Genau ein Jahr ist es her, dass der Marketing- und Verlagsservice des Buchhandels GmbH (MVB) auf der Leipziger Buchmesse die Online-Plattform libreka! präsentierte. Der MVB, ein Wirtschaftsunternehmen des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, stieß damit ziemlich exakt in eine sich rasant verbreitende Gefühlslage vor: Die Vision eines neuen Buchmarktes in digitaler Form, eines gewaltigen Zukunftskuchens, von dem sich Verlage und Buchhandel gleichermaßen abseits aller illegalen Datenverbreitung im Netz ein großes Stück sichern wollten.

"Unser Ziel", so formulierte es seinerzeit der MVB-Geschäftsführer Ronald Schild, "ist es, libreka! zur ersten Adresse für E-Books auszubauen." Das E-Book, so hätte man in der euphorischen Stimmung glauben können, stellt eine mindestens ebenso große technische Revolution dar wie die Glühbirne oder der Dieselmotor. Gleichzeitig erhoben sich die grundpessimistischen Stimmen, die nicht nur von einem nahen Ende der Kulturtechnik des Lesens warnten, sondern auch von verheerenden Auswirkungen der Digitalisierung und Verbreitung von Daten, wie die Musikbranche sie bereits seit mindestens einem Jahrzehnt zu spüren bekommt.

Zwölf Monate sind keine lange Zeit, schon gar nicht in der tendenziell strukturkonservativen Buchbranche, und doch hat es im Laufe des Jahres einen Stimmungswandel gegeben. Man ist vorsichtiger geworden, nicht zuletzt aufgrund der Rückschläge, die libreka! zu verkraften hatte. Als der neue Roman der ehedem frisch gebackenen Nobelpreisträgerin Herta Müller während der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Oktober zum Gratis-Download angeboten werden sollte, brach der Online-Dienst unter dem Ansturm zusammen.

Kurz darauf sorgte ein anonym im Internet verbreitetes Dokument mit dem Titel "libreka! – ungeschminkt" für Aufsehen. Zur Verteidigung der Plattform lässt sich vorbringen, dass sie sich, analog zum Börsenverein selbst, in einer wohl einmaligen Spagatsituation befindet – muss sie doch die kommerziellen Interessen von Produzenten (Verlagen) und Endverkäufern (Buchhandlungen) zugleich vertreten. Die Vorwürfe des anonymen Papiers allerdings waren stark: Entwicklungs- und Personalkosten stünden gen Null tendierenden Einnahmen gegenüber; der MVB sei inkompetent im Endkundengeschäft, die technische Entwicklung der Plattform unausgereift, kurz: "libreka! ist ein Sicherheitsrisiko für alle teilnehmenden Verlage."

Es dürfte außer Zweifel stehen, dass das Geschäft mit den E-Books und die damit zu erzielenden Profite noch in keinem Verhältnis zu dem medialen Wind stehen, der um sie gemacht wird. Dass auch das Medium Buch vom digitalen Wandel nicht unberührt bleiben wird, ebenfalls. Noch steht der Zug im Bahnhof und dampft vor sich hin. Diese Feststellung wird durch eine Studie belegt, die das Berliner Forsa-Institut pünktlich zur diesjährigen Leipziger Buchmesse veröffentlichte: 2,9 Millionen Deutsche, so das Ergebnis, wollen sich im Laufe des Jahres mindestens ein E-Book kaufen.

Von der Branchengröße Random House hieß es, die Verlagsgruppe habe im Jahr 2009 insgesamt rund 100.000 E-Books verkauft. Das sind Peanuts, gemessen am gesamten Umsatzvolumen. Überhaupt wurde der Komplex der Digitalisierung von Inhalten in Leipzig in diesem Jahr erstaunlich niedrig gehängt; umso bemerkenswerter, dass eines der beherrschenden Themen nach wie vor die Berliner Jungautorin Helene Hegemann war, die im Zusammenhang mit den gegen sie gerichteten Plagiatsvorwürfen den Begriff des "Urheberrechtsexzesses" erfand.

"Das E-Book – ein Jahr nach dem Hype", so lautete der Titel einer Diskussionsveranstaltung auf der Messe, in deren Rahmen der Buchgestalter Rainer Groothuis vor einem rasanten Zusammenbruch der ohnehin schon gefährdeten unabhängigen Buchhandlungen warnte, wenn das Problem der illegalen Verbreitung von Inhalten im Netz nicht gelöst werde. Der Journalist Gregor Dotzauer sah die Chancen des E-Books vor allem im Angebot von über die bloße Schrift hinausreichenden Features, während Dagmar Laging vom Wissenschaftsverlag Springer Science mit der überraschenden Erklärung aufwartete, dass Springer weltweit 41 Prozent seines Umsatzes mit E-Books bestreitet.