Jetzt ist die Zeit der romantischen Zivilisationskritiker. Sitzen da in der kuscheligen Waldeinsamkeit, kringeln sich vor Lachen und verkünden mit einiger Genugtuung ihre Botschaft. Die Natur habe über den Menschen gesiegt, über seinen Fortschritt und Technikglauben. Dazu brauchte es nicht einmal viel: einen hustenden Vulkan, eine Aschewolke und ein paar hilflose Fluglotsen. Schon steht alles still. Und wir? Hängen fest zwischen Los Angeles und Delhi, in Hotels und Wartehallensitzschalen an den Flughäfen.

Mit kafkaesker Zermürbung blicken Reisende auf die Abflugtafeln und deren immer gleiche Nachricht: "Fällt aus!" Seit vier Tagen geht das so, und wir machen uns allgemach Gedanken über die Frechheiten, die uns zugemutet werden: Waschen auf Flughafentoiletten, Schwitzen in Schlangen vor Hotelrezeptionen und Autovermietungen, heimwehkranke Anrufe zu Hause. Wegen einer Wolke! Man fühlt sich als Gestrandeter. Wie Robinson Crusoe oder Odysseus auf der Insel, ohne Floß und erlösenden Götterboten. Geradezu unerhört ist diese unfreiwillige Bodenhaftung in einer Welt, die uns schon längst grenzenlose Mobilität versprochen hat. Die Formel unseres modernen Nomadentums lautet: Wir haben doch keine Zeit.

Jetzt schon. Und nun?

A) Weinen.
B) Essen.
C) Lesen.
D) Fluchen.

Nehmen wir C, wir wollen ja konstruktiv sein und wenden uns ab von den Flughafenwüsten und den Anzeigetafeln und blicken in die Literatur, die seit jeher von Heimatlosigkeit und nahezu unerreichbaren Orten erzählt. Hier kommt die Ungeduld der flexibilisierten Menschheit mithin an ihre Grenzen. Beziehungsweise nach Grimma. Dort schnürt zum Beispiel Johann Gottfried Seume seinen Tornister und macht einen Spaziergang nach Syrakus, vorbei an Bauernhöfen und dicken Eichen, 1801 war das. Er macht hier und dort einen Halt, manchmal fröstelt’s, manchmal stürmt’s. So geht das ein Jahr, das Seume mit Fassung und Würde erträgt. Goethe brauchte bis nach Rom nur 56 Tage, aber das ist auch schon lang, zumal in der ruckeligen Kutsche. Davon kann man lesen in seiner Italienischen Reise.

Gerade nicht zur Hand? Dann vielleicht Adalbert Stifter! Der wirkt immer noch Wunder gegen die Hyperventilation unserer Zeit, kaum ein Werk atmet tiefer als die wunderbare Langeweile, die dieser Schriftsteller zu Papier brachte. Reisen wir mit ihm durch Wälder und Dörfer und schauen den Bäumen beim Wachsen und den Bräuchen der Einheimischen zu. Etwa so: "Jeder der fünf Männer nahm einen Becher und trank daraus. Dann nahm jeder ein Stückchen Kuchen und aß es. Hierauf trank auch Witiko aus seinem Becher und nahm ein Stückchen Kuchen und aß es." Haben wir solche Sätze neunhundertseitenlang bezwungen, sind wir von jeglicher Hechelei kuriert und geben uns der wohltuenden Entschleunigung hin. Jede Flughafenapotheke sollte Stifter im Sortiment haben. In seinem Nachsommer findet sich sogar die Losung dieser aschebewölkten Tage: "Ergebung, Vertrauen, Warten."

Vor allem: Warten. In wenigen Tagen, Stunden oder Minuten wird der Luftraum wieder freigegeben. Dann ist die Wolke weg, die Welt nimmt wieder Fahrt auf und Menschen in Einflugschneisen brüllen sich an. Unser Romantiker zieht sich entnervt in seinen Wald zurück und grummelt. Immerhin ein Sieg über den Fortschritt wäre ihm geblieben: Das Wort Eyjafjallajökull zwingt jede Rechtschreibprüfung in die Knie.