Unter Comic-Lesern ist Reprodukt längst der Verlag, von dem man am liebsten das ganze Programm bestellen will. Die Geschichten sind neu, haben im Übrigen wenig mit He-, Spider- oder Supermännern zu tun, vielmehr mit guten Geschichten. Gern und viel wird in den Reprodukt-Comics, oder wie es in Deutschland mit abgespreiztem Finger heißt, den Graphic Novels, autobiografisch erzählt. Derzeit findet in Erlangen das wichtigste Comic-Festival in Deutschland statt. Ein Grund, sich zwei Neuerscheinungen aus dem Verlag, der 1991 gegründet wurde und aus einem Comic-Laden in Berlin entstand, vorzunehmen.

Gift und Tamara Drewe können unterschiedlicher nicht sein. Gift erzählt die Geschichte der Mörderin Gesche Gottfried aus dem 19. Jahrhundert, düster und mit Bleistift, mal zitternd und flach, mal alles verdunkelt und sogar Sonnenlicht und Wolken hängen wie ein schwarzes Urteil über dem Bremer Pflasterstein. Posy Simmonds Tamara Drewe mischt Farben und eine Schriftsteller-Enklave in England auf, wo bevorzugt eitle Autoren, um die heiße Klatschkolumnistin und ihren eigenen, übersichtlichen Alltag zwischen Pferdekoppel und Apfelkuchen kreisen. Beide Bücher zeigen vor allem die Schizophrenie, die Verlogenheit der Figuren.

Treffsicher sind jedenfalls Peer Meter und Barbara Yelin, die pünktlich und nach jahrelanger, genauer Recherche zum 179. Todestag sowie dem 225. Geburtstag der Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried und aus Anlass, der letzten, in Deutschland vollzogenen Hinrichtung, mit ihrer Geschichte einen schwarzen Gedenk-Obelisken errichten. Die Hauptfigur, eine junge Schriftstellerin wird nach Bremen geschickt um eine Reportage über "die schöne Hansestadt" zu schreiben. Sie trifft stattdessen auf eine hoch nervöse Stadtgemeinde, die gerade erkennen musste, dass die gute Nachbarin von Nebenan über Jahre hinweg 15 Menschen umbrachte.

Es ist ein seltsames Jahrhundert, durch das die junge Schriftstellerin da stolpert. Die alte Ordnung beginnt zu wanken. Religion gegen Wissenschaft, Bürger gegen Adel, Handwerksmeister gegen Fließband. Katholizismus gegen Psychologie. Und mitten auf der Schaukel, im schönen, sauberen Bremen, mordet eine Frau, jene Gesche Gottfried, die als Engel gilt, als Helferin, als Pflegerin Kranker und Schwacher. Sie kauft oft, auffällig oft Mäusebutter, also Schmand versetzt mit Arsenkugeln und bringt damit ihre Eltern, ihre drei Kinder, Ehemänner und Freunde um. Zu den Motiven wird sie später nach ihrer Festnahme nichts sagen. Sie wird mit Weihwasser bespritzt und mit Bibelsprüchen besungen. Die Verteidigung will ein psychologisches Gutachten.

Zum ersten Mal plädiert die Verteidigung auf Schuldunfähigkeit. Das schizophrene Jahrhundert hat mit einer schizophrenen Frau zu tun. Peer Mater und Barbara zitieren in ihrer Graphic Novel aus den Verhörprotokollen, während das Bild, eine ganze sich gleichende Bilderfolge, ihr verdunkeltes, nicht eben böses, wohl aber von Haube und tiefen Falten verschattetes Gesicht zeigt, das erst durch ihre Worte einen Schrecken bekommt: "Allein der Gedanke, wieder Gift zu haben", sagt Gesche Gottfried in den Verhören, "machte mich so besonders zufrieden, was ich mir selbst nicht erklären kann."

Wenn in den Zeichnungen, mitunter durch prügelhart aufs Papier gehauener Graphit, die junge Schriftstellerin, noch ganz im Gewand alter Zeiten mit vielen Röcken und gebundener Taille durch die unterirdischen Geheimgänge von Bremen geführt wird, nur eine Hoffnung von Kerze in die Dunkelheit glimmt, während die junge Frau die letzten Stufen wieder hinaufsteigt und in der Mittagssonne pünktlich zur letzten Hinrichtung in Bremen, im Jahr 1818, auftaucht – dann unterwandert sie nicht nur den ehrwürdigen Marktplatz und ehrwürdige, gierige, auf die Hinrichtung wartende Menschenmassen: Sie durchquert das ganze rumpelnde 19. Jahrhundert.

 

Auf einem ganz anderen Pflaster zeichnet Posy Simmonds. Die Figuren sind hell, die Landschaft bunt und friedlich, die Zeit unsere. Die Schriftstellerenklave nahe London zeigt sich nach Außen wie ein Paradies, wie eine Traumvorstellung von Frieden und Freiheit. Apfelkuchen, potente Natur, Gärtner, Köchin, Ruhe zum Schreiben. Das ganze ist nicht weniger Schizophren. Da ist der eitle Schriftsteller, der seine Frau betrügt, belügt, und bei jeder attraktiven Frau seinen Charme-Motor anwirft und durch die Geschichte knattert, wie ein unangenehmes Traktorgeräusch. Gestört wird diese, nur scheinbare Eintracht, durch die Klatschkolumnistin Tamara Drewe.

Die Autorin Posy Simmonds macht eine unglaubliche Welt mit mehr als einem Dutzend Figuren auf, mit Neben- und Parallelgeschichten, Sprüngen in die Vergangenheit und erzählt aus mehreren Perspektiven. Ihr gelingt es sogar, die Geschichten, die Gedanken und Monologe konsequent glaubhaft zu beschreiben. Das schrammt manchmal, weil es solche Geschichten eben auch tun, ganz nah am Trash, an einer Daily-Soap vorbei, was zumal mit diversen, sorgfältig weichgezeichneten erotischen Szenen, über denen nur Geilheit, etwas Lustverhöhnendes schwebt, grenzwertig sein kann. Trotzdem: Sie zeigt so aufwändig wie möglich, aus welchem Material diese Welt aus Literaten, Verlegern, Kritikern und Akademikern gemacht ist – aus sehr leicht angesetzten, schnell verblassenden Buntstiftstrichen.