Die Luisenstraße in Berlin-Mitte liegt an diesem Aprilmorgen in strahlendem Sonnenschein. Kurz vor dem riesigen Bettenhaus der Charité befindet sich in einem unscheinbaren Gebäude die Dependance des Theodor W. Adorno Archivs. Die Pförtnerin öffnet mir, trägt Namen und die Uhrzeit in eine Liste ein. "Damit wir wissen, wer gerade im Haus ist", sagt sie.

Das Büro von Michael Schwarz befindet sich im zweiten Stock. Er ist der Ansprechpartner, wenn es um den Nachlass des Philosophen geht. Auf seinem Schreibtisch liegen Teile von Adornos Geschäftskorrespondenz – Schreiben zu Vorträgen und Veröffentlichungen, die seine Sekretärin gesammelt hat. Für einen Brief des Präsidenten der Freien Universität Berlin , der Adorno in den sechziger Jahren zu einem Vortrag eingeladen hatte, trägt Michael Schwarz Schlagworte in eine Datenbankmaske ein. Dann setzt er mit spitzem Bleistift eine Signatur oben rechts auf die erste Seite.

Eine langwierige und mühselige Arbeit, aber für die, die sich intensiv mit Adorno beschäftigen, eine unschätzbare Hilfe. Rund 100.000 Seiten Nachlass stehen als Kopie in Ordnern im Archiv, das zur Akademie der Künste gehört. Die Originale befinden sich in Frankfurt und sind zur Benutzung aus konservatorischen Gründen nicht mehr zugänglich. Bald soll alles gescannt vorliegen. Das erleichtert die Arbeit.

Als er die Gespräche und Vorträge auflistete, die Adorno nach seiner Rückkehr aus dem amerikanischen Exil öffentlich hielt, machte Michael Schwarz eine Entdeckung. Der Philosoph war im Radio der deutschen Nachkriegszeit der mit Abstand präsenteste unter den Kollegen. Das verwundert, gilt Adorno doch als einer der schärfsten Kritiker der Massenmedien, also auch des Radios. Bisher habe noch niemand umfassend zu diesem Thema gearbeitet, sagt Michael Schwarz.

Allein 300 Beiträge für den Rundfunk sind überliefert. Da Adorno sehr häufig auch vor Publikum auftrat und Sendungen mit ihm wiederholt wurden, konnte man ihn in den fünfziger und sechziger Jahren fast jede Woche irgendwo in Deutschland hören. Adorno-Sendungen standen so oft im Programm, dass der NDR bereits, wie es in einem Brief heißt, "eine allzu große Massierung von Adorno-Vorträgen, die ja sehr grosse Ansprüche an die Hörer stellen […] vermeiden" wollte.

Michael Schwarz führt in den kleinen Lesesaal, der durch Glasscheiben getrennt in der Mitte zwischen seinem Büro und dem seiner Kollegin vom Walter Benjamin Archiv liegt. Heute arbeitet kein Wissenschaftler in dem hellen Raum, dessen Rückwand mit Regalen aus dunklem Holz versehen ist. Eine kleine Handbibliothek soll die Forscher bei ihrer Arbeit unterstützen. An einem Computer können 370 der Vorträge und Gespräche, die überwiegend für das Radio aufgenommen wurden, angehört werden.

Kaum ist eine Datei aufgerufen, erkennt man die ungewöhnliche und einprägsame Stimme des Philosophen. Gesammelt hat die Tondokumente bereits Gretel Adorno zusammen mit Alexander Kluge . Danach war es vor allem Rolf Tiedemann, der langjährige Direktor des Theodor W. Adorno Archivs, der Tonbänder, Kassetten und später CDs mit den O-Tönen des Philosophen aufgespürt hat. Zuletzt konnte auch Michael Schwarz noch mehr als 50 Aufnahmen bei Rundfunkanstalten ausfindig machen.

 

Adorno war, was das Radio anging, ein alter Fuchs. Die ersten Radiovorträge, sagt Michael Schwarz, hielt er bereits Anfang der dreißiger Jahre. Sein Freund Ernst Schoen hatte den Posten des künstlerischen Programmleiters beim Südwestdeutschen Rundfunk inne, der damals seinen Sitz in Frankfurt hatte. Vor allem Konzerteinführungen wurden von Adorno gesendet, aber auch seine eigenen Musikstücke, denn er war auch Komponist und hatte bei Alban Berg Kompositionsunterricht genommen. Aufnahmen der Sendungen, die damals live stattfanden, sind nicht überliefert, doch schon 1930 wurde in der Programmzeitschrift Der deutsche Rundfunk auf die typischen Schwierigkeiten beim Verständnis seiner Beiträge hingewiesen.

Einfacher hatten es da die Hörer bei den improvisierten Vorträgen und bei den Radiogesprächen, die er unter anderem mit Ernst Bloch , aber auch mit seinem Intimfeind, dem konservativen Philosophen Arnold Gehlen führte. Interessant an den Tondokumenten ist, welche Änderungen Adorno später für die Druckfassung vorgenommen hat, sagt Michael Schwarz, auch wenn es nur Kleinigkeiten sind: Da wird aus "Kryptofaschismus" zum Beispiel "Boxfreudigkeit", ein Begriff, mit dem er die Jugendmusikbewegung der Nachkriegszeit beschrieben hat.

Das gesprochene Wort hatte für Adorno nicht so viel Gewicht wie das geschriebene. Während er seine Vorträge teilweise improvisierte, hat er für Drucktexte lange am Wortlaut gefeilt. Dabei hatten seine Radiobeiträge und dann in den sechziger Jahren auch einige Auftritte bei Fernsehdiskussionen nicht wenige Zuhörer. Zwischen 30.000 und 400.000 Hörer sollen es laut Schätzungen gewesen sein.

Im eigentlichen Archivraum liegen ein Teil der Manuskripte und Tonbänder. Hier sind die Fenster mit einer weißen, nur leicht lichtdurchlässigen Folie zugeklebt. Klimatisiert und in feuerfesten Schränken gesichert, befinden sich neben den Briefen, die Michael Schwarz gerade bearbeitet, 17 prall gefüllte Ordner mit Artikeln, Besprechungen und Kritiken zu Adornos öffentlichem Wirken, von seiner Sekretärin fein säuberlich auf Papier geklebt. Eine "unschätzbare Sammlung an Rezeptionsdokumenten", sagt Michael Schwarz. Er zeigt mir ein paar Artikel aus der frühen Zeit von Adornos Radiotätigkeit. In einem Zeitungsausschnitt von Anfang der dreißiger Jahre über eine Sendung mit zeitgenössischen Komponisten ist ein Foto von ihm abgedruckt neben dem von Ernst Krenek. Vorsichtig stellt er den Ordner wieder zurück in den Schrank und verschließt ihn.