Seit mehr als einem Jahrhundert sind Werteverfall und Kulturwandel in der Literatur von den verschiedenen Generationen stets neu thematisiert worden. Derart Zeiten überdauernd und analytisch wie Hermann Broch das in der zwischen 1930 und 1932 erstmals veröffentlichten Schlafwandler-Trilogie tat, ist dies allerdings äußerst selten gelungen. Der Hörspielregisseur und Komponist Klaus Buhlert hat zuvor schon Werke von Peter Weiss und Robert Musil gekonnt vertont. Buhlert gibt auch in der Hörspielbearbeitung der Schlafwandler-Trilogie der Sprache den Vorrang: keine verspielten, effekthascherischen Gimmicks. Es wird nie langweilig, der Text ist glasklar und prägnant. Und das elf Stunden lang.

Im ersten Roman 1888 – Pasenow oder die Romantik wird vom Leutnant Joachim von Pasenow in der Wilhelminischen Ära in Preußen erzählt, der einen Wertekonflikt mit seinem Vater erlebt und sich in die Lustdame Ruzena verliebt. Der Handelsreisende Eduard von Bertrand verdingt Ruzena beim Theater und mischt sich zunehmend in Joachims Anliegen ein. Es entstehen wunderbare Zeichnungen menschlicher Beziehungsgeflechte. Das ist große Kunst, da sitzt jeder Satz. Sehr viel Text wird getragen durch den Erzähler, gesprochen von Jürgen Hentsch. Es kommt zu szenischen Auflösungen und Dialogen. ein Piano unterteilt die Textblöcke.

Im zweiten Roman 1903 – Esch oder die Anarchie zeigt uns der Erzähler, gesprochen von Manfred Zapatka, den entlassenen Buchhalter und Frauenhelden Esch, der bei der Mittelrheinischen Reederei in Mannheim anfängt, deren Vorstandsvorsitzender von Bertrand ist. Esch arbeitet dann für einen Veranstalter von Damenringkämpfen. Erstaunlicherweise nimmt Esch die Gastwirtin Mutter Hentjen zur Geliebten, heiratet sie und rächt sich an von Bertrand. Dieser zweite Roman führt in ein grobschlächtigeres Milieu, in dem Messerwerfer, Buchhalter und Ganoven ihre Geschäfte verquicken. Ein Tohuwabohu, wer da wessen Liebhaber wird, wer wen mit wem verkuppelt und wohin das führt. Was auf der Strecke bleibt, ist die Wahrheit und die Liebe. Die Musik kommentiert dies mal ironisch begleitend, mal kontrapunktierend.

Das dritte Buch 1918: Huguenau oder die Sachlichkeit zeigt wieder einen großen Fisch, der den frisst, der eben noch als großer galt. Die Auflösung von Werten, Ich-Identitäten und Ideologien ist hier formal noch stärker umgesetzt durch den Einsatz mehrerer Erzähler (Peter Kurth, Cristin König, Jens Harzer und Werner Wölbern), durch viele kleine Kapitel, Nebenstränge und einen philosophischen Exkurs über den Zerfall der Werte.

Es geht um Architektur, auch um die der menschlichen Seele, und um politische Manipulationen. Es geht um Huguenau, der im Krieg desertiert und in eine Kleinstadt an der Mosel flieht. Er wird durch üble Tricks zum Herausgeber des Kurtrierschen Boten, einer Zeitung, die zuvor Esch gehörte. Aus einem Lazarett dringen menschliche Laute, Gedanken auch zum Zerfall des menschlichen Körpers und zu Amputationen. Major von Pasenow erleidet einen Autounfall und wird von Esch gerettet. Huguenau schläft mit Eschs Frau, ermordet Esch und bringt den Major nach Köln ins Krankenhaus. In seiner Heimat führt Huguenau das väterliche Geschäft weiter. Er ist der Sieger der neuen Weltordnung: skrupellos und ohne Schuldgefühl. Der Phänotyp der Moderne. Den Mord vergisst er einfach. "Es bleiben nur jene Taten am Leben, die in das bestehende Wertesystem passen."