröffentlicht hat. Nach einigen englischen Publikationen erscheint jetzt sein erstes deutschsprachiges Buch. Manhattan Muffdiver ist ein heterogenes, fragmentarisches, aber auch überaus komisches Diarium und vieles gleichzeitig: politisch rabiater Kommentar der Weltläufte, kritische Kulturreportage, poetologischer Rechenschaftsbericht, Cut-up-Experimentierfeld und verstörender Fiebertraum.

ZEIT ONLINE: Seit einiger Zeit erregt Beat- und Underground-Literatur nur noch wenig Aufmerksamkeit in den Feuilletons hierzulande. Woran liegt das?

Carl Weissner: Dass von Beat Generation und Underground schon lange nicht mehr die Rede ist, hat durchaus sein Gutes, denn im Lauf der Jahre wurde immer mehr Nonsens über diese Movements der fünfziger und sechziger Jahre geschrieben. Burroughs als Vaterfigur der Beatnik- und Hippiebewegung zum Beispiel. Dabei hat ihn mit den Beats nichts verbunden als die private Freundschaft mit Ginsberg und Kerouac. Und Bukowski hat schon gar nicht dazugehört – er fand die Beats eher peinlich, und während sie in San Francisco den Schmarren Poetry & Jazz aus der Taufe hoben, hat er im Hafen als Hilfsarbeiter malocht.

ZEIT ONLINE: Warum ist in all den Jahren hierzulande nie ein eigenes Buch von Ihnen erschienen? In den USA haben Sie schon gelegentlich publiziert.

Weissner: Burroughs hat ab und zu gesagt: "Sieh zu, dass du zwischendurch deine eigenen Sachen schreibst, sonst wirst du wahnsinnig." Meine Amerikaner hatten aber so viel zu erzählen, dass es ständig was zu übersetzen gab. Bei Bukowski, der auch noch auf Halde produziert hat, war meine Aufholjagd erst Jahre nach seinem Tod zu Ende. Vor drei Jahren habe ich endlich auf Burroughs gehört und zwei schnelle Romane geschrieben. Einen auf Deutsch – der erscheint jetzt; und einen amerikanischen (Death in Paris), der seit letztem Juli auf der Burroughs-Website realitystudio steht. Inzwischen schreibe ich an drei weiteren. Gleichzeitig. Ich hab nicht mehr ewig Zeit.

ZEIT ONLINE: Ist die Bukowski-Aufholjagd tatsächlich schon zu Ende? Wenn man seinen eigenen Worten Glauben schenken darf, hat er doch in manchen Nächten gleich ein paar Gedichte rausgehauen. Sollten da nicht noch ein paar Bücher drin sein?

Weissner: Der Bukowski-Nachlass ist weitgehend veröffentlicht – Briefbände, ein Tagebuch, Hunderte von Gedichten –, der größte Teil davon auch auf Deutsch. Nach seinem Tod ist von ihm elf Jahre lang ein neuer Titel pro Jahr erschienen. Die bisher letzte Nachlieferung, Stories und andere Texte aus kleinen Zeitschriften, bringt demnächst der S. Fischer Verlag in deutscher Übersetzung – nicht von mir – heraus.

 

ZEIT ONLINE: Sie versuchen sich mit Manhattan Muffdiver als Autor zu emanzipieren, um dann am Ende doch wieder über Bukowski zu schreiben. Sie kommen nicht los von ihm, oder?

Weissner: Ich denke nicht in Kategorien wie Etablieren. Ich schreibe seit meinem ersten Buch (The Braille Film, San Francisco 1970) auf Englisch. Dass es von mir jetzt etwas auf Deutsch gibt, liegt an meiner Schwäche für die Reihe "Exquisite Corpse" im Wiener Milena-Verlag. Immerhin steht dort am Anfang eine Neuausgabe meiner Übersetzung von J.G. Ballards The Atrocity Exhibition (dt. Liebe & Napalm) aus dem Jahr 1970. Als Bonus-Track zu Manhattan Muffdiver gibt es meinen Bericht von Bukowskis Beerdigung. Das muss man nicht so verstehen, dass ich von ihm nicht loskomme, sondern es hat einen eher praktischen Grund: Ich brauchte noch zwanzig Seiten Text. Und die Reportage – vor fünf Jahren für eine Veranstaltung mit Marie Bäumer bei der lit.cologne geschrieben – war der einzige deutsche Text, den ich in der Schublade hatte.

ZEIT ONLINE: Was wäre eigentlich gewesen, wenn Sie Charles Bukowski nicht begegnet wären? Hätten Sie sich auch eine ähnliche Karriere wie die von Ihrem Freund Jörg Fauser vorstellen können?

Weissner: Vermutlich hätte ich jahrelang Hunter S. Thompson oder ein ähnliches Kaliber übersetzt. Eine Entscheidung wie die von Jörg Fauser – Schriftsteller plus Journalist und Dichter und Drehbuchautor und Texter von Rocksongs – war für mich nicht so nahe liegend. Ich hatte eigentlich vor, Jazzpianist zu werden. Aber ich war zu faul zum Üben.

ZEIT ONLINE: Ihre schriftstellerische Herkunft ist das Cut-up-Experimentierfeld, und ein paar solcher Stücke stehen ja auch in Manhattan Muffdiver. Was reizt Sie immer noch an dieser mittlerweile ja auch schon fast traditionellen Methode?

Weissner: Cut-up hat für mich noch heute einen Reiz, weil es eine patente Methode zur Herstellung von gruselig guten Technicolor-Effekten ist. Brillant beherrscht das mein alter Freund und Mitstreiter Jürgen Ploog. Elfriede Jelinek hat in ihrer Anfangszeit mal einen Text von mir mit eigenem Material vercuttet. Mit interessantem Ergebnis, soweit ich mich erinnere.

ZEIT ONLINE: Was sagen Sie zu den Vorwürfen, die man Helene Hegemann für ihren Debütroman Axolotl Roadkill macht? Die müssten doch bei einem Cut-up-Artisten der ersten Stunde Kopfschütteln hervorrufen.

 

Weissner: Von wegen Kopfschütteln: Wir fanden es meistens ganz interessant, unsere Textlieferanten anzugeben. Mein erstes Cut-up hieß Kafka meets Fellini. Und unter einer Cut-up-Tirade meines Freundes Claude Pélieu stand zum Beispiel, in Klammern: "James Joyce/Nathalie Sarraute/Carl Weissner/Mickey Spillane". Wenn ich sehe, wen der alles in den Mixer getan hat, werde ich doch neugierig auf das Ergebnis.

ZEIT ONLINE: Ihre Prosa in Manhattan Muffdiver bewegt sich auf der Grenze zwischen Fakt und Fiktion. Ist das der Einfluss Bukowskis, der ja auch immer hart am eigenen Leben entlang geschrieben hat?

Weissner: Meine stärksten Einflüsse hätten eigentlich Burroughs und Bukowski sein müssen. Die zwei sind aber in ihrer Schreibe so grundverschieden, dass sich ihre Einflüsse neutralisiert haben. Ich habe von ihnen vor allem eins gelernt: Wie man Dialoge schreibt. Aber das Antriebsaggregat in meinen Texten, das ständige Suchen nach beunruhigenden Zusammenhängen, nach dem Mechanismus, der plötzlich zu ticken aufhört, weil er gleich explodiert – das ist Ballard pur.

Das Gespräch führte Frank Schäfer