In seinem Text Du liest nie allein beschreibt der ZEIT-ONLINE-Redakteur David Hugendick sein Unbehagen an einer Zukunft digitalen Lesevergnügens, wie sie sich der Online-Buchhändler Amazon ausmalt: sozial nämlich. Der weltgrößte Buchverkäufer will den Besitzern seines neuesten Kindle-Modells nicht nur die Möglichkeit geben, ihre Lieblingssätze auf den eigenen Lesegeräten zu markieren. Wer mag, kann sich auch die Sätze anzeigen lassen, die von vielen anderen Lesern gut gefunden wurden.

Etwas vorlaut könnte man dem Autor schlicht entgegnen, der wichtigste Satz stünde bereits ganz am Ende seines Artikels: Der Hinweis nämlich, dass man diese Funktion ganz einfach ausschalten kann. Doch dann würde einem der Versuch entgehen, die Motive des Sozial-Ekels einmal allgemeiner zu betrachten.

Man muss jetzt gar nicht bei der Erfindung der Schrift und dem Ende der oralen Kultur anfangen, und wie damit auch Herrschaftsverhältnisse festgeschrieben und Wahrheiten zementiert wurden, um zu behaupten, dass gegen ein bisschen mehr Soziales zwischen zwei Buchdeckeln überhaupt nichts einzuwenden wäre. Man braucht auch gar nicht den Technikoptimisten herauszukehren, um Hoffnungen zu formulieren, dass sich durch digitale Techniken neue Medienformen und gemeinschaftsstiftende Interaktionen entwickeln könnten. Zumal, da sich in einer fragmentierten Gesellschaft mit einem fragmentierten Fernsehprogramm und fragmentierten Konsumbiografien so etwas wie gemeinschaftliche Diskurse höchstens noch auf der Grundlage von Bild -Zeitungs-Schlagzeilen oder Großwetterlagen ausbilden. Und schließlich gälte es sicherlich, neue Formen der sozialen Textbearbeitung, wie sie nicht nur ein Riesenkonzern wie Amazon jetzt bietet, noch einmal viel genauer, weniger reaktiv und aus Sicht des ewigen Konsumenten zu beleuchten.

Der große Irrtum des Textes indes ist ein anderer. Die Behauptung nämlich, Lesen ließe sich hinreichend als solitärer, gar antisozialer Akt beschreiben. Es ist das Schicksal des Menschen, gar nicht anders zu können, als permanent ein soziales Wesen zu sein. Da hilft auch ein noch so waghalsiger Ausstiegsversuch wie das Lesen eines Buches nichts.

Selbst wenn der Mensch aus purer Daseinsfreude zum Schmöker greift, so wird er ihn doch immer schon im Kontext seiner eigenen Welterfahrungen lesen, sich dabei weiterbilden, im geschützten Raum der Fiktion intimste Gedanken anderer Menschen verfolgen, und dabei womöglich auch noch geistreichen Gesprächsstoff für die nächste Dinner-Party sammeln. Er wird sich vielleicht sogar überlegen, mit welchem letzten Buch in der Hand er sich wünschte, tot aufgefunden zu werden, und er wird die Frage nach seiner Lieblingslektüre geschickt dazu nutzen, in ihrem Spiegel diskret die Besonderheiten des eigenen, deformierten Charakters hervorzuheben. Und das alles in dem permanenten Verlangen, wenn schon nicht sozial anerkannt, dann doch wenigstens für originell gehalten zu werden.