Wer meint, Literatur hätte nicht auch etwas mit Event zu tun, unterliegt einem romantischen Missverständnis. Bücherliebe aus reiner Freude an der Kontemplation ist eine Täuschung. Wir wollen durch Literatur etwas erleben, etwas erfahren, etwas lernen: Und zwar sowohl Dinge, die unser Leben betreffen, mit denen wir uns identifizieren. Als auch völlig Anderes, Neues, das uns eigentlich nicht betrifft. Dass aber der Literaturbetrieb selbst zum Ereignis geworden ist, ja, dies mag ein besonderes Charakteristikum unserer Gegenwart sein: Messen und Festivals erfreuen sich regen Zulaufs, zur Leipziger Buchmesse etwa kamen mehr als 150 000 Besucher.

Die Literatur wird eben nicht nur gelesen, sondern auch gefeiert: Autoren werden wie Stars empfangen, andächtig wird Lesungen gelauscht. Und welche Stadt wäre da wohl prädestinierter als Köln? Eigentlich ist es hier schon egal, was gefeiert wird. Gerne bezeichnet sich Köln auch in der Selbstbeschreibung als Event-Stadt, und so ist es nichts Ungewöhnliches, wenn hier seit zehn Jahren ein Literaturfest stattfindet, das sich jedes Jahr selbst überbietet: Die Lit.Cologne, das Literaturfestival in Köln, ging mit 80.000 Besuchern und somit einem neuen Besucherrekord zu Ende.

Es zählt damit zu den größten Literaturfestivals in Europa. Die Berliner Literaturtage zum Beispiel, auch ein literarisches Großereignis, hatte im vergangenen Jahr 28.000 Besucher – obwohl die Anzahl der Lesungen (200) in etwa mit denen der Lit.Cologne (175) gleich aufliegt. So sind die Kölner also jederzeit gut versorgt: Im Februar gibt es Kamelle, im März hisst das Bücherfest seine Fahnen auf den Rheinbrücken, und im April kommt dann die Kunst.

Gründe für den hohen Zuspruch für die Literatur sind aber nicht nur in der Kölner Feierlaune oder in der Auswahl der Gäste (Herta Müller, Martin Walser, Henning Mankell, Patti Smith, Tahar Ben Jalloun, Eva Menasse) zu suchen. Dahinter steckt auch eine clevere Marktstrategie, die über die zehn Jahre des Bestehens immer weiter professionalisiert wurde: Schon Monate zuvor wird inzwischen die Presse eingeladen, werden Themen vorgestellt und die zweifarbigen Programmheftchen verteilt: Dieses Mal in gold-schwarz – gold, da es ja ein Jubiläum ist. Von da an läuft der Verkauf der Tickets, die man zu Weihnachten hervorragend verschenken kann. Sehr schnell schon sind viele Veranstaltungen ausverkauft.

Schließlich aber liegt es wohl auch daran, dass sich die Lit.Cologne durch Zuverlässigkeit, Qualität und Originalität zu einer Institution entwickelt hat: Jedes Jahr gibt es eine gute, ausgewogene Auswahl an Autoren und Themen. Denn Ereignischarakter hin oder her: Man muss dem Festival zu gute halten, dass es weiß, berühmte Namen und Bestseller-Autoren mit literarischem Anspruch, politischen Fragen oder einfach frischen Ideen zu verknüpfen.

Ob nun amüsant über Karl Mays allzu lebhafte Phantasie geplaudert wird wie im Jahr 2007. Ob es philosophisch um den Knacks im Glück eines jeden Menschen geht wie im vergangenen Jahr. Oder ob das Verhältnis zwischen literarischem Text und Bild (2009) oder Musik (2010) beleuchtet wird: Es ist oft originell, was hier geboten wird. Außerdem finden die Lesungen zum Teil an sehr schönen Orten statt, wie etwa auf einem Schiff, das dann eineinhalb Stunden über den Rhein schippert (dieses Mal etwa mit Wladimir Kaminer oder Paolo Giordano), oder in der atmosphärischen Kulturkirchein Köln Nippes, wo dieses Mal Catherine Millet, Javier Marías oder der Architekt Albert Speer zu Gast waren.